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assekuranz ii
Philipp Krohn
Anleger freuen sich über Traumrediten der Versicherungsaktien

Trotz des Rückgangs der Zinsen verdient die Branche gut. Die Sicherheitsreserven sind inzwischen höher als das Eigenkapital der Unternehmen

Dreber die deutsche Lebensversicherung wird derzeit berichtet, als habe ihr letztes Stündlein geschlagen. Gleichzeitig freuen sich Allianz-Aktionäre über einen der größten Gewinne in der Geschichte. Der Konzern hat im Herbst erst einmal seine Dividendenquote kräftig erhöht. Marktführer des vermeintlichen Krisenprodukts Lebensversicherung in Deutschland ist mit weitem Abstand die Allianz. Und die Rendite in der Kapitalanlage aller Versicherer stieg im vergangenen Jahr deutlich. Wie passt das alles zusammen?

Man muss aufpassen, dass man beim Thema Lebensversicherung nicht alles durcheinanderwirft. Das Geschäft der Lebensversicherer wird vom Niedrigzins bestimmt. Das wäre verkraftbar und würde die Kunden treffen, hätten die Unternehmen nicht zwischen 1995 und 2001 großzügige Garantien von vier Prozent jährlich auf den Sparanteil der Policen zugesagt. Dieses Versprechen einhalten zu können, ist die Aufgabe, der die Branche, die Finanzaufsicht Bafin und die Bundesregierung alles andere unterordnen. Um jeden Preis wollen sie verhindern, dass eines der Unternehmen, die nicht alle so kraftstrotzend dastehen wie die Allianz, über diese Zusagen in Schieflage gerät. In Japan hat es um die Jahrtausendwende sieben Lebensversicherer hingerafft, die noch großzügigere Zinsversprechen gegeben hatten, bevor der Niedrigzins voll zuschlug. Tatsächlich vernebelt die hohe Verzinsung der Kapitalanlage die Lage der Unternehmen. Denn sie rührt daher, dass diese noch hohe Reserven auf Wertpapieren haben, die sie vor Jahren mit höherem Zinskupon erworben haben. Verkaufen sie diese Papiere am Markt, können sie Reserven realisieren, und der Zinsertrag sieht erst einmal erfreulich aus.

Reserven heben Viele Versicherer müssen diese Reserven heben, weil die Bafin eine Zinszusatzreserve verlangt. Sie glaubt, dass durch den aktuellen Kapitalmarktzins nicht mehr sichergestellt ist, dass die Unternehmen ihre Verpflichtung aus den Zinsgarantien der Vergangenheit einhalten können. Sie müssen also in Milliardenhöhe Geld zurücklegen, das in den Unternehmen liegen bleiben muss. Darauf können sie zwar weiterhin Zinsen verdienen. Aber sie können das Geld nicht als Überschussbeteiligung an ihre Kunden ausschütten. 20 Milliarden Euro über die Branche verteilt macht diese Reserve inzwischen aus. Zum Vergleich: Das Eigenkapital beträgt rund 13 Milliarden Euro.

Das hat eine lebhafte Diskussion darüber ausgelöst, ob die Kriterien der Zinszusatzreserve nicht zu streng sind. Denn die durchschnittliche laufende Verzinsung eines aktuellen Vertrages ist auf 3,16 Prozent gefallen. Die Ratingagentur Assekurata prognostiziert, dass dieser Wert 2016 unter drei Prozent fallen wird. Verbraucherschützer kritisieren, dass die Zinszusatzreserve jüngere Kunden benachteiligt, weil sie mit den einbehaltenen Überschüssen die hohe Verzinsung der Altverträge subventionieren.

Der große Teil der in den letzten Jahren vermittelten Policen sind private oder staatlich geförderte Rentenversicherungen (Riester-Verträge), die dem Kunden eine jährliche Verzinsung und eine monatliche Rente bis zum Lebensende gewähren. Die früher übliche Kapitallebensversicherung, in der man spart und sich gegen den Todesfall absichert, hat seit einigen Jahren nahezu ausgedient.

Der Autor ist Redakteur bei der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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