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HISTORIE
Wolfgang Günter Lerch
Die »große Verschwörung«

100 Jahre Sykes-Picot-Abkommen: 1916 teilten zwei Kolonialbeamte den Nahen Osten unter London und Paris auf

Der sogenannte Islamische Staat (IS) bezeichnet sich als ein "neues Kalifat". Die Terrormiliz unter Führung ihres selbsternannten "Kalifen Ibrahim" kontrolliert trotz der gezielten Luftangriffe der westlich-russisch-arabischen Allianz auf ihre Stellungen noch immer große Teile des Irak und Syriens, sie herrscht über etwa acht Millionen Menschen, in einer Weise, wie sie grausamer kaum sein könnte. Mehr noch als Al Qaida ist sie zu einem Schrecken der Muslime geworden - und längst auch zu einem Schreckgespenst und vielen unbegreiflichen Phantom für den Westen, der Bezeichnungen wie "Kalif" allenfalls noch in orientalischen Märchenbüchern existent wähnte. Zum Erstaunen vieler ist der IS ein dauerhaftes Phänomen, im Internet tauchen immer wieder neue Sympathisanten auf. Tausende strömen ihm als "Kämpfer" zu, sogar aus Europa und aus Deutschland.

Neben religiös-ideologischem Fanatismus, Abenteurerlust, persönlicher Ausweglosigkeit oder schlichter Mordgier ist es auch das Streben nach einer grundsätzlich neuen politischen Ordnung im Nahen Osten, das manchen Anhänger "inspirieren" mag. Nicht zu Unrecht ist die Etablierung und Festigung des IS vor allem als eine Reaktion auf den rapiden Staatszerfall in der Region gedeutet worden, insbesondere im Irak und in Syrien.

Glanzvolle Kalifate Die Vision eines islamischen Großstaates ohne Grenzen unter einem "Nachfolger" des Propheten Mohammed (arabisch: khalifa) statt der künstlichen Nationalstaaten, die in der Region nur wenige Jahrzehnte alt sind, erscheint keineswegs nur Dschihadisten als Rückkehr zu alter Größe. Syrien und der Irak beherbergten einst die historisch so glanzvollen Kalifate der Omajjadden (661 bis 750 n. Chr.) und Abbasiden (750 bis 1258 n. Chr.). Der Gedanke einer Restitution solcher Gebilde in neuem Gewand findet durchaus Anklang bei jenen Muslimen, die die gegenwärtig existierende nahöstliche Staatenwelt einer westlichen "großen Verschwörung" zuschreiben.

Tatsächlich folgte die Proklamation unabhängiger Staaten wie Syrien, Libanon, Irak oder Jordanien im vorigen Jahrhundert einem Vorbild, das bis dato in der Region ganz fremd war und als dessen Urheber die beiden damals einflussreichsten westlichen Kolonialmächte gelten können: Großbritannien und Frankreich. In klassischer imperialistischer Weise praktizierten sie während und nach dem Ersten Weltkrieg eine Politik des Divide et impera, des "Teile und herrsche!"; und zwar mittels ihrer Protektorate und Mandate, die sie sich mit der Hilfe des Völkerbundes legitimieren ließen. Aus heutiger Sicht kann man diese Politik nur als desaströs bezeichnen, legte sie doch den Grundstein für die Krisen und Kriege, die den Nahen Osten im vorigen Jahrhundert heimsuchten und in unseren Tagen einen neuen Höhepunkt der Gewalt markieren.

Was die muslimische Welt bis heute als jene "große Verschwörung" geißelt, wurzelte in Absprachen, die während des Ersten Weltkrieges getroffen wurden und als diplomatische Ränkespiele westlicher Geheimdiplomatie charakterisiert werden müssen. Heute ist so gut wie sicher, dass auch der berühmte "Lawrence von Arabien" um diese Dinge wusste. Nichts desto weniger tat er aber so, als handele Großbritannien ehrlich gegenüber den Arabern, als es im Jahre 1915 in einem Briefwechsel des Hochkommissars in Ägypten, Henry Mac Mahon, mit dem Scherifen Hussein von Mekka der arabischen Seite zusicherte, nach der Zerschlagung des Osmanischen Reiches für eine staatliche Unabhängigkeit der befreiten arabischen Gebiete sorgen zu wollen. Für die Araber war dies ein wichtiges Motiv ihres Aufstandes, den sie unter Führung des Scherifen Hussein und seiner Söhne gegen die Türken begannen. Dem Geheimdienstmitarbeiter T. E. Lawrence, der in diesem Aufstand eine führende Rolle spielte, konnte auch nicht entgangen sein, dass London und Paris ein Jahr nach diesem Briefwechsel geheime Absprachen trafen, welche die gesamte Region nach Kriegsende neu gestalten sollten. Die Kolonialbeamten Mark Sykes und Georges Picot teilten dabei den Orient vor 100 Jahren schon auf, als offiziell noch die Osmanen dort herrschten und an der Sinai-Front sowie in Palästina erbitterten Widerstand leisteten.

Archive geöffnet Das Geheimabkommen blieb jedoch nicht lange geheim: Als im Oktober 1917 die Bolschewiki in Russland die Macht ergriffen, wurden die Verabredungen des Briten Sykes und seines französischen Verhandlungspartners Picot bekannt, denn man fand in den zaristischen Archiven, dass auch Russland (und sogar Italien) an den Vereinbarungen von 1916 beteiligt gewesen war. Der Zar war schon im 19. Jahrhundert als Schutzherr der orthodoxen Christen im Orient aufgetreten - wie die Briten für die Protestanten und die Franzosen für die Katholiken - und forderte Mitsprache im Heiligen Land und im Orient; schon deshalb, weil die Russische Kirche dort über umfangreiche Immobilien verfügte. Doch die Russen interessierten sich auch für die armenischen und kurdischen Gebiete, die Italiener für den Dodekanes und Teile der anatolischen Südküste. Die nach dem Bekanntwerden ausgebrochene öffentliche Empörung über "Sykes-Picot" konnte freilich nicht verhindern, dass die Verabredungen nach dem Krieg realisiert wurden.

Großbritannien und Frankreich teilten die Region des "Fruchtbaren Halbmondes" zwischen der Ostgrenze der Sinai-Halbinsel und dem Persischen Golf in mehrere Zonen auf, die entweder französisch oder britisch dominiert werden wollten. Sie bezeichneten das verharmlosend als "Vorrechte", bei prinzipieller Akzeptanz eines arabischen Staates oder einer Konföderation arabischer Staaten in der Zukunft. Teile des südlichen Anatoliens bis hinunter in den Libanon, wo die Maroniten besonders frankophil waren, wurden von Sykes und Picot Paris zugesprochen, die Häfen von Haifa und Akkon in Palästina hingegen den Engländern. Eine weitere Zone umfasste die arabische Golfküste und den südlichen Irak um Basra, die beide britisch werden sollten; der größte Teil des heutigen Syrien und der Norden des Irak fielen auf der Landkarte zunächst an Frankreich, als sogenannte Zone A, während die den Briten zugedachte Zone B im Wesentlichen das Gebiet des heutigen Haschemitischen Königreichs Jordanien, Palästina und Teile des westlichen Irak bis Bagdad umfasste.

Als seien diese Schachereien nicht genug, sicherte der britische Außenminister Arthur James Balfour im November 1917 gegenüber Baron Rothschild zu, London werde sich für die Errichtung einer "nationalen Heimstätte" für die Juden in Palästina einsetzen, vorausgesetzt, die Rechte der arabischen Bevölkerung würden nicht verletzt. In dieser Deklaration sieht Israel bis heute einen wichtigen völkerrechtlichen, legitimatorischen Meilenstein auf dem Weg zu seiner Staatsgründung 1948, während die andere Seite in ihr den "Höhepunkt des Verrats" an den Arabern erblickt.

Künstliche Grenzen Mit kleinen Veränderungen wurden das Sykes-Picot-Abkommen wie auch die Balfour-Deklaration verwirklicht. In San Remo und Versailles entstand im Jahr 1919 die neue Ordnung, sozusagen auf dem Reißbrett. Kemal Atatürk, dem Gründer der Türkischen Republik, gelang es 1923 in Lausanne immerhin, Anatolien von fremder Herrschaft freizuhalten. Der Nordirak ging schließlich doch an die Engländer statt an die Franzosen - gegen erbitterten Widerstand der Kurden, nachdem dort Erdöl entdeckt worden war. Der Libanon, Syrien, Palästina und der Irak wurden Mandatsgebiete, danach zu unabhängigen Staaten wie Syrien, Libanon, Irak, Jordanien und 1948 schließlich Israel.

Die künstlich gezogenen Grenzen durchschnitten Siedlungs- und Weidegebiete der Stämme, ganz abgesehen davon, dass das politische Konzept des Nationalstaates in der muslimischen Welt unbekannt war. In den Augen zumindest der Islamisten, aber nicht nur dieser, waren diese Machenschaften das "Ur-Verbrechen" gegen den Geist des Islams. Denn Nationalstaaten sind in ihren Augen Götzendienst. Der britische Autor David Fromkin gab seinem Buch über diese Ereignisse den beredten Titel: "A peace to end all peace". Er sah in der neuen Ordnung, die vor nun 100 Jahren begründet wurde, nicht zu Unrecht den Keim für künftige Konflikte und Kriege.

Der Autor war von 1978 bis 2012 als Nahost- und Nordafrikaexperte Redakteur der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung". .

Aus Politik und Zeitgeschichte

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