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EDITORIAL
Jörg Biallas
Reden über Politik

Es wird viel geschimpft in diesen Tagen. Die Bundesregierung, ist zu hören und zu lesen, habe die Flüchtlingskrise nicht im Griff und böte keine zielführenden Ansätze zur Lösung der Probleme. Länder und Kommunen würden bei der Versorgung der Migranten von der Bundespolitik nicht ausreichend unterstützt. Und überhaupt: So könne es doch nicht weitergehen, wo das denn hinführen solle?

Die Sorgen sind nachvollziehbar. Der anhaltende Zustrom von Flüchtlingen geht einher mit wachsenden Schwierigkeiten in den Aufnahmeeinrichtungen. Hierzu zählen auch körperliche Auseinandersetzungen, sexuelle Übergriffe, kleinkriminelle Delikte. Dieses Verhalten ist ein Affront gegen einen Gastgeber, der sich große Mühe gibt, die Asyl suchenden Menschen fair und gesetzeskonform zu behandeln. An diese Grundsätze müssen sich selbstverständlich auch die Gäste halten. Schließlich suchen sie Schutz in einem Rechtsstaat.

Gemessen an der Masse der Flüchtlinge verzerren die Berichte über Gesetzesverstöße einzelner Migranten allerdings das tatsächliche Bild. Die allermeisten benehmen sich nämlich anständig. Um jenen zu helfen, sind in Deutschland Tausende im Einsatz. Es ist nicht abgedroschen, diesen Menschen immer wieder zu danken. Das sehen auch die Abgeordneten im Bundestag so, jenseits des Streits über die richtige Flüchtlingspolitik, der in der vergangenen Woche breiten Raum einnahm.

Kaum beachtet wird indes ein Effekt der Debatte, der in diesen Tagen an Schulen und Hochschulen, am Arbeits- und auf dem Sportplatz, in der Straßenbahn und im Supermarkt zu beobachten ist: Die Leute reden über Politik und über Politiker. Das tun sie zwar oft kritisch, aber keineswegs nur negativ, plump und herabwürdigend. Der von Verachtung geprägte Pegida-Faktor ist deutlich niedriger als angesichts der bedrohlich wirkenden Herausforderungen zu befürchten wäre.

Das ist ermutigend und widerspricht der pauschalen These derer, die lautstark wie einfältig vortragen, Politik sei den Bürgern egal. Politik ist nichts Abstraktes, nichts Theoretisches, nichts, das im stillen Kämmerlein verhandelt wird. Politik ist konkret, die Folgen sind vor der eigenen Haustür zu besichtigen. Im besten Fall mit Antworten auf drängende Fragen. Mitunter auch mit Problemen, die noch ungelöst sind. Über Politik nur zu schimpfen, hilft nicht weiter. Darüber zu reden hingegen schon.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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