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Franz Josef Strauß
Hans Krump
Erinnerungen an den CSU-Übervater

Peter Siebenmorgen hat eine kluge und abwägende Biografie vorgelegt

700 Seiten Biografie über Franz Josef Strauß? Keine Angst: Das Werk, das der Journalist und Politikwissenschaftler Peter Siebenmorgen zum 100. Geburtstag des CSU-Matadoren vorgelegt hat, ist kein trockener Riesenband zum Erschrecken, sondern von der ersten bis zu letzten Zeile vorzügliches Lesevergnügen. Hier hat sich jemand jahrelang in das umfängliche politische und private Leben des Übervaters der bayerischen Christsozialen bis zur Erschöpfung eingearbeitet und ein kenntnisreiches und zudem stilistisch bemerkenswertes Werk vorgelegt. Schöpfen konnte Siebenmorgen aus dem Zugang zum Nachlass von Franz Josef Strauß und den Tagebüchern seiner Ehefrau Marianne.

Auch 27 Jahre nach seinem Tod ist der langjährige bayerische Ministerpräsident, CSU-Chef sowie mehrmalige Bundesminister kein Politiker, der einen kalt lässt. Siebenmorgen versucht, dem Rätselhaften dieses politischen Phänomens mit Fähigkeiten des gnadenlosen Polarisierens, der glänzender Rhetorik, einem barockem Lebensstil und ausgeprägten Machtwillen auf die Spur zu kommen. Am Ende findet auch der Autor nicht die große erklärende Formel, sondern bilanziert: "Will man Leben und Streben von Franz Josef Strauß auf einen einzigen Begriff bringen, so fällt die Antwort denkbar einfach: Freiheit."

Die sieht er zeit seines politischen Lebens vor allem durch das Sowjetimperium und die Linken der 1968er-Generation bedroht, die er wenig zimperlich attackiert. Geprägt in einem katholischen Elternhaus war Strauß aber auch nie empfänglich für die Parolen des Nationalsozialismus.

Schnelle Karriere Siebenmorgen schildert ausführlich, wie sich der Metzgersohn aus kleinen Münchner Verhältnissen mit Faible für alte Sprachen und bestem bayerischen Jahrgangsabitur hocharbeitet und nach dem Zweiten Weltkrieg schnell Karriere in der Politik macht. 1949 mit Mitte 30 im ersten Bundestag, wird er 1953 jüngster Minister im Kabinett Adenauer, für "Sonderaufgaben", dann Atomminister. Seine nuklearen Ambitionen später als Verteidigungsminister betrachtet Strauß als Weg zur bundesdeutschen Gleichberechtigung im westlichen Bündnis. Siebenmorgen sieht diese Zeit Ende der 1950er/Anfang 1960er Jahre als "beste Jahre" von Strauß "auf dem Weg ins Kanzleramt". Dieses große Ziel bleibt ihm aber zeitlebens verwehrt - sein großes Trauma.

Gescheitert sei Strauß an sich selbst, schreibt Siegenmorgen - am Unbeherrschtsein und gewisser Exzentrik, am Widersacher Helmut Kohl und an Rudolf Augstein, der ihn als "gefährlichen Mann" einstuft . Die "Spiegel"-Affäre 1962 beendet die Karriere des Verteidigungsministers Strauß. Im "Spiegel" ergießen sich über Strauß nun ständig Affärengeschichten von Korruption bis zu Frauen.

Nach der verlorenen Bundestagswahl 1980 als gescheiterter Kanzlerkandidat bleibt Ministerpräsident Strauß als "trauriger König" von Bayern zurück, sichtlich alternd bis zum Tod 1988. Strauß ist in einigem gescheitert, etwa in seiner Gegnerschaft zur Brandtschen Ostpolitik oder in seinen Atomplänen. Er hat aber auch nachhaltige Erfolge erzielt, so mit seinen Impulsen für die Modernisierung Bayerns, dem Erfolgsweg des Airbus oder dem Ausgleich widerstreitender Interessen in der CSU. Siebenmorgen hat eine abwägende Biografie geschrieben, in der der zum Mythos gewordene ohne Lobhudelei gut wegkommt. Zur Stärke des Bandes gehört auch die präzise Beschreibung der ersten Jahrzehnte der Bundesrepublik, in deren politischer Landschaft Strauß wie ein Fisch im Wasser schwimmen konnte - im Kontrast zur heutigen "Konsensgesellschaft", in der er wohl ziemlich "aus der Zeit gefallen" wäre.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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