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Helmut Schmidt
Helmut Stoltenberg
Der Lotse ist von Bord

Ein Weltbürger aus Hamburg-Langenhorn

Die Zeichnung zeigt Helmut Schmidt, auf dem Kopf die für ihn typische Prinz-Heinrich-Mütze, beim Verlassen des Schiffes - eine Abwandlung der berühmten Karikatur der britischen "Punch" zur Entlassung Bismarcks, beschriftet mit dem Satz: "Der Lotse geht von Bord". Mit diesem Titelblatt zum Ende von Schmidts Kanzlerschaft traf "Der Spiegel" im Herbst 1982 die Stimmungslage vieler Deutscher. Wirtschaftskrise, Terrorismus, Hochrüstung - es war keine ruhige See, durch die das bundesdeutsche Staatsschiff während der Regierungszeit des Hamburgers trieb, doch vermittelte der Steuermann das beruhigende Gefühl, den rechten Kurs zu halten.

Mehr als acht Jahre lang, vom Mitte Mai 1974 bis Anfang Oktober 1982, war der mediengewandte Hanseat Hausherr im Bonner Kanzleramt - seinem Selbstverständnis nach als "leitender Angestellter des Unternehmens Bundesrepublik Deutschland" Noch mehr als drei Jahrzehnte danach erschien er so manchem im Rückblick als Idealbesetzung für das höchste Regierungsamt: in weltläufig-staatsmännischer Selbstdarstellung ebenso versiert wie als scharfzüngiger Parteipolitiker gefürchtet, vertrauenerweckend als erprobter Krisenmanager wie als philosophisch reflektierender Pragmatiker, pflichtbewusst bis über die Grenze des gesundheitlich Verträglichen hinaus, nicht ohne Eitelkeit und doch bisweilen sichtbar unter der Last der Verantwortung leidend.

Von "Schmidt-Schnauze" über "der Macher" bis "Weltökonom" reichten die Etiketten für den Mann, der zu den Begründern der Weltwirtschaftsgipfel zählt und mit seinem Freund Giscard d'Estaing den Euro auf den Weg brachte, der den Nato-Doppelbeschluss mitinitiierte und sein Land durch den "Deutschen Herbst" 1977 führte, als der RAF-Terror seinen Höhepunkt erreichte. Mit Unnachgiebigkeit reagierte Schmidt auf diese mörderische Herausforderung und war doch zum Rücktritt entschlossen, wäre die Stürmung der entführten Lufthansa-Maschine in Mogadischu gescheitert.

Als der Sohn eines Studienrates mit 55 Jahren zum Kanzler gewählt wurde, gab es keinen anderen deutschen Politiker mit so breiter Regierungserfahrung: Seit 1946 SPD-Mitglied, gehörte der studierte Volkswirt mit einer Unterbrechung ab 1953 dem Bundestag an, war Innensenator seiner Heimatstadt - wo sein beherztes und energisches Eingreifen bei der Hochwasserkatastrophe von 1962 noch heute legendär ist -, später Vorsitzender der SPD-Bundestagsfraktion während der ersten Großen Koalition bis 1969, danach Verteidigungsminister, schließlich Chef des Bundesfinanzministeriums sowie zeitweise als "Superminister" auch des Wirtschaftsressorts. Ein Erfahrungsschatz, der ihn beim Rücktritt Willy Brandts als Regierungschef geradezu prädestinierte für das Kanzleramt.

Später sollte er es einmal als Fehler bezeichnen, von Brandt nicht auch den SPD-Vorsitz übernommen zu haben. Nicht wenige sahen in dem Hobby-Segler und begabten Pianisten "den besten CDU-Kanzler, den die SPD je gestellt" habe, doch die Entfremdung zu weiten Teilen der eigenen Partei nahm mit seinen Kanzlerjahren immer mehr zu.

Da war das böse, auf Schmidt gemünzte Wort Oskar Lafontaines über die Sekundärtugenden, mit denen man auch ein KZ betreiben könne (Schmidts im Jahr 2008 gezogene Parallele zwischen Lafontaines und Hitlers rhetorischen Talenten war nicht minder unfreundlich); da waren das schwierige Verhältnis zum Partei-Idol Brandt, die harten Konflikte um die Wirtschafts- und Finanzpolitik, der zunehmende Widerstand auch in der SPD gegen Schmidts Nachrüstungspolitik, der immer lautere Protest gegen die wachsende Nutzung der Atomenergie, wegen der manche Grüne noch heute Schmidt im negativen Sinn als einen "Gründungsvater" ihrer Partei sehen.

Zweimal, 1976 und 1980, behauptete sich der im Inland so populäre wie im Ausland geachtete Regierungschef bei Bundestagswahlen zusammen mit der FDP gegen die Unions-Kandidaten Helmut Kohl und Franz Josef Strauß, doch im Februar 1982 konnte er die sozialliberale Koalition nur noch per Vertrauensfrage hinter sich zwingen. Wenige Monate später zerbrach das Regierungsbündnis: Als erster und bislang einziger Kanzler mit konstruktivem Misstrauensvotum abgewählt, musste Schmidt seinen Stuhl für Kohl räumen.

Bis 1987 gehörte er dem Bundestag noch an. Seit 1983 Mitherausgeber der Wochenzeitung "Die Zeit", gab Schmidt auf der internationalen Bühne nun den "elder statesman" - und kommentierte den Lauf der Welt immer wieder mit der ihm eigenen Arroganz des Überlegenen. Das bekamen die Mächtigen draußen ebenso zu spüren wie die kleinen Leute daheim, etwa wenn er erlauchte Runden amtierender Staats- und Regierungschefs öffentlich als "Dilettanten" abtat oder seinen Landsleuten bescheinigte: "Die Deutschen jammern insgesamt zu viel." Seiner Popularität tat das keinen Abbruch: Noch mit 89 Jahren wurde er in einer Umfrage von den befragten Männern am häufigsten als "coolster Kerl" Deutschlands genannt.

Am 19. Dezember 1918 wenige Wochen nach dem Ersten Weltkrieg geboren und im Zweiten Weltkrieg als Wehrmachtsoffizier im Fronteinsatz, schien Schmidt sich selbst Jammern stets zu versagen, auch als der passionierte Kettenraucher im Alter mit zunehmender Schwerhörigkeit und anderen Gebrechen zu kämpfen hatte. "Helmut hat ganz viel Gefühl, aber er kann das sehr sorgfältig verstecken", beschrieb seine im Oktober 2010 verstorbene Frau Hannelore ("Loki") einmal den Mann, mit dem sie schon die Schulbank gedrückt hatte und fast sieben Jahrzehnte verheiratet war. Zwei Kinder gingen aus der Ehe hervor, die 1947 geborene Tochter Susanne und ein Sohn, der im Februar 1945 im Alter von nicht einmal acht Monaten starb.

Zwei Jahre nach Lokis Tod machte der damals 93-Jährige 2012 publik, mit seiner jahrzehntelangen Mitarbeiterin und Vertrauten Ruth Loah eine neue Lebensgefährtin zu haben; weitere drei Jahre später ließ Schmidt die Öffentlichkeit wissen, dass es noch eine weitere Frau in seinem Leben gegeben hatte. "Ich hatte eine Beziehung zu einer anderen Frau", gestand er im Rückblick auf eine mehr als vier Jahrzehnte zurückliegende Ehekrise in seinem in diesem Frühjahr erschienenen Buch "Was ich noch sagen wollte" ein.

Lange Zeit nicht bekannt waren auch Schmidts jüdische Wurzeln. Als er selbst erfuhr, einen jüdischen Großvater zu haben, waren die Nationalsozialisten schon an der Macht. "Insofern habe ich dann von 1934 an das Dritte Reich ein bisschen anders erlebt als ein normaler Junge aus Hamburg in derselben Altersgruppe", erinnerte er sich später zurückhaltend. Gelassen klang er auch, wenn es um das Urteil der Nachwelt über ihn ging: "Falls eines Tages die Historiker zur Meinung kommen sollten: ,Er hat seine Sache anständig gemacht', bin ich ganz zufrieden", sagte Helmut Schmidt einmal. Vergangenen Dienstag ist er in seinem Reihenhaus in Hamburg-Langenhorn im Alter von 96 Jahren gestorben.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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