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EDITORIAL
Jörg Biallas
Eine Frage der Taktik

Leicht hat sich die Entscheidung im Plenum des Deutschen Bundestages niemand gemacht. Die nicht, die aus fester Überzeugung gegen einen Einsatz der Bundeswehr im Kampf gegen den "Islamischen Staat" (IS) gestimmt haben. Und auch jene Mehrheit der Abgeordneten nicht, die nach Abwägen der Argumente dafür plädiert und somit wenige Wochen vor dem Weihnachtsfest den Marschbefehl für bis zu 1.200 Soldatinnen und Soldaten unterschrieben haben.

Nachdem Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) Frankreich nach den Terroranschlägen von Paris richtigerweise die deutsche Solidarität versichert hatte, war dieser Parlamentsbeschluss absehbar. Zwar soll sich die Bundeswehr nicht direkt an Kampfhandlungen beteiligen. Trotzdem ist die deutsche Armee jetzt Mitstreiter in einem bewaffneten Konflikt, dessen Ziel schwierig genug zu definieren ist.

Gewiss, es gilt, die Schergen des IS anzugreifen und ihnen möglichst das barbarische Handwerk zu legen. Aber mit welcher Taktik? Geht es zuvorderst um Schutz für die verbliebene syrische Bevölkerung? Einen Waffenstillstand mit dem IS? Gar Friedensverhandlungen? Und welche Rolle spielt dabei Syriens Präsident Baschar al Assad, der im Umgang mit dem eigenen Volk durch alles andere als Feinfühligkeit aufgefallen und sogar vor Massenmord nicht zurückgeschreckt ist? Vor allem aber: Was kommt danach? Wer soll das Land führen? Und: wohin?

Trotz dieser Unwägbarkeiten ist der jetzt beschlossene Bundeswehr-Einsatz auch ein Beitrag zur Sicherheit in Deutschland. Bei diplomatischer Planung, versierter Koordination und verlässlicher Zusammenarbeit kann es gelingen, der aktuell größten Bedrohung der zivilisierten Welt effektiv zu begegnen. Flüchtlinge müssten ihre Heimat nicht mehr zu Hunderttausenden verlassen. Und auch die Gefahr durch Terroranschläge würde in Europa deutlich abnehmen.

Bis dahin ist es noch ein weiter Weg, bei dem politisches noch mehr als militärisches Geschick gefragt sein wird. Schon ist absehbar, dass die europäische Allianz noch den einen oder anderen Kompromiss eingehen muss.

Das ist hinnehmbar, wenn am Ende das gemeinsame Ziel klar umrissen bleibt. Gelingt das nicht, dann könnte sich auch dieser Konflikt in Nahost für den Westen abermals als ein Himmelfahrtskommando erweisen.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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