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Sachsen
Susanne Kailitz
Zerplatzte Träume in Deutschland

Jamal ist die Flucht aus Afghanistan nach Dresden gelungen. Er kann nicht bleiben - und will es auch nicht

"Schon als kleines Kind war es mein Traum, nach Deutschland zu kommen", sagt Jamal. Und fügt lachend hinzu: "Das wollen bei uns zu Hause alle. Sie sagen: Wenn du in Deutschland bist oder in Kanada, dann hast du es geschafft." Jamal hat es geschafft. Er sitzt am Tisch im "Human Care"-Büro eines Übergangsheims für Asylbewerber im Dresdner Westen. Seit drei Monaten lebt er hier, gemeinsam mit seinem Vater Ali und seinem Bruder Tarik. Ist der Traum nun in Erfüllung gegangen? "Nein. Eigentlich wollen wir nur noch weg."

Angepöbelt Es ist eine wilde Geschichte, die Familie Tarzi erzählt. Eigentlich heißen sie nicht so, aber sie wollen keinesfalls, dass jemand daheim erfährt, dass sie nun in Deutschland sind. Nicht einmal der Onkel, der es inzwischen nach Berlin geschafft hat, soll davon erfahren. In Afghanistan leben die Tarzis schon lange nicht mehr. "Mein Vater hat dort für das Militär und damit für die damalige kommunistische Regierung gearbeitet", erzählt Jamal. Aber in ihrem Dorf hätten alle anderen zu den Mudschaheddin gehört, Guerilla-Gruppen, die gegen das sowjetische Regime kämpften und Anfang der 1990er Jahre die Macht übernahmen, bis sie wiederum von den islamistischen Taliban verdrängt wurden. Sein Vater sei angegriffen worden, man habe eine Granate in das Haus der Familie geworden. "Damals ist mein Bruder von Splittern getroffen worden. Seitdem ist er auf einem Auge blind."

Die Familie sei dann in den Iran geflüchtet. Doch im Nachbarland ergehe es Afghanen nicht gut. "Wir waren dort nichts wert. Wir durften nicht in die Schule, nicht studieren. Es gab keine Zukunft für uns." Er habe als Hausmeister gearbeitet, erzählt Jamal, sein Bruder Tarik als Klempner und der Vater als Schweißer. Und dann habe sich die ganze Familie auf den Weg nach Deutschland gemacht. Angekommen ist nur ein Teil: Ihre Mutter sei mit den beiden anderen Brüdern in Griechenland, lebe dort in einem Lager.

Doch glücklich ist auch der Teil der Tarzis nicht, der es bis Dresden geschafft hat. "Es ist schrecklich. Wir fühlen uns unwohl, niemand will uns hier." Jamal erzählt davon, wie er und sein Bruder im Bus bepöbelt und getreten wurden, "niemand antwortet einem, wenn man um Hilfe fragt".

Die Tarzis sind im Pegida-Land gelandet: Wohl nirgendwo sind die Vorbehalte gegen Asylsuchende und Fremde so groß wie in Sachsen. Und nirgendwo sind die Angriffe so massiv: Erst waren Jamal und seine Familie in Freital untergebracht. Dort versammelten sich tagelang vermeintlich besorgte Bürger vor der Erstaufnahmeeinrichtung, um lautstark ein Verschwinden der Flüchtlinge zu fordern. Dann ging es nach Dresden. Das Übergangsheim hier ist neu, bis vor wenigen Monate war das Gebäude ein Hotel. Als der Besitzer es der Stadt für die Unterbringung von Flüchtlingen anbot, gab es innerhalb weniger Tage eine Reihe von Angriffen - mit Steinen, Böllern, Buttersäure.

Er verstehe nicht, warum er und die anderen hier im Heim von den Leuten draußen so gehasst werden, sagt Jamal. "Das ist total verrückt: Es gibt diese Leute, die nur wollen, dass wir verschwinden. Und dann gibt es Helfer, die sind noch viel freundlicher als wir es von Muslimen kennen. Wieso ist das so, dass die Deutschen so unterschiedlich sind?" Auf die Frage, ob es auch etwas gibt, das er an Deutschland gut finde, lacht Jamal. "Ja, natürlich. Dass alle Bürger hier die gleichen Rechte haben. Und dass sogar wir Rechte haben, obwohl wir keine Bürger sind. Das ist unglaublich. Ganz anders als zu Hause."

Doch viel Zeit in Deutschland wird den Tarzis nicht mehr bleiben. Weil die Brüder in Österreich registriert wurden, müssen sie im Rahmen des Dublin-Verfahrens dorthin zurück. "Wir können es eigentlich gar nicht mehr abwarten. In Österreich ist jeder freundlich, die Leute sagen Hallo und wollen helfen. Das ist besser als hier." Ob aus dem Traum, Tarik könne irgendwann Musik studieren, Jamal eine Ausbildung zum Polizisten machen, in Österreich etwas wird? "Ich weiß es nicht. Die Hauptsache ist, wir können irgendwann wieder mit meiner Mutter und meinen Brüdern zusammenleben. Wenn das in Europa nicht klappt, gehen wir zurück." In den Iran? Oder sogar in das kriegsgebeutelte Afghanistan? "Ja, das ist mir ganz egal, die Familie ist das Wichtigste." Ohne sie sei der schönste Traum in der Realität nichts wert.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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