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AFGHANISTAN
Johanna Metz
»Ohne die Frauen wird sich bei uns nichts ändern«

Die neue Einheitsregierung will bis Mitte 2016 ein Programm zur Stärkung von Frauen vorlegen

Afghanistan, das sei "der schlimmste Ort, an dem ein Mädchen zur Welt kommen kann". Mit diesen Worten hat eine afghanische Frau der Journalistin Jenny Nordberg die Lage in ihrem Heimatland beschrieben. Die Pulitzer-Preisträgerin hat während der Recherchen für ihr jüngstes Buch eine interessante Entdeckung gemacht: Immer häufiger geben sich junge Afghaninnen als Jungen aus, um endlich das tun zu können, was Frauen in ihrer Heimat oft verwehrt wird: zur Schule oder zur Arbeit gehen, Sport treiben, frei und selbstbestimmt leben.

Im Entwicklungsausschuss des Bundestages berichtete in der vergangenen Woche auch die afghanische Ministerin für Arbeit und Soziales, Nasrin Oryakhil, von der schwierige Lage der Frauen in ihrem Land. Zwar seien sie Männern inzwischen vor dem Gesetz gleich gestellt, erklärte sie. Doch die Realität sehe oft anders aus. Diskriminierungen und Gewalt gegen Frauen seien alltäglich, viele dürften das Haus nicht verlassen. Die Folge sei, dass 80 Prozent aller afghanischen Frauen weder lesen noch schreiben könnten. Nur 29 Prozent gingen einer geregelten Vollzeittätigkeit nach.

Die junge Ministerin, eine von vier Frauen im 25-köpfigen Kabinett des neuen Regierungschefs Abdullah Abdullah, will das ändern. Bis Mitte des kommenden Jahres will die neue Einheitsregierung in Kabul einen Plan zur Stärkung von Frauen vorlegen, kündigte Oryakhil im Ausschuss an. Ziel sei es, damit in fünf bis zehn Jahren mindestens zwei Millionen Frauen zu erreichen, beispielsweise, indem ihnen eine Berufsausbildung ermöglicht werde. "Wenn wir die Position der Frauen in Afghanistan nicht stärken, wird sich bei uns nichts ändern", stellte Oryakhil klar.

Die internationale Gemeinschaft bat sie um Unterstützung bei der Umsetzung des Plans. Damit er gelingen könne, müssten "starke Systeme und Strukturen" geschaffen werden.

Neben Oryakhil war auch die "First Lady" Afghanistans, Rula Ghani, in den Entwicklungsausschuss gekommen. Die Frau des Staatspräsidenten Aschraf Ghani - eine im Libanon geborene Christin - lobte unter anderem das vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) ins Leben gerufene Programm zur Förderung der beruflichen Bildung in Afghanistan. Sie sei "sicher", betonte Ghani, dass dieses Programm sehr erfolgreich sein werde. Nach Angaben des BMZ werden derzeit 18.829 afghanische Jugendliche an 35 Berufsschulen im Land ausgebildet, der Anteil von Frauen betrage 23,4 Prozent.

Den internationalen Gebern gab Ghani einen Rat: Bei der Beschreibung ihrer Projekte in Afghanistan sollten sie die Betonung lieber nicht auf die Stärkung von Frauenrechten legen, sondern vielmehr auf die Bedeutung der Familie und des gegenseitigen Respekts. Nur so könne man in einem Land wie Afghanistan auch bei den Männern die nötige Akzeptanz für Maßnahmen erreichen.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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