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Stalin
Aschot Manutscharjan
Wider die Lügen und Verzerrungen

Oleg Chlewnjuk geißelt in seiner Biographie den neuen Mythos in Russland

Oleg Chlewnjuks neue Stalin-Biographie liest sich wie eine Begleitmelodie zum aktuellen Disput zwischen dem Westen und Russland. Ein solches Buch gerät da schnell zum Politikum. Ohne falsche Scham ob seiner Gräuel lobt Russlands Präsident Putin Josef Stalin als "effektiven Leader und Manager", als bedeutenden Staatsmann, der Deutschland im Großen Vaterländischen Krieg besiegt habe: "Niemand darf Steine auf denjenigen werfen, der den Sieg organisierte." Tatsächlich entwickelte sich in Russland den letzten zehn Jahren ein neuer Stalin-Kult. Jung und Alt tragen bei Demonstrationen Porträts des Generalissimus während die Moskauer Machtvertikale ideologischen Beistand intoniert.

Diese Umdeutung der Geschichte bewertet der renommierte Stalin-Experte Chlew-njuk - er ist wissenschaftlicher Mitarbeiter beim Russischen Staatsarchiv - als Vernebelung des Verstands durch den "Mythos eines 'alternativen' Stalin, dessen effiziente Führung als nachahmenswertes Vorbild gepriesen" werde. Tatsächlich prägen im heutigen Russland pseudowissenschaftliche Rechtfertigungsschriften das offizielle Stalin-Bild, allen voran das Buch von Swjatoslav Rybas, erschienen in der populären Reihe "Das Leben außergewöhnlicher Menschen". Hier wird der Diktator von seinen Apologeten zum Nachfolger von Zar Iwan dem Schrecklichen und Zar Peter dem Großen stilisiert. Auch deren Politik sei hart, aber notwendig gewesen, um das "Heilige Russland" vor seinen Feinden zu schützen.

Chlewnjuk kritisiert in seiner perfekt recherchierten und glänzend geschriebenen Biographie nicht nur die "prostalinistischen Lügen und Verzerrungen", sondern vor allem die von Historikern und Politikern geäußerte Vorstellung eines "modernisierenden Stalinismus": Der Sowjetführer habe zwar zahllose Terroropfer in Kauf genommen; diese seien aber die natürliche Voraussetzung für die notwendige Modernisierung des Agrarlands zur Industrienation und Atommacht gewesen.

Eindringliche Warnung Das besondere Verdienst Chlewnjuks besteht darin, dass er die in der Geschichtswissenschaft verbreitete These über den "unvermeidlichen Stalinismus" als Folge der autoritären Traditionen in Russland widerlegt. Eindringlich warnt er seine Heimat davor, im 21. Jahrhundert die Fehler des 20. Jahrhunderts zu wiederholen.

Chlewnjuk konzentriert sich auf die bedeutendsten Ereignisse in Stalins Leben. Neben wissenschaftlichen Studien über Stalins Innen- und Außenpolitik wertete er die Dokumente in den russischen Archiven aus, die neue Erkenntnisse über die Funktionsweise des stalinistischen Systems liefern. Dazu gehören insbesondere Stalins Briefe, handschriftliche Notizen in seinen Büchern, die Besucherhefte seines Büros im Kreml oder die für ihn ausgewählten Zuschriften aus der Bevölkerung mit seinen Randbemerkungen. Allerdings konnte auch Chlewnjuk die einige Tausend Seiten umfassende Tageskorrespondenz Stalins nicht auswerten, die zum Verständnis seiner Motive so wichtig wäre. Diese Dokumente sind bislang noch als "geheim" klassifiziert und werden im "Archiv des Präsidenten der Russischen Föderation" aufbewahrt.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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