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TERRORISMUS
Aschot Manutscharjan
Von der Mafia zum »Kalifat«

Christoph Reuter glaubt, dass der IS auf Dauer scheitern wird

Dem Journalisten und Nahost-Kenner Christoph Reuter ist es gelungen, den kometenhaften Aufstieg der Terrororganisation "Islamischer Staat" (IS) zu entziffern. In seinem gut geschriebenen Buch präsentiert der "Spiegel"-Journalist und Nahost-Kenner zudem eine überzeugende Analyse der politischen Verhältnisse, die im vom IS ausgerufenen "Kalifat" herrschen.

Aus Dokumenten eines ehemaligen irakischen Geheimdienst-Obristen rekonstruierte Reuter das Drehbuch für die "Staatsgründung" des IS in Nordsyrien, die ein kleines irakisches Vorauskommando aus Dschihadisten 2012 bewerkstelligte. Nachdem die Terror-Bewegung in Syrien Fuß gefasst hatte, kehrten die militärischen Einheiten im Juni 2014 in den Irak zurück und drängten dort die schiitischen Regierungstruppen zurück. Nach der Eroberung der ölreichen Gebiete um Mossul verkürzte der "Islamische Staat im Irak und Syrien" (ISIS) auf IS und rief das "Kalifat" aus. Anschließend verstärkte er mit den im Irak eroberten Waffenarsenalen seine Truppen in Ost-Syrien.

Reuter beschreibt die Führung des IS als Opportunisten-Klub, der seit 2010 seine Macht durch kurzfristige Allianzen und mehrfache Seitenwechsel festigte: Einmal kungelte er mit Syriens Staatschef Assad, ein andermal kooperierte er mit der Opposition. Schließlich war 2014 aus einem "Mafia-Konglomerat" im Untergrund eine schlagkräftige Armee entstanden, die "mit einer Mischung aus furchterregenden Angriffsformationen und logistisch perfekt organisierten Versorgungsketten blitzartig und mit immenser Wucht zuschlagen konnte". Inzwischen erstreckt sich der Machtbereich des IS auf ein Gebiet von der Größe Großbritanniens.

Die IS-Führungsriege besteht aus ehemaligen "glaubensfreien" irakischen Parteikadern und Offizieren Saddam Husseins. Skrupellos instrumentalisieren sie den Islam und die vermeintliche Unfehlbarkeit der Gotteskrieger, um medienwirksam einen modernen "Heiligen Krieg" zu inszenieren. Wenn Reuter Recht hat und die "einzig konstante Maxime" des IS in der Machterweiterung um jeden Preis besteht, können die Terror-Paten nur militärisch bekämpft werden. Eine weitere Prognose Reuters wurde inzwischen traurige Realität: Er hatte davor gewarnt, dass "größere Anschläge im Ausland vorstellbar" seien. Diese Warnung wurde mit den Anschlägen in Paris grausame Realität.

Gleichwohl kommt Reuter zu dem Schluss, dass sich der "Islamische Staat" am Ende selbst zerstören wird. Spätestens dann, wenn es ihm nicht mehr gelingt, die inneren Widersprüche auszubalancieren. Mit apokalyptischen Visionen und brutalen Hinrichtungsvideos auf Facebook und Youtube ließen sich weder Staaten noch einzelne Städte führen und verwalten. Und indoktrinierte Selbstmordattentäter hätten in der Regel kein Interesse an einer Staatsgründung. Für die in aller Welt angeworbenen Kämpfer bestehe die Verlockung darin, im Namen Gottes zu herrschen und jeden Widerstand als Frevel zu brechen.

Reuters prognostiziert, dass die Enttäuschung unter den IS-Truppen und der Bevölkerung in den besetzten Gebiete unweigerlich wachsen wird. Denn die unterschiedlichen Hoffnungen und Utopien, die seine Anhänger mit dem Mythos vom "Kalifat" verbinden, müssten irgendwann eingelöst werden. Christoph Reuters Fazit lautet: Der Ruf zum Dschihad ist "grundsätzlich ein grandioses Mittel zum Machterwerb, aber ein schlechtes Mittel zum Machterhalt".

Aus Politik und Zeitgeschichte

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