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Parlamentarisches Profil
Winfried Dolderer
Die Zielstrebige: Annette Sawade

Wäre sie dem "Bürgerverein" in ihrem Stuttgarter Stadtteil Sillenbuch nicht begegnet, wer weiß, wie sich Annette Sawades politischer Werdegang entwickelt hätte. Die damals 30-jährige Pfarrerstochter aus der DDR war seit einigen Monaten im Westen, zunächst in Bonn, jetzt in der Schwabenmetropole. Im Bürgerverein ging es um Straßenbau, Verkehrsberuhigung, öffentlichen Nahverkehr. Die handfesten Themen des Alltags, die für die Sozialdemokratin und heutige Vorsitzende im "Unterausschuss Kommunales" den Reiz ihres politischen Fachgebiets ausmachen: "Das Arbeiten mit Leuten vor Ort."

Vielleicht auch ein Erbe der Pfarrhausvergangenheit: Im thüringischen Mühlhausen ist Sawade, geboren 1953, in einer regimefernen Familie aufgewachsen. Der Vater evangelischer Pastor, die Mutter Ärztin, die Tochter verweigerte die Mitgliedschaft bei den Jungen Pionieren ebenso wie die Teilnahme an der Jugendweihe. Dennoch legte sie ihr Abitur ab und studierte Chemie an der Berliner Humboldt-Universität. Die Zulassung zu den Wunschfächern Medizin oder Biologie blieb ihr freilich verwehrt. Im Juni 1982 wurde ein Ausreiseantrag in die Bundesrepublik bewilligt.

Es war für Sawade zugleich der Start in eine politische Wirksamkeit, die in der DDR nicht in Frage gekommen war: "Ich wollte mich nicht engagieren für diesen Saftladen. Ich habe mich dann im Westen ausgetobt." Im Sillenbucher Bürgerverein war sie bald stellvertretende Vorsitzende, dann Vorsitzende. Der Südwest-SPD trat sie 1990 bei. Vier Jahre später fragten Genossen, ob sie nicht für den Stuttgarter Stadtrat kandidieren wolle. Sie wollte und blieb 15 Jahre, saß im Aufsichtsrat der Straßenbahn, freundete sich mit dem christdemokratischen Oberbürgermeister an, dem über die Stadtgrenzen hinaus prominenten Manfred Rommel. In der Sozialdemokratischen Gemeinschaft für Kommunalpolitik (SGK) - "der Städtetag der SPD" - brachte sie es zur stellvertretenden Landes- und stellvertretenden Bundesvorsitzenden. Ein weiteres Mal trat 2008 ein Parteifreund an sie heran, der Oberbürgermeister von Schwäbisch Hall. Der Mann war auf der Suche nach einem Bewerber, der bei der bevorstehenden Bundestagswahl im Hohenloher Land für die SPD antreten sollte. Sawade sagte zu - "ich bin immer gefragt worden, ob ich was machen wollte" - und eroberte auf der Landesliste den sicher geglaubten 19. Platz. Freilich wurde der Wahlsonntag im September 2009 zum Debakel für die SPD. Nur 15 Südwest-Genossen schafften es in den Bundestag: "Es war richtig gruselig", doch an Sawades Entschluss, den Lebensmittelpunkt nach Nord-Württemberg zu verlegen, hatte der bittere Wahlabend nichts geändert. Den Kaufvertrag für ein 200 Jahre altes Haus bei Schwäbisch Hall unterschrieb sie wie vereinbart. Als Nachrückerin für Nicolette Kressl gelangte sie 2012 dann doch in den Bundestag.

Sie nahm dort den Platz ihrer Vorgängerin im Finanzausschuss ein, eine lehrreiche Erfahrung, gewiss, gerade dann, wenn die eigentliche Neigung der Kommunalpolitik gehört, mehr freilich nicht. Ihren Herzensthemen konnte sich Sawade erst in der laufenden Legislaturperiode widmen: Kommunales, Petitionsausschuss, Verkehrsausschuss. Der Petitionsausschuss, "der direkte Zugang des Bürgers zum Gesetzgeber", hatte ihr nach der Übersiedlung aus der DDR geholfen, sich einen Berufsweg als Informatikerin in der Forst- und Umweltverwaltung Baden-Württembergs zu bahnen. Die Entscheidung für den Verkehrsausschuss war für sie auch eine Frage des Prinzips: "Ich will als Frau nicht immer die ganzen Sozialthemen machen."

Den Unterausschuss, dem sie seit 2014 vorsteht, würde sie gerne aus seinem Schattendasein erlösen. Das Kommunale finde nicht die nötige Beachtung. Dabei geht es doch um die handfesten Themen. "Ich finde Kommunalpolitiker sehr stringent. Sitzungszeiten werden eingehalten. Man arbeitet lösungsorientiert. Das sind halt die Macher."

Aus Politik und Zeitgeschichte

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