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MEDIEN
Sören Christian Reimer
Die Presse rückt zusammen

Journalisten solidarisieren sich nach Pariser Terroranschlag. In den USA überwiegt eine distanzierte Haltung

Die Terrorserie in Frankreich, insbesondere das Massaker in den Redaktionsräumen der Satirezeitung „Charlie Hebdo“, hat bei Medienvertretern eine Selbstvergewisserungsdebatte über den Wert von Presse-, Meinungs- und Kunstfreiheit ausgelöst – und eine Welle der Solidarität. Ganz konkret etwa in Form der Räumlichkeiten, die die Zeitung „Libération“ den verbliebenen Mitarbeitern des Magazins überließ, um ihre jüngste Ausgabe zu produzieren. Oder in Form der 100.000 Pfund, die zum Beispiel der Verlag der britischen Zeitung „Guardian“ für die französischen Satiriker spendete.

In den Ereignissen in Paris, so zeigte das Gros der Reaktionen, sahen viele Journalisten mehr als nur eine Nachricht über irgendeinen Terroranschlag. Die Attacke wurde als direkter Angriff auf ihre Werte und ihr Selbstverständnis verstanden. „Bild“-Chefredakteur Kai Diekmann „verneigte“ sich am Tag nach der Attacke auf die Redaktionsräume in Paris exemplarisch in einem Kommentar vor den Kollegen, die den „höchsten Preis der Freiheit“ gezahlt hätten. Statt zurückzustecken gelte es nun, weiter „furchtlos so zu leben, wie wir leben. […] . Zeichnen, malen, dichten, aussprechen, wonach uns der Sinn steht“, proklamierte Diekmann.

Die Solidaritätsbekundung „Je suis Charlie“ (Ich bin Charlie), die sich zunächst in den Sozialen Netzwerken verbreitete, griffen auch viele Redaktionen auf – nicht nur als Meldung, sondern als Statement. Auf Fotos mit schwarzen Schildern dokumentierten die Mitarbeiter zahlreicher Medien ihre Solidarität mit den Kollegen von „Charlie Hebdo“. Journalisten, die sonst gern an das Distanz-Dogma des einstigen „Tagesthemen“-Moderators Hanns Joachim Friedrichs erinnern, sich nicht mit einer Sache gemein zu machen, auch nicht mit einer guten, suchten in den Tagen nach dem Anschlag den Schulterschluss.

Gedruckte Solidarität Die Organisation „Reporter ohne Grenzen“ forderte noch am Tag der Attacke Medien weltweit dazu auf, die umstrittenen islamkritischen Karikaturen des Magazins zu zeigen – um ein Signal für die Freiheit zu setzen. Zahlreiche Medien über Frankreich hinaus taten dies. Deutsche Zeitungen druckten reihenweise Titelblätter des Satiremagazins ab, manche eher mit dokumentarischem Fokus, andere, um ein klares Zeichen zu setzen. Die Berliner „B.Z.“ packte auf Vorder- und Rückseite insgesamt 43 „Charlie Hebdo“-Titelbilder unter dem Motto: „Vive la liberté […] Freiheit kann man nicht erschießen.“ Der „Berliner Kurier“ widmete seine Titelseite einer blutigen Hommage an ein „Charlie Hebdo“-Titelblatt.

Auch die „Hamburger Morgenpost“ druckte auf der ersten Seite drei auf den Islam bezogene Titelblätter von „Charlie Hebdo“ und konstatierte in dicken Lettern: „So viel Freiheit muss sein!“ Zwei Tage später brannte es in den Kellerräumen des Verlagsgebäudes der Hamburger Boulevardzeitung. Personen kamen nicht zu Schaden. Laut Polizei liegt der Verdacht nahe, dass ein Zusammenhang zu dem solidarischen Titelblatt besteht. Täter und Motiv waren bis zu Redaktionsschluss allerdings unbekannt. Die Hamburger Redaktion versprach ihren Lesern trotzig: „Wir bleiben MOPO!“

Angst in Dänemark Diese offensive Haltung zeigte die dänische Tageszeitung „Jyllands-Posten“ nicht. Die Zeitung erklärte in einem Leitartikel, sie verzichte aktuell aus Furcht auf den Abdruck. „Wir sind uns bewusst, dass wir uns damit der Gewalt und Einschüchterung beugen“, schrieb das Blatt laut der Nachrichtenagentur Reuters. Während auch in dem nordeuropäischen Land zahlreiche Zeitungen Zeichnungen des französischen Magazins zeigten, passte gerade das Blatt, das 2005 die Mohammed-Karikaturen veröffentlicht hatte: Einige Monate später hatte der Abdruck zu teils blutigen Protesten in arabischen Ländern geführt. Die „Jyllands-Posten“ steht seitdem im Fokus islamistischer Terroristen. Die Redaktion und einer ihrer Zeichner entgingen teils nur knapp mehreren Attentatsversuchen.

Auch Leser großer US-amerikanischer Tageszeitungen und Zuschauer von CNN – im Gegensatz zu Nutzern einiger Online-Portale – mussten überwiegend auf eine Darstellung der umstrittenen Karikaturen und Titelblätter von „Charlie Hebdo“ verzichten. In manchen Beiträgen wurden zum Beispiel Teile der Titelbilder verpixelt, andere Fotos so beschnitten, dass die Karikaturen nicht zu sehen waren. Doch nicht aus Angst. Als Begründung führten die Medienmacher redaktionelle Leitlinien an. So erklärte etwa die „New York Times“, dass auf den Abdruck von Material, das gezielt religiöse Befindlichkeiten zu verletzen suche, in der Regel verzichtet werde. Die Redaktion sei auch in Bezug auf den aktuellen Fall davon überzeugt, dass eine Beschreibung mit Worten vollkommen ausreiche. Schon 2006 hatten die großen US-Zeitungen, aber auch viele britische, die umstrittenen Mohammed-Karikaturen nicht nachgedruckt.

Der Verzicht auf den Abdruck stieß auf Kritik. Der bekannte US-amerikanische Journalist Jeff Jarvis griff die betreffenden US-Medien hart an und warf ihnen mangelnden Mut vor. Europäische Zeitungen hätten sich solidarisch gezeigt, indem sie die Bilder gedruckt hätten. „Sie haben die Öffentlichkeit informiert. Nicht so in Amerika, nicht im Land der Redefreiheit“, wetterte Jarvis. Die Debatte über die angebliche Selbstzensur fällt in den USA aktuell ohnehin auf fruchtbaren Boden. Kurz vor Weihnachten hatte Sony zunächst die Veröffentlichung des Films „The Interview“, eine Komödie, die unter anderem ein Attentat auf den Diktator Kim Jong Un zum Inhalt hat, gestoppt, weil mutmaßlich nordkoreanische Hacker sie unter Druck gesetzt hatten.

Fragwürdige Staatsautorität Presse- und Meinungsfreiheit, so machten Vertreter der Zunft in den vergangenen Tagen deutlich, sind aber nicht nur durch Terroristen bedroht – auch der Staat kann ein Problem sein. So merkte „Reporter ohne Grenzen“ kritisch an, dass unter den Staats- und Regierungschefs, die sich beim Trauermarsch in Paris in einer Nebenstraße für ein Solidaritätsfoto aufstellten, zahlreiche waren, die im Umgang mit der Presse bisher nicht sonderlich freiheitlich aufgetreten sind.

Dies gilt zum Beispiel für den türkischen Ministerpräsidenten Ahmet Davutoglu, dessen Land von der Organisation auf Platz 154 von 180 ihrer Rangliste der Pressefreiheit geführt wird. Wenige Tage später ordnete laut Agenturberichten ein türkisches Gericht an, Internetseiten zu sperren, die das aktuelle Mohammed-Cover des Satiremagazins „Charlie Hebdo“ zeigen. Gegen eine Zeitung, die Teile der Ausgabe nachdruckte, wird inzwischen ermittelt.

Deutsche Medien- und Journalistenorganisationen formulierten vergangene Woche einen Aufruf zur Verteidigung der Pressefreiheit. Darin rufen sie die Bundesregierung dazu auf, sich weltweit für die Freiheit der Rede einzusetzen. Der nun aufbrausenden sicherheitspolitischen Debatte wollen die Unterzeichner klare Grenzen setzen. So fordern sie: „Der Anschlag von Paris darf nicht als Vorwand dienen, mit Maßnahmen wie der Vorratsdatenspeicherung den Informantenschutz und damit eine Säule der Presse- und Rundfunkfreiheit auszuhöhlen.“

Aus Politik und Zeitgeschichte

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