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EDITORIAL
Jörg Biallas
Von Fans und Idolen

In der russischen Leichtathletik ist im großen Stil gedopt worden. Diese Nachricht der vergangenen Woche war wenig überraschend. Ebenso wie die nun auch in Deutschland immer mehr zur Gewissheit werdende Vermutung, dass in den Verbandsorganisationen des Fußballs getäuscht und getrickst, bestochen und betrogen wurde. Beide Erkenntnisse beschädigen den Sport nachhaltig. Und jetzt?

Jetzt wird hier wie da wieder nach schonungsloser Aufklärung und klaren Konsequenzen gerufen. Natürlich nur unter der Prämisse, dass die einträglichen Geschäfte nicht darunter leiden. Die Spiele müssen weitergehen, koste es, was es wolle.

Die Athleten sind in diesem unwürdigen Gezerre Opfer und Täter gleichermaßen. Einerseits leiden sie unter dem Ansehensverlust ihrer Sportart. Andererseits sind sie selbst dafür verantwortlich. Oder gehen zumindest nicht energisch dagegen an.

Wo waren denn die Stimmen der Bundesliga-Fußballer, die sonst eher selten durch Maulfaulheit auffallen, als der DFB-Skandal ruchbar wurde? Den Herren wird es wohl darum gegangen sein, weiterhin in Ruhe Geld verdienen zu können. Und da hält man dann lieber den Mund.

Schweigen war auch beim Doping jahrzehntelang das oberste Gebot. Inzwischen ist das anders. Über Doping wird viel diskutiert. Heute kann niemand mehr behaupten, wie etwa seinerzeit in der DDR unwissentlich gedopt worden zu sein.

Wer also die Leistung mit verbotenen Substanzen steigert, betrügt Gegner und Öffentlichkeit ganz bewusst. Der Beschluss des Deutschen Bundestages, die Einnahme solcher Mittel künftig auch strafrechtlich zu werten, ist also nur folgerichtig.

Zumal der Leistungssport fatale Signale in den Amateurbereich gesendet hat. Längst ist Doping auch im Freizeitsport angekommen. Aus übersteigertem Ehrgeiz oder fehlgeleiteter Eitelkeit werden gesundheitliche Schäden in Kauf genommen, Hauptsache der Bizeps wächst oder die Ausdauer erstarkt.

Sport ist nicht nur Weltmeisterschaft, nicht nur Olympia. Sport sind auch Bundesjugendspiele und Bolzplatz. Das eine bedingt das andere. Ohne Idole bei den Profis keine begeisterten Fans; ohne Fans keine Idole.

Es ist an der Zeit, dass der Sport sich dieser Wechselwirkung wieder bewusster wird.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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