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Aufgekehrt
Hans Krump
Telefonbuch als Kulturgut

Wann haben Sie das letzte Mal im Telefonbuch geblättert? Nach Umfragen tut dies nur jeder fünfte Deutsche gelegentlich, internetaffine Jüngere deutlich weniger. Unter der Digitalisierung leidet auch das profane Telefonbuch. Nun meldet die Deutsche Telekom, dass sie sich 2017 von der DeTeMedien trennen will. Die Tochtergesellschaft vertreibt in Kooperation mit Partnerfachverlagen das Telefonbuch, das Örtliche und die Gelben Seiten. Es seien "keine Bereiche, auf die wir uns konzentrieren wollen", meldet die Telekom lapidar. Auch wenn laut Telekommunikationsgesetz gedruckte Telefonbücher vorgeschriebene "Universaldienstleistungen" sind: Keiner weiß so richtig , wie es mit dem guten alten Telefonbuch weitergeht. 1881 kam es in Berlin als "Verzeichnis der bei der Fernsprecheinrichtung Betheiligten" mit knapp 100 Teilnehmern erstmals heraus, im Volksmund das "Buch der 99 Narren" genannt. Heute werden einmal im Jahr 100 Millionen der kiloschweren Wälzer quer über die Republik verteilt - in Postfilialen, Tankstellen oder Supermärkten. Oft an Senioren ohne Internet oder Leute, die nur mal schauen wollen, ob ihre Bekannten noch leben. Das Wiedereinsammeln der Millionen Tonnen kaum gelesenen Schwarten - es ist stets eine riesige verschwenderische Recyclingaktion.

Was für ein Verlust für die Menschheit aber wäre es, wenn im Digitalrausch das Telefonbuch eines Tages wirklich stürbe. Ein Buch, wo jeder seinen Namen finden kann. Das Einwohnerverzeichnis einer Stadt. Hilfsmittel für Schriftsteller, die auf willkürlich aufgeschlagenen Seiten Namen für den Roman finden. Und überhaupt: Nervt es nicht, den Computer minutenlang hochzufahren, nur um dort eine banale Telefonnummer zu erfahren? Das gute alte Telefonbuch ist in Sekunden zur Hand, um die nächstgelegene Zahnarztpraxis anzurufen. Hans Krump

Aus Politik und Zeitgeschichte

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