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UMWELT I
Sören Christian Reimer
Atomkraft ade?

Experte sieht den weltweiten Abstieg der Nuklearenergie. Erneuerbare boomen hingegen kräftig

Einst galt die Atomkraft als Zukunftstechnologie, inzwischen gilt sie zumindest in Deutschland eher als das Goldene Kalb des blinden Fortschrittglaubens. Doch auch weltweit scheint die Atomenergie auf den Rückzug zu sein. So beschrieb es zumindest Mycle Schneider, Ko-Herausgeber des "The World Nuclear Industry Status Report", vergangene Woche bei einem Fachgespräch zur Zukunft der nuklearen und erneuerbaren Energien im Ausschuss für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit.

Es sei schon länger ein globaler Abstieg der Atomkraft zu beobachten, schilderte der Experte. Die Reaktorkatastrophe 2011 im japanischen AKW Fukushima habe diese Entwicklung "dramatisch beschleunigt". Aktuelle habe sich der Anteil der Atomenergie an der weltweiten Stromerzeugung auf knapp unter elf Prozent stabilisiert. 1996 seien es noch 17,5 Prozent gewesen. Knapp 400 Reaktoren seien derzeit in Betrieb, 2002 seien es noch 438 gewesen. Im "World Nuclear Industry Report" werden dabei knapp über 40 Reaktoren, die zwar von der Internationalen Atomenergiebehörde als "In Betrieb" eingestuft werden, aber längerer Zeit keinen Strom produzierten, rausgerechnet. Das trifft beispielsweise auf die meisten japanischen Reaktoren zu.

Für Europa diagnostizierte Schneider einen "organischen Atomausstieg", der sich nicht erst seit Fukushima vollziehe. Gab es in Europa 1988 noch 177 Reaktoren sind es laut den Aussagen des Experten aktuell 128. Es gebe auf dem Kontinent zudem nur wenige Neubauprojekte.

Der Rückgang beziehungsweise die Stagnation der Atomkraft hat aber eine gewichtige Ausnahme: China. Das Land beherberge 40 Prozent aller im Bau befindlichen Reaktoren, sagte Schneider. Mitte 2015 wurde laut "Status Report" an 24 Reaktoren gebaut. 27 Reaktoren waren zu diesem Zeitpunkt bereits in Betrieb.

Dabei ist Bau von Kraftwerken eine komplizierte Angelegenheit. Bei knapp 75 Prozent der globalen Neubauten seien zum Teil jahrelange Verzögerungen zu verzeichnen. In den USA soll laut Schneider in diesem Jahr ein Reaktor ans Netz gehen, der mit Unterbrechungen bereits seit 1972 gebaut wird. In China werde meist schneller gebaut, merkte Schneider kritisch an. Denn häufig träten Verzögerungen außerhalb Chinas aufgrund von Qualitätskontrollen auf. "Ich weiß nichts über das Qualitätsmanagement in China", sagte Schneider.

Betreiber in Nöten Doch der Sicherheitsaspekt spiele auch außerhalb Chinas eine bedenkliche Rolle, betonte Schneider. Galt früher einmal, dass ein Kraftwerk zwar teuer gebaut werden müsse, dafür aber billig betrieben werden könne, habe sich die Situation inzwischen geändert. "Unter marktwirtschaftlichen Bedingungen kann kein neues Atomkraftwerk mehr gebaut werden", sagte der Atomindustrieexperte. Die Betreiber bestehender Kraftwerke seien häufig in einer wirtschaftlich schlechten Situation - mit möglichen negativen Folgen für die Sicherheit der Kraftwerke. Schneider verwies dabei auf die französischen Konzerne Électricité de France und Areva, deren Börsenwerte in den vergangenen Jahren erheblich eingebrochen seien. Areva sei "technisch bankrott".

Die Möglichkeit einer Renaissance der Atomkraft auch in Hinblick auf klimapolitische Ziele beurteilte Schneider skeptisch. Zwar berichteten etwa Polen, die Türkei, Saudi-Arabien oder auch Jordanien davon, Atomkraftwerke zu planen. Häufig handle es sich dabei aber um "Ankündigungspolitik". Tatsächlich, mit Ausnahme von China, würden Neubauprojekte häufig verschoben oder ganz aufgegeben.

Erneuerbare Dem entgegen steht die Entwicklung der erneuerbaren Energien. Sie gewinnen weltweit an Bedeutung. Das machte Timur Gül von der Internationalen Energieagentur (IEA) deutlich. 2014 hätten die erneuerbaren Energien, darunter auch die Wasserkraft, Erdgas als zweitwichtigste Energieform abgelöst. In dem Jahr seien zudem rund 130 Gigawatt in diesem Bereich neu ans Netz gegangen, rund die Hälfte der weltweiten Neuankopplung. Für 2015 zeigten vorläufige Zahlen ähnliche Ergebnisse, sie könnten sogar noch besser ausfallen. Der "politisch gewollte Ausbau" der Erneuerbaren habe Früchte getragen. Als positives Signal wertete Gül unter anderem das Klimaabkommen von Paris. Zahlreiche Länder hätten sich darauf verpflichtet, erneuerbare Energiegewinnung auszubauen. Auch der angekündigte Einstieg von China in den Emissionshandel sei positiv zu bewerten.

Als Herausforderungen bezeichnete Gül aber die fallenden Preise bei fossilen Energieträgern. Dies sei ein "Schlüsselrisiko" für die weitere Entwicklung, denn es müsse politisch geklärt werden, wie damit umzugehen sei. Auch wenn sich die Erneuerbaren noch nicht im direkten Wettbewerb mit den fossilen Energien befänden, müsse die politische Förderung der erneuerbaren Energien transparent und vorausschauend bleiben, forderte Gül.

Eine weitere Herausforderung ergebe sich aus den Klimazielen, da die bisher angekündigten Maßnahmen der Staatengemeinschaft nicht ausreichten, um das 2-Grad-Ziel oder gar das 1,5-Grad-Ziel zu erreichen. Ein weiterer Ausbau der erneuerbaren Energien und eine Steigerung der Energieeffizienz könnten dazu einen erheblichen Beitrag leisten, sagte Gül. Ob die Klimaziele allerdings ohne den Beitrag der Kernenergie erreicht werden könnten, ließ Gül offen: "Es ist vieles möglich, es wird aber nicht unbedingt leichter." Denn ohne Atomkraft wäre das Portfolio an emissionsarmen Technologien geringer, sagte Gül. Folglich müssten etwa die Erneuerbaren noch stärker ausgebaut werden. Auch Technologien wie die etwa von Umweltverbänden kritisierte CO2-Abschneidung und -Speicherung könnten dann eine größere Rolle spielen.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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