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TÜRKEI
Susanne Güsten
Die Flüchtlinge sind im Land kaum integriert

Immer weniger Migranten wollen bleiben

Es ist ein regnerischer Nachmittag in der Istanbuler Innenstadt. Alper Haydar, 40, hat sich in einer Passage untergestellt und sieht den syrischen Bettlern auf der Straße zu. Zwei Millionen Flüchtlinge aus dem Bürgerkriegsland hat die Türkei in den vergangenen vier Jahren aufgenommen. Zwar bringt Haydar wie viele andere Türken nach wie vor großes Mitgefühl mit den Neuankömmlingen auf, doch er sieht auch die Probleme. Weil es den Syrern schlecht gehe, seien sie bereit, für Hungerlöhne zu arbeiten, sagt Haydar. "Die Jobs gehen an Syrer, weil die Türken zu teuer sind." Dass viele der Flüchtlinge weiter nach Europa wollen, kann er gut verstehen. "Ich habe gehört, dass Flüchtlinge dort 500 Euro im Monat kriegen - das verdiene ja ich kaum."

Die Türkei spielt eine Schlüsselrolle bei den Bemühungen der EU, den Zustrom von syrischen Flüchtlingen zu begrenzen. Brüssel und Ankara haben sich daher auf eine Zusammenarbeit geeinigt, die dazu führen soll, dass mehr Flüchtlinge als bisher in der Türkei bleiben (siehe Text links). Doch ein Blick auf die Lage im Land macht deutlich, dass dies nicht einfach sein wird. Nach Einschätzung von Experten hat die Türkei den Übergang von der Erstaufnahme der Menschen hin zu einer wirksamen Integration versäumt.

Gleich zu Beginn des Syrien-Konflikts bekannte sich die türkische Regierung zu einer "Politik der offenen Tür", die jedem Flüchtling ein Bleiberecht zusprach. Syrer, die nicht bei Verwandten unterkommen konnten, wurden in Flüchtlingslager gebracht, von denen es inzwischen mehr als 20 gibt und die als vorbildlich gelten. In den Containersiedlungen gibt es Moscheen, Krankenstationen und Schulen für die Kinder. Flüchtlinge erhalten ein Handgeld, mit dem sie sich in den ebenfalls im Lager eingerichteten Supermärkten selbst versorgen können.

Allerdings ist der Zustrom der Menschen so stark angeschwollen, dass die Lager nicht mehr ausreichen. Heute leben nur noch 15 Prozent der Flüchtlinge in den Lagern, die anderen wohnen bei Verwandten oder auf der Straße oder haben sich Wohnungen gemietet. Da das türkische Recht Flüchtlinge aus Nahost-Staaten nicht als asylberechtigt anerkennt, gelten die Syrer als "Gäste". Das höre sich freundlich an, habe aber einen Pferdefuß, sagt der Migrationsforscher Murat Erdogan von der Hacettepe-Universität in Ankara: "Gäste haben keine Rechte, Flüchtlinge schon."

So dürfen die Syrer in der Türkei offiziell nicht arbeiten. Deshalb heuern viele Flüchtlinge, denen nach den Jahren in der Fremde das Geld ausgeht, als Schwarzarbeiter auf dem Bau oder in der Landwirtschaft an. Dies drückt in einigen Gebieten das Lohnniveau, während gleichzeitig vielerorts wegen der Nachfrage der Syrer die Wohnungsmieten steigen. Probleme gibt es auch bei der Einschulung syrischer Kinder. Rund 400.000 der 600.000 Minderjährigen unter den Flüchtlingen gehen nicht zur Schule. Das Bildungsministerium warnt vor einer "verlorenen Generation", die in die Kriminalität abdriften könnte.

Arabische Ladenschilder gehören in vielen türkischen Städten längst zum Alltag; die Stadt Kilis an der Grenze wurde kürzlich zur ersten türkischen Kommune, in der mehr Syrer als Türken leben. Das schafft Ressentiments. Immer wieder beschweren sich türkische Kleinunternehmer, dass syrische Schnellimbisse oder Krämerläden keine behördlichen Auflagen erfüllen müssen, weil die Verwaltungen froh sind, dass die Flüchtlinge in Lohn und Brot sind. Einige der dramatischsten Stimmenverluste bei der Parlamentswahl im Juni verzeichnete die Regierungspartei AKP von Präsident Recep Tayyip Erdogan daher in den Regionen entlang der syrischen Grenze.

Die immer schwieriger werdenden Lebensbedingungen von Flüchtlingen in der Türkei treiben viele Menschen in die Arme der Schlepper und auf die Boote nach Griechenland. In der Türkei sehen sie keine Zukunft mehr. Ein Zeichen für die Tatsache, dass Europa für Flüchtlinge am Bosporus eine wachsende Anziehungskraft entwickelt, ist die Tatsache, dass syrische Pässe auf dem Schwarzmarkt in Istanbul zur heiß begehrten Ware geworden sind; Flüchtlinge, die sich als syrische Bürger ausweisen können, haben gute Chancen, in der EU als Asylberechtigte anerkannt zu werden. Türkische Regierungspolitiker ließen sich mit der Bemerkung zitieren, mit freigiebigen Sozialleistungen hätten Länder wie Schweden oder Deutschland einen Sog ausgelöst.

Experten sehen die Antwort auf die Frage, warum viele Syrer die Türkei verlassen wollen, nicht im europäischen Sozialstaat, sondern in der Türkei selbst. Sie fordern, die Regierung müsse sich damit abfinden, dass die Flüchtlinge auf Dauer bleiben würden. Ein solcher Mentalitätswandel sei erst recht vonnöten, wenn die Türkei im Rahmen ihres Deals mit der EU mehr Syrer als bisher im Land behalten soll.

Die Türkei tue immer noch so, als werde der syrische Präsident Baschar al-Assad jeden Moment gestürzt und die Syrer könnten bald alle wieder nach Hause gehen, sagt Migrationsforscher Erdogan. Doch dies werde nicht geschehen, deshalb müsse die Türkei ihnen außerhalb der Lager den geordneten Zugang zu Arbeit, Bildung und Gesundheitssystem ermöglichen. Dies allerdings wäre angesichts steigender Arbeitslosigkeit und nachlassender Konjunktur sehr unbeliebt bei den türkischen Wählern, räumt Experte Erdogan ein. Vorübergehend erwogene Pläne für begrenzte Arbeitsgenehmigungen für Syrer verschwanden deshalb wieder in den Schubladen. An diesen Problemen werde auch die in Aussicht gestellte EU-Finanzhilfe nichts ändern. Erdogan: "Das wird die ganze Welle nicht stoppen."

Die Autorin ist freie Korrespondentin in der Türkei.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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