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MEDIEN
Susanne Kailitz
Die Abrechnung

Wolfgang Herles über ARD und ZDF

Gut 40 Jahre lang hat Wolfgang Herles als Journalist gearbeitet und schaut auf eine lange und erfolgreiche Karriere beim öffentlich-rechtlichen Fernsehen zurück. Dass es dort nicht immer nur um Qualität geht, hat er früh erfahren: 1991 wurde Herles auf Drängen des damaligen Bundeskanzlers Helmut Kohl als Leiter des ZDF-Studios abberufen, weil er zu kritisch war - scharfe Nachfragen und unerbittliches Nachbohren waren bei Politikern damals genauso unbeliebt wie heute.

Doch heute ist es, davon ist Herles überzeugt, auch viel seltener geworden. Kurz bevor der Journalist sich in die Rente verabschiedet, hat er mit seinem Buch "Die Gefallsüchtigen - Gegen Knformismus in den Medien und Populismus in der Politik" eine scharfe Abrechnung mit ARD und ZDF vorgelegt. Seine Diagnose ist klar: Das öffentlich-rechtliche Fernsehen hat die Wahl nur zwischen zwei Alternativen - Reform oder Abschaffung.

Qualität statt Quote Die Öffentlich-Rechtlichen müssten zurückkehren zu Information, Kultur und Bildung. Und sich dabei grundlegend anders orientieren: an Qualität statt Quoten. Man spürt die Wut, mit der Herles beschreibt, wie er nach der ersten "Aspekte"-Sendung im Januar 2000 von seinem Programmdirektor angerufen wurde und gesagt bekam, das sei "ja wohl ein Fehlstart" gewesen. Zur Sendung habe der Direktor kein einziges Wort gesagt, nur zu den Zuschauerzahlen. Eigentlich seien ARD und ZDF durch die Rundfunkgebühren davon befreit, gefallen zu müssen. Aber statt ihrem gesellschaftlichen Auftrag nachzugehen, jagten sie nur der Quote nach.

Doch nicht nur die Fernsehmacher, denen die Qualität zum zweitwichtigsten Kriterium geworden sei, nimmt Wolfgang Herles ins Visier. Auch Politiker, die mutlos und angepasst handelten, seien schuld an der Verschlechterung des Programms. Eine "Gefallsucht" schwäche die Gesellschaft; es gehe nicht mehr um Haltungen oder Programme: "Es geht darum, wer den Bürgern gefällt". Gesendet werde, was beliebt ist, nicht das Relevante.

Herles schlägt vor, die Sender anders zu finanzieren. Solange die Gebühr bleibe, "werden die Anstalten sie auch für ein Programm ausgeben, das mit ihrem gesellschaftlichen Auftrag nichts zu tun hat". ARD und ZDF müssten vielmehr direkt aus Steuermitteln finanziert werden, ähnlich der "Stiftung Preußischer Kulturbesitz". So, wie es aktuell sei, mache sich das öffentlich-rechtliche Fernsehen selbst überflüssig. "So, wie es sein sollte, wäre es unverzichtbar."

Aus Politik und Zeitgeschichte

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