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KURZ REZENSIERT
Sören-Christian Reimer

Carola Hilbrand: Saubere Folter, Transcript Verlag, Bielefeld 2015; 282 S., 29,99 €

Die dunklen Seiten des von den USA seit 2001 geführten "War on Terror" - Verschleppung von echten und vermeintlichen Terroristen, ihre Inhaftierung in Geheimgefängnissen und ihre Folter durch Militär und Geheimdienste - sind Gegenstand der komplexen Studie "Saubere Folter" der Medienwissenschaftlerin Carola Hilbrand. Der Autorin geht es jedoch weniger um eine (politik-)geschichtliche Aufarbeitung, sondern um die Frage, wie die sogenannte "saubere Folter" eigentlich wirkt und was sie so perfide macht.

Die als "verschärfte Verhörmethoden" euphemisierten Mechaniken des Quälens beschreibt Hilbrand als "unsichtbare Gewalt". Was sie auszeichne, sei ihr "Abwesen". Die Gewalt bleibe faktisch unsichtbar. Praktiken der Erniedrigung zum Beispiel durch erzwungene Nacktheit, Drohungen durch Schein-Exekutionen oder sensorische Desorientierung durch Wärme- und Musikfolter oder Isolation manifestierten sich eben nicht als Narben und Wunden am Körper, sondern wirkten tiefer, dienten dem psychischen Brechen des Opfers.

Unsichtbar und "unwissbar" seien auch die Orte, an denen diese Folter stattfinde, "Nicht-Orten" wie Geheimgefängnisse und sogenannte "Black Sites". Die Verschleppten würden zudem in der Rechtsordnung zum Verschwinden gebracht. Die Menschenrechte und die Genfer Konvention gelten für sie nicht. Dieses "Abwesen" der "sauberen Folter" verbindet sich laut Hilbrand mit der "Unsagbarkeit" des Erlittenen. Es versage schlicht die Sprache, wenn es darum geht, zu beschreiben, was "saubere Folter" mit der Opfern macht.

Mit dem aus den Theaterwissenschaften entlehnten Ansatz der "analytischen Theatralität" und einem gut sortieren sozial- und kulturwissenschaftlichen Zettelkasten nähert sich Carola Hilbrand in ihrer Spurensuche den beschriebenen Phänomenen. Dabei greift sie auf spannende Quellen zurück. Sie zieht sowohl Interviews mit den Opfern als auch detaillierte Handbücher des US-Militärs heran. Eine herausfordernde Lektüre, aber sehr lesenswert.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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