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KULTURKRITIK
Sören Christian Reimer
Zurück zu den Wurzeln

Udo Di Fabio warnt vor Selbstvergessenheit

Der Westen schwankt. Und dies hat er sich selbst zuzuschreiben. So sieht es zumindest Udo Di Fabio in seinem jüngsten Werk. Konservativ angehaucht, diagnostiziert der ehemalige Bundesverfassungsrichter, dass der Westen seinen kulturellen und normativen Hintergrund vergessen habe und deswegen drauf und dran sei, auch die wichtigen Funktionslogiken des modernen Verfassungsstaates über Bord zu werfen.

Der Rundumschlag seiner Zeit- und Gesellschaftsdiagnose reicht von Ideengeschichte über systemtheoretische Analyse bis hin zu rechtsphilosophischen Ausführungen.

Renaissance-Humanismus Ideenpolitischer Ausgangspunkt seiner Ausführungen ist die von ihm eingeforderte Rückkehr zum Renaissance-Humanismus. Dort verortet er die "eigentliche Geburtsstunde der westlichen Neuzeit" und das sie tragende Menschenbild - und nicht etwa erst in der Aufklärung des 17. und 18. Jahrhunderts. Von diesem Hintergrund kritisiert er die zunehmende Entdifferenzierung der gesellschaftlichen Einheiten wie beispielsweise Recht, Politik und Wirtschaft. Die Euro-Krise dient ihm als Beispiel.

Bei aller Dramatik und pointierter Sorge: Di Fabio schriebt keinen Nachruf auf den Westen. Pessimistische Untergangsszenarien in der Tradition eines Oswald Spengler sind ihm eher fremd, auch wenn er nicht gänzlich ohne auskommt. Di Fabio analysiert, kritisiert und attackiert: Von Rousseau über Peter Singer bis hin zu - aus seiner Sicht - schlecht informierten Bundesverfassungsrichtern ist niemand vor seinen Spitzen sicher, um das Modell der westlichen Zivilisation zu verteidigen und wiederzubeleben. Dafür reichen ihm die 246 Textseiten kaum aus. Auch die auf 25 eng bedruckten Seiten gepackten 311 Anmerkungen bieten den Lesern noch jede Menge Anregungen zum Weiter- und Nachdenken.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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