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Ortstermin: Internationales parlaments-stipendium
Götz Hausding
»In Jordanien leben wir alle friedlich zusammen«

Sie sind wieder da. Seit Anfang März streifen 117 junge Menschen aus 36 Ländern über die Flure in den Bundestagsgebäuden. Sie alle sind Teilnehmer am Programm des Internationalen Parlaments Stipendiums (IPS), das in diesem Jahr sein 30-jähriges Jubiläum feiert. Höhepunkt des IPS wird auch in diesem Jahr das knapp dreimonatige Praktikum im Büro eines Bundestagsabgeordneten sein. In den 30 Jahren seines Bestehens hat sich das IPS stetig weiterentwickelt. Zu Beginn der 1990er Jahren kamen die Länder aus Osteuropa und dem Balkan dazu. Seit zwei Jahren nehmen nun auch junge Leute aus den Staaten des arabischen Raums und dem Nahen Osten teil.

Eine von ihnen ist Razan Hatem Ishaqat aus Jordanien. Die 22-Jährige unterrichtet normalerweise Deutsch in einem Sprachzentrum in der Hauptstadt Amman. "Meine Schüler haben unterschiedliche Gründe, Deutsch zu lernen. Die einen bereiten sich auf den Familiennachzug vor, andere wollen in Deutschland studieren oder arbeiten", erzählt sie.

Razan Hatem Ishaqat ist eher zufällig zur deutschen Sprache gekommen. Eigentlich habe sie Ingenieurin werden wollen, sagt sie. "Dann habe ich an der Uni die Fremdsprachenstudiengänge angeschaut, wo mir Deutsch am besten gefallen hat. Und jetzt bin ich hier."

In Berlin wolle sie nun "Politik und Demokratie in Deutschland kennenlernen". Mit Blick auf den Parlamentarismus sind ihr im Vergleich zu ihrer Heimat ein paar wesentliche Unterschiede aufgefallen: Zwar gibt es in Jordanien, als einem der wenigen Länder in der Region, ein frei gewähltes Parlament. "Wir sind aber ein Königreich und deshalb entscheidet am Ende auch der König", sagt sie. Und fügt hinzu: "Wenn der König ein von Parlament und Senat entwickeltes Gesetzesvorhaben ablehnt, muss er das aber auch begründen."

50 Prozent der "Untertanen" von König Abdullah II. sind im Übrigen palästinensischer Herkunft. Eine deutlich kleinere Minderheit sind die Tscherkessen, zu denen auch Razan Hatem Ishaqat gehört. Sie siedelten sich im 19. Jahrhundert in Amman an. Etwa 40.000 Angehörige der eigentlich aus dem Kaukasus stammenden Ethnie leben heute in dem Königreich. "Ich sehe mich als Jordanierin und als Tscherkessin. Wir haben zwar verschiedene Sitten und Gebräuche und auch eine andere Sprache. Am Ende gehören wir aber zu Jordanien", sagt sie.

Nicht nur für viele Palästinenser und Tscherkessen ist Jordanien zur Heimat geworden. Es gibt auch Tschetschenen, Iraker und inzwischen auch immer mehr Syrer. "Für die Jordanier ist es nichts Neues, viele Menschen aus anderen Regionen im Land zu haben. Bei uns ist das kein Problem. Wir leben alle friedlich zusammen."

Die junge Jordanierin hat dennoch Verständnis, dass sich Europa mit der Aufnahme von Flüchtlingen sehr schwer tut. "Für Europäer sind das fremde Leute", sagt sie. Jordanien und Syrien seien sehr ähnliche Kulturen. "Wir sprechen die gleiche Sprache und können einander verstehen." Zwischen Europa und dem Nahen Osten seien die kulturellen Unterschied eben doch sehr groß.

Razan Hatem Ishaqats Zuneigung zu Deutschland tut dies jedoch kein Abbruch. Die 22-Jährige würde künftig gern in der Deutschen Botschaft in Amman arbeiten. Doch damit nicht genug: Sie hat auch ein großes Ziel vor Augen: "Später möchte ich mal Botschafterin Jordaniens in Deutschland sein."Götz Hausding

Aus Politik und Zeitgeschichte

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