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ESSAY
Johanna Metz
Zeitenwende in Nahost

Volker Perthes sieht die gesamte Region im Zerfall begriffen

"Es ist kompliziert." So lautet eine Option im Feld "Beziehungsstatus" bei Facebook. Auf den Status der Beziehungen im Nahen Osten trifft das fatalerweise seit Jahrzehnten zu. Warum diese Beschreibung aber nie zutreffender war als heute, versteht, wer das neue Buch des Nahostexperten Volker Perthes liest: "Das Ende des Nahen Ostens, wie wir ihn kennen". Der 57-jährige Politikwissenschaftler und Chef der Stiftung Wissenschaft und Politik spricht darin von nichts Geringerem als einer "Zeitenwende" im Nahen Osten und warnt vor einem drohenden Zerfall der gesamten Region.

Perthes schildert, wie die Protestbewegungen in Tunesien, Ägypten, Libyen und Syrien 2011 zur Auflösung autoritärer Ordnungen geführt haben, ohne dass neue entstanden wären - auch weil Europa dafür seiner nach Ansicht zu wenig getan hat. Und wie dadurch Kräfte freigesetzt wurden, die vorher unter Kontrolle waren oder zumindest zu sein schienen - mit den bekannten Folgen: länderübergreifende politische und konfessionelle Konflikte, die jedoch, prophezeit Perthes, nicht etwa das Ende, sondern erst den "Beginn einer langen Phase von Turbulenzen und Wandlungsprozessen" einläuten, "die kein Land völlig unberührt lassen wird". Den "Megatrend" sieht er im Zerfall der regionalen Ordnung - "ohne dass jemand da wäre, der sie wieder zusammenbaut". Für sein Werk hat Perthes bewusst ein oft vernachlässigtes Genre gewählt: den Essay. Er verzichtet also auf eine ausgefeilte Analyse und versucht stattdessen, die Entwicklungen in der Region seit 2011 gedanklich zu erfassen. Das ist klug, macht es doch das komplizierte Beziehungsgeflecht im Nahen Osten, bestehend aus unzähligen Ethnien, Identitäten, Konfessionen und Ideologien, ohnehin nahezu unmöglich, das Geschehen zu objektivieren. Alle Akteure berufen sich hier, vielfach über Staatsgrenzen hinweg, auf ein eigenes Narrativ, gerade im Hinblick auf den richtigen "Way of life" im Islam. "Und natürlich", bemerkt Perthes, "gehen diese Narrative manchmal ineinander über". Konsistenz sei in solchen Fragen kaum zu erwarten. Und weil in Nahost "der Feind meines Feindes eben oft nicht automatisch mein Freund ist", wie er hinzufügt, wird dem Leser dieses hochinteressanten, sehr lesenswerten Buches bald erschreckend klar, warum es eine einfache und schnelle Lösung, etwa für den Bürgerkrieg in Syrien, weder geben kann und noch geben wird.

Die Rolle Europas Im letzten Kapitel seines Buches fällt Perthes doch kurz aus der Rolle des Essayisten und skizziert, ganz Politikberater, konkrete Handlungsoptionen für eine europäische Nahost-Politik. Europa, ist Perthes überzeugt, sollte sich nicht nur intensiv um eine Entspannung zwischen den Regionalmächten Iran und Saudi-Arabien bemühen, da ohne sie weder der Syrien-Krieg beendet noch der "Islamische Staat" (IS) erfolgreich bekämpft werden könne. Europa sollte bei seinen Bemühungen um eine Beilegung der Konflikte ausdrücklich auch vor einer Kooperation mit autoritären Staaten nicht zurückzuschrecken, denn: "In jedem Fall ist es leichter, mit einem schwierigen, aber funktionierenden Partner umzugehen, als mit gescheiterten Staaten."

Ob das in der Praxis funktioniert, kann Perthes bald selbst überprüfen: UN-Generalsekretär Ban Ki-Moon hat ihn kürzlich in ein vierköpfiges Gremium berufen, das zwischen den kriegsführenden Parteien in Syrien vermitteln soll.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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