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UN-Klimakonferenz
Christine Longin
Schaulaufen fürs Klima

Zwölf Tage lang geht es in Paris um die Verringerung der Erderwärmung

Nukufetau ist ein Atoll, das es schon bald nicht mehr geben könnte. Wie sehr die Insel im Pazifischen Ozean vom Klimawandel bedroht ist, zeigt ein Foto am Stand von Tuvalu bei der Pariser Klimakonferenz,der Conference of the Parties (COP21): Nur die Bäume ragen da noch aus dem Wasser. Nachdem der Wirbelsturm "Pam" im Frühjahr in der Region wütete, mussten viele der rund 500 Bewohner von Nukufetau ihre Häuser verlassen. An "Pam" erinnert sich auch Enele Sopoaga sehr gut. Er ist der Regierungschef von Tuvalu, der britischen Ex-Kolonie, zu der auch Nukufetau gehört. Der energische 59-Jährige tritt bei der COP21 als Anwalt seiner 10.000 Landsleute auf: "Keiner der anderen Staatenlenker hier kann sagen, dass sein gesamtes Gebiet und alle seine Bürger verschwinden werden, wenn die Erderwärmung über 1,5 Grad steigt", sagt er in seiner engagiert vorgetragenen Eröffnungsansprache, die die vorgeschriebene Redezeit von drei Minuten deutlich überschreitet.

Sopoaga wird als Leiter seiner Delegation die ganzen zwölf Tage in Paris am Verhandlungstisch sitzen. Dasselbe kündigte auch Anote Tong an, der Regierungschef des Inselstaats Kiribati, dem dasselbe Schicksal droht wie Tuvalu. Die anderen Staats- und Regierungschefs reisten dagegen nach dem ersten Tag wieder ab. "Die erste Woche ist eine Verhandlerwoche, in der die Dinge eruiert werden", bemerkt der Chefverhandler der deutschen Delegation, Karsten Sach. Am Verhandlungstisch mit seinen rund 80 Plätzen sowie in Arbeitsgruppen und noch kleineren Gesprächskreisen wird dabei auf verschiedenen Ebenen über den rund 50-seitigen Entwurf für das neue Klimaabkommen diskutiert. Die meisten Minister kommen erst in der zweiten Woche wieder, wenn die Gespräche in die heiße Phase gehen und dann die ganze Nacht dauern könnten. Die Veranstalter haben deshalb Nachtbusse und ein Catering rund um die Uhr organisiert.

Klimaziele Auf dem Tisch liegen bereits die Klimaziele von mehr als 180 Staaten. "Null komma null" sei das, kritisiert Sopoaga erbost. Die Verpflichtungen der einzelnen Länder ergeben nämlich immer noch eine Erderwärmung um 2,7 Grad - deutlich zu viel für Länder wie Kiribati oder Tuvalu, die damit im Meer versinken müssten. Einen Investitionsstopp in Kohlebergwerke fordern deshalb mehrere Pazifikstaaten, um damit an der Wurzel gegen den Klimakiller Kohle vorzugehen. Eine Forderung, die Indien klar ablehnt. Der indische Pavillon auf dem Gelände der Klimakonferenz ist einer der spektakulärsten. Hinter einem künstlichen Wasserfall wird das indische Klimaprogramm in wenigen Sätzen auf die Wände projiziert. "Wir müssen unseren Lebensstil gleichberechtigt ändern", lautet so ein Satz von Regierungschef Narendra Modi. Er umschreibt seine viel geäußerte Forderung nach "Klimagerechtigkeit", denn Indien will sich das Recht auf Entwicklung nicht nehmen lassen, indem es auf Kohle verzichtet.

Deutscher Pavillon Zum Schaulaufen der nationalen Klimapolitik dienen auch die anderen Länderpavillons in Halle zwei und Halle drei auf dem Messegelände von Le Bourget bei Paris. Deutschland, das sich hinter dem indischen Pavillon präsentiert, setzt vor allem auf seine "Side Events", bei denen hinter verschlossenen Türen zwölf Tage lang über Themen wie Solarenergie oder Klimainvestitionen diskutiert wird.

Deutlich ruhiger geht es auf der anderen Seite der "Champs Elysées" zu, jenem Hauptweg durch das Konferenzgelände. In Halle vier zeigen die Nicht-Regierungsorganisationen ihre Aktivitäten zum Klimaschutz. Die Spanne reicht von Hilfsorganisationen wie Caritas oder UNICEF über Umweltschutzgruppen bis zu Wissenschaftlern, beispielsweise von der Universität Zürich.

"Uns geht es hier nicht um die 1,5 Grad", sagt Thameur Debouba vom französischen Roten Kreuz. "Wir helfen Menschen, die Klimarisiken besonders ausgesetzt sind und bereiten sie auf künftige Katastrophen vor." So bringt er den Bewohnern gefährdeter Regionen bei, wie sie ihre Rucksäcke packen, um im Fall einer Evakuierung das Nötigste dabei zu haben. Debouba weiß aus eigener Erfahrung, dass auch europäische Städte nicht vor Klimakatastrophen gefeit sind, denn der Lehrer, der als Freiwilliger für das Rote Kreuz arbeitet, lebt in der Nähe von Nizza. Dort starben erst im Oktober 21 Menschen nach Regenfällen, die die Region an der Côte d'Azur bisher so noch nicht erlebt hatte. "Das Wasser ging innerhalb von einer Stunde nieder und zerstörte alles", erinnert sich der bärtige junge Mann. Besonders bedroht vom Klimawandel seien alle Städte am Meer: Nizza ebenso wie Monaco, Lissabon oder New York.

Um Städte geht es nächste Woche im Parallelprogramm zu den Klimaverhandlungen, der Lima-Paris Action Agenda (LPAA). Einzelmaßnahmen von Unternehmen und Nicht-Regierungsorganisationen werden da nach vorne gebracht. Den Auftakt machte am 2. Dezember der "Waldtag", der gleich zu Beginn einen prominenten Fürsprecher hatte: Prinz Charles. Der britische Thronfolger ist seit Jahren als engagierter Klimaschützer bekannt und hatte im Jahr 2007 eine Stiftung zum Schutz der Regenwälder gegründet. "Es ist ganz einfach: wir müssen die Wälder retten", sagt der Prince of Wales in seiner Ansprache. "Es gibt keinen Plan B zur Bekämpfung des Klimawandels ohne sie."

Schutz der Wälder Zwölf Millionen Hektar Wald werden weltweit jedes Jahr zerstört, was mit elf Prozent zu den Treibhausgasemissionen beiträgt. "Meine Landsleute brauchen den Wald zum Kochen", rechtfertigt der ghanaische Präsident John Dramani Mahama am Rande der Konferenz die massive Abholzung in seinem Land. Doch der Waldschutz gehört zu den zentralen Anliegen der Klimakonferenz: Das Programm zur Verringerung von Emissionen aus Entwaldung und Degradierung von Wäldern (REDD) soll Teil des Klimaabkommens werden, um dann im großen Stil umgesetzt zu werden. REDD funktioniert als Mechanismus, bei dem Entwicklungsländer Ausgleichszahlungen für eine ambitionierte Waldschutzpolitik aus den Industrieländern erhalten. Bestes Beispiel ist Kolumbien, das bei der COP21 eine neue Partnerschaft mit Deutschland, Großbritannien und Norwegen eingeht. Das südamerikanische Land, das als Musterschüler in Sachen Waldschutz gilt, erhält für jede nachweislich vermiedene Tonne CO2 fünf Dollar. Insgesamt hat die Vereinbarung ein Volumen von 100 Millionen Dollar. Neben Kolumbien sind es vor allem die südamerikanischen Staaten Brasilien und Peru, die sich anstrengen beim Schutz ihrer Wälder. Peru als Gastgeber der Klimakonferenz 2014 schickte einige seiner Ureinwohner nach Paris, die in traditioneller Kleidung und mit Federschmuck unermüdlich für die Fotografen posieren. Sie haben mit Prinz Charles einen prominenten Fürsprecher. "Für die Ureinwohner geht es darum, auf angemessene Art ihre Ressourcen, Tradition und Kultur zu schützen", sagt der 67-Jährige.

Der Thronfolger ist nicht nur nach Paris gekommen, um über das Klima zu reden, sondern auch, um seine Solidarität mit Frankreich zu zeigen. Denn nach den Anschlägen vom 13. November, bei denen Islamisten 130 Menschen töteten, war nicht sofort klar, ob die COP21 tatsächlich stattfinden kann. Doch die französische Regierung hielt an der Konferenz fest, lediglich Kundgebungen außerhalb des Geländes wurden verboten.

Unter Polizeischutz 11.000 Polizisten sichern das internationale Großereignis: 8.000 sind für die Kontrolle der Grenzen zuständig und 2.800 wachen über die Teilnehmer. Zu spüren ist die Polizeipräsenz vor allem in Le Bourget, jener grauen Vorstadt im Norden von Paris, wo die Klimakonferenz stattfindet. Auf dem insgesamt 18 Hektar großen Konferenzgelände wurde jeder Kanaldeckel geprüft. "Minenräumung Zivilsicherheit" steht auf roten Klebern, die zu beiden Seiten jedes gusseisernen Deckels angebracht sind. Für die Sicherheit der Konferenz selbst sind allerdings nicht die Franzosen zuständig, sondern die UNO. Sicherheitsbeamte in blauen UN-Uniformen patrouillieren unauffällig zwischen den 14.000 Delegierten, 3.000 Journalisten und tausenden Beobachtern.

Doch wer nach Le Bourget kommt, sorgt sich in der Regel nicht um Terroristen. "Ich habe keine Angst, denn ich komme aus Indonesien. Dort sind wir vor Anschlägen auch nicht sicher", sagt eine junge Forscherin, die sich mit dem Waldschutz beschäftigt. "Man hat überall ein Risiko", antwortet auch Kisselminan Coulibaly, der aus der Elfenbeinküste angereist ist. Für ihn ist es wichtiger, dass die Anliegen der Afrikaner auf der Konferenz gehört werden. Denn Afrika stößt nur vier Prozent des CO2 weltweit aus, gehört aber zu den Regionen, die vom Klimawandel am meisten betroffen sind.

"Tschad bei der COP21" heißt ein eigener Stand, der die Probleme des afrikanischen Landes erklärt. Dazu gehört vor allem die Austrocknung des Tschad-Sees, der in den vergangenen Jahrzehnten von 25.000 Quadratkilometern auf 4800 Quadratkilometer schrumpfte. Dabei leben 38 Millionen Menschen vom Wasser des Sees. Schon seit 20 Jahren werde das Problem bei Klimakonferenzen zur Sprache gebracht, kritisiert der tschadische Präsident Idriss Déby beim Afrika-Gipfel mit dem französischen Präsidenten François Hollande gleich zu Beginn der Konferenz. "Und ich bin nicht sicher, dass ich heute ein offenes Ohr finde." Für ihn drängt die Zeit ebenso wie für Enele Sopoaga aus Tuvalu, auch wenn ihre Länder gut 18.000 Kilometer auseinanderliegen.Christine Longin

Die Autorin ist freie Korrespondentin in Paris.

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