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MUSLIMBRÜDER
Petra Ramsauer
In der Achterbahn

Die Bewegung des politischen Islams steckt in ihrer größten Krise

Die ägyptische Muslimbruderschaft solle zur Terrororganisation erklärt werden: Mit dieser Resolution wandte sich der Justizausschuss des US-Kongresses im Februar an das US-Außenministerium: Eine - noch - unrealistische Forderung, aber doch ein vielsagendes Signal dafür, wie sehr die Bewegung auch im Ausland unter Druck geraten ist. Saudi Arabien klassifizierte sie als Terrororganisation, die britische Regierung holte ein Expertengutachten ein. Fazit: Es gebe extremistische Tendenzen, doch eine Verallgemeinerung sei nicht möglich.

Die politische DNA dieser Mutterorganisation des politischen Islams ließ sich nie präzise sequenzieren, momentan ist es schwieriger denn je. "Jene Muslimbruderschaft, die wir in der Vergangenheit studiert haben, gibt es nicht mehr", gab Marc Lynch, Professor für internationale Politik an der George Washington University, einer der profundesten Kenner der Gruppe, in einer aktuellen Analyse zu bedenken: "Argumente, die noch vor fünf Jahren galten, stimmen einfach nicht mehr."

Seit der Revolution 2011 vollzieht die Gruppe in ihrem Kernland Ägypten eine politische Achterbahnfahrt. Die ersten freien Wahlen wurden zum Triumph der Bruderschaft, die zu diesem Zeitpunkt eine Million Mitglieder zählte. Mit 42 Prozent errang ihre "Partei für Freiheit und Gerechtigkeit" die Mehrheit im Parlament, Klubchef Mohammed Mursi wurde zum Staatschef gekürt. Ein Volksaufstand, angefacht durch die autoritären Tendenzen Mursis, führte danach zur schwersten Krise der Bewegung seit ihrer Gründung 1928. Armeechef Abdelfattah al-Sisi nutzte das politische Drehmoment, übernahm die Macht und startete eine massive Repressionswelle gegen die Bruderschaft. Ihre Führungsfiguren sind nun in Haft oder im Exil. Hunderte Todesurteile wurden verhängt, auch gegen Mursi und den spirituellen Führer Mohammed Badie.

Verlorenes Vertrauen Phasen der Repression hat die Bewegung mehrmals überstanden. Doch nun fehlt der Rückhalt in der Bevölkerung und interne Richtungskämpfe zersetzen die rigide Organisationsstruktur. Über Jahrzehnte gelang es der Bruderschaft, sich unter dem Slogan "Islam ist die Lösung", gekoppelt mit einer karitativen Offensive, als politischen Gegenpol zu etablieren. Schulen, günstige Spitäler, gratis Medikamente für die Ärmsten schufen tiefe Loyalitäten und bargen das Versprechen einer "besseren" Politik. "Nach 2011 kamen aber viele Ägypter zu dem Schluss, dass die Muslimbruderschaft weder eine Vision hat, um das Land zu führen und schon gar nicht die Kompetenz dafür", sagt Mokhtar Awad, Experte für islamistische Bewegungen in Nahost: "Die Menschen sind verärgert über die aktuelle Regierung, es gibt Sympathien für die Bruderschaft angesichts der massiven Menschenrechtsverletzungen. Aber das Vertrauen darin, dass sie eine Alternative sein könnte, ist angesichts ihres Versagens an der Regierung völlig verloren gegangen und so auch ihre Fähigkeit, zu mobilisieren."

Nun tobt ein Richtungsstreit des Rumpf-Kaders: zwischen einer radikalisierten Jugend und der alten Garde. Letztere um Mahmoud Ezzat, dem stellvertretenden spirituellen Führer, beharren auf dem historischen Postulat der Gewaltfreiheit und haben - noch - die Oberhand. Gleichzeitig fordert der Flügel der jungen Mitglieder verstärkt eine "Revolution". Um den offiziellen Sprecher der Bruderschaft, Mohamed Montasser und Polit-Büro-Mitglied Mohamed Kamal, formierte sich die "Strömung des Gewissens", die gewaltsamen Widerstand propagiert.

Auch solche Flügelkämpfe hat es in der Vergangenheit gegeben und bislang setzte sich immer jene Gruppe durch, die für den politischen Kampf stand. Doch alles, was an Gesetzmäßigkeit bislang für die Bruderschaft galt, scheint außer Kraft gesetzt. Angesichts der wachsenden Spannungen in Ägypten, der immer brutaleren Repressionswelle gegen breite Teile der Zivilgesellschaft könnte sich die Bruderschaft neu erfinden und ihre politisch motivierte Etikettierung durch Regierung und deren Verbündete zur selbsterfüllenden Prophezeiung werden.

Die Autorin berichtet als freie Journalistin aus dem Nahen Osten.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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