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FERNSEHEN
Katharina Dockhorn
Keine Berührungsängste

Die ARD präsentiert eine brillanten Dreiteiler über den NSU-Terror und seine Opfer

War der Tod von neun Männern und einer Polizistin vermeidbar? Und welche Rolle spielte Beate Zschäpe bei den Verbrechen? Die Angeklagte im Münchner NSU-Prozess hat lange von ihrem Recht zu schweigen Gebrauch gemacht. In ihrer ersten Aussage präsentierte sie sich als Mitläuferin, die nach dem ersten Mord den Ausstieg verpasste.

Das deutsche fiktionale Fernsehen reagierte schnell auf die Aufdeckung des rechtsextremen Terrors des NSU. Nach dem Dokudrama des ZDF "Letzte Ausfahrt: Gera" zieht die ARD mit einem brillanten Dreiteiler "Mitten in Deutschland: NSU" nach, der Opfern, Tätern und Ermittlern Raum gibt. Die sehenswerten Filme schließen zeitlich aneinander an und ergänzen sich inhaltlich. Sie zeigen tabulos die Radikalisierung Zschäpes, Uwe Mundlos' und Uwe Bönhardts und beschreiben eindrucksvoll den Schmerz der Angehörigen der Opfer. Und sie benennen die Pannen bei den Ermittlungen. Unterstützung erhielten die Autoren von den Untersuchungsausschüssen des Bundestags und des Thüringer Landtags. Alle Unterlagen konnten eingesehen werden. Die Fakten wurden in die Handlung eingebaut.

Der gebürtige Dresdner Autor Thomas Wendrich und der Ostberliner Regisseur Christian Schwochow nähern sich zunächst in "Die Täter - Heute ist nicht alle Tage" (30. März, 20.15 Uhr) der ungefähr gleichaltrigen Beate Zschäpe wie einer Klassenkameradin an, deren Entwicklung sie verstehen wollen. Konsequent folgen sie dafür dem Weg der Jenenserin bis zum Abtauchen in den Untergrund. Für die 17-Jährige brechen im Frühjahr 1990 alle Gewissheiten zusammen. Scientology, Punk, linke Gruppen oder Au Pair - alles scheint möglich. Bis sie sich in Uwe Mundlos verliebt. Zschäpe, arbeits- und orientierungslos, findet bei ihm und den rechten Kameraden den vermissten Halt. Als der latent aggressive Uwe Bönhardt zur Gruppe stößt, wird Mundlos zur Vaterfigur für die beiden.

Das Drama taucht ohne Berührungsängste in die Welt des Trios ein. "Es wäre unehrlich, die Symbole der Nazi-Ideologie nicht zu zeigen," sagt Christian Schwochow. Die Bilder von Neonazi-Aufmärschen oder Erinnerungsfotos in SA-Uniform in der KZ-Gedenkstätte von Buchenwald beunruhigen und wecken beklemmende Gefühle. Die ARD und die Produzenten Gabriele Sperl, Quirin Berg und Max Wiedemann beweisen mit dieser Kompromisslosigkeit Mut. Sie setzen auf den aufgeklärten Zuschauer, der sich ein eigenes Bild vom NSU-Komplex machen will und einordnen kann.

Der Film Schwochows endet mit dem ersten Mord an dem Nürnberger Blumenhändler Enver Simsek. Er ist der Ausgangspunkt für Züli Aladags feinfühliges Porträt seiner Hinterbliebenen in "Die Opfer - Vergesst mich nicht" (4. April, 20.15 Uhr). Jahrelang wurde die Familie mit falschen Verdächtigungen konfrontiert. Aus Opfern wurden Täter, Drogenhandel und Geldwäsche-Geschäfte wurden ihnen vorgeworfen. "Döner-Morde" titelte die Presse angesichts der Anschlagsserie gegen Migranten. Semiya Simsek wurde nach dem Auffliegen des NSU-Trios 2011 zum Gesicht der Opferfamilien. Die Teenagerin wächst an der Verantwortung für die Familie, nachdem ihre Mutter, die lange Stolz und ihre Würde bewahrte, unter der Last der Anschuldigungen zusammengebrochen ist. "Ich wollte dem Zuschauer die Chance bieten, sich in die Situation der Familien mit Migrations-Hintergrund hineinzuversetzen", sagt Züli Aldag. Und er schafft mehr als das. Sie sind Teil der Gesellschaft. Niemand möchte so von der Polizei behandelt werden.

Aladag streift die Fehleinschätzungen der Ermittler nur am Rande. Sie stehen im Fokus des dritten, brisantesten Films der Trilogie. "Die Ermittler - Nur für den Dienstgebrauch" (6. April, 20.15 Uhr) wurde von Florian Cossen in Szene gesetzt. Er beginnt an dem Tag, als das Wohnmobil von Mundlos und Bönhardt bei Eisenach in Flammen aufgeht. Ein Zielfahnder, der das Trio nach dem Abtauchen 1998 aufspüren sollte, lässt die vergebliche Suche Revue passieren. Die Beamten des Thüringer BKA mussten mit ansehen, wie der Verfassungsschutz des Landes die Täter aus dem rechten Milieu schützte. Die Grenzen verschwammen. V-Leute sind in der Szene als Planer gewaltsamer Übergriffe und deren geistige Brandstifter aktiv. "Wir wollen die Verantwortung des Verfassungsschutzes beim Erblühen des Thüringer Heimatschutzes benennen. Aber nicht so tun, als wenn es die Neonazi-Szene dort ohne ihn nicht gegeben hätte", sagt Produzentin Gabriele Sperl. Dieser Ansatz ist in den drei Filmen aufgegangen. Die Ermittler waren auf dem rechten Auge blind, glaubten, die radikale Szene kontrollieren und steuern zu können. Zehn Menschen bezahlten diese Fehleinschätzung mit ihrem Leben.

Abgerundet wird der Dreiteiler mit der Dokumentation "Der NSU-Komplex - Die Rekonstruktion einer beispiellosen Jagd" (6. April, 21.45 Uhr) von Dirk Laabs und Stefan Aust, der den Filmemachern auch als Berater zur Seite stand. Die Trilogie beweist, wie gut Öffentlich-Rechtliches Fernsehen sein kann, wenn es seinen Auftrag ernst nimmt. Wenn es nicht auf die Quote schielt, sondern sich offen den Themen stellt, die in der Gesellschaft unter den Nägeln brennen.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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