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IRAK II
Birgit Svensson
Eine Chronologie der Gewalt

Seit fast einem Jahrhundert ist das Land Schauplatz blutiger Kriege und Konflikte. Selbst die gemeinsame Bedrohung durch den IS führt die Volksgruppen nicht zusammen

"Seitdem ich geboren bin, gibt es nur Krieg". Als die Dichterin und Literaturkritikerin Amina Mahmoud 1974 in der irakischen Hauptstadt Bagdad zur Welt kommt, tobt bereits der dritte Aufstand der Kurden gegen die Zentralregierung. Der Konflikt ist damit älter als sie - und findet auch heute noch kein Ende. Selbst unter der gemeinsamen Bedrohung durch die Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS), sind Bagdad und Erbil, die Hauptstadt des kurdischen Teils, tief zerstritten. Über Jahrzehnte hinweg kämpfen die Kurden für einen unabhängigen Staat und wähnen sich damit im Recht. Die Sieger des Ersten Weltkrieges hatten es ihnen versprochen.

Günstling der Briten Als das Osmanische Reich 1918 unterging, übernahmen die Briten von den Türken die drei Provinzen Bagdad, Mossul und Basra, die sie später Irak nannten. In Sèvres wurde den Kurden ein eigener Staat zugesagt. Doch daraus wurde nichts. 1926 gliederte Großbritannien das erdölreiche Gebiet um Mossul und Kirkuk an das Königreich Irak an. Der Traum eines unabhängigen Kurdistan schien ausgeträumt. Den Briten ging es darum, die Macht ihres Günstlings Faisal Ibn Hussein aus Saudi-Arabien zu sichern. Er war ihr Hauptverbündeter im Ersten Weltkrieg und führte den Aufstand gegen das Osmanische Reich an (siehe Seite 3). Am 23. August 1921 wird Faisal König des Vielvölkerstaates Irak. Doch es dauert elf Jahre, bis der Völkerbund das Land als konstitutionelle Monarchie anerkennt und es als Mitglied aufnimmt. Als erster arabischer Staat wird der Irak 1932 formell unabhängig. Allerdings sicherten sich die Briten auch weiterhin einen weitgehenden Einfluss im Zweistromland - wirtschaftlich und militärisch.

Es folgen der Zweite Weltkrieg, Aufstände gegen die Schutzmacht Großbritannien, Putsche gegen die Regierenden in Bagdad, diverse Regierungswechsel. Erst 1958 setzt eine Wende ein: Am 14. Juli putscht die Armee gegen den 23 Jahre alten König Faisal II. Der Umsturz wird angeführt von dem damaligen Brigadegeneral Abd al-Karim Qasim und Oberst Abd as-Sallam Arif. Der König und seine Familie werden umgebracht, Premierminister Nuri as-Said, der als Symbolfigur der Bindung an Großbritannien gilt, von der aufgebrachten Bagdader Bevölkerung gelyncht. Viele Iraker verehren den Brigadegeneral auch heute noch als einen durchgreifenden, umsichtigen Patrioten, der den Briten die Stirn bot. In der Bagdader Rasheed Straße ist Abd al-Karim Qasims ehemalige Residenz zum Museum umgebaut worden. Im Gegensatz zu den anderen Gebäuden in der einstigen Prachtstraße, die schwer vom Terror der vergangenen Jahre gezeichnet sind, ist das Haus Qasims in gutem Zustand.

Während der Bürgerkriegsjahre 2006/07 und 2008 verlief in der Rasheed-Straße die Front zwischen sunnitischen und schiitischen Milizen. Todesschwadronen auf beiden Seiten ließen das Leben im Herzen Bagdads zur Hölle werden und die Rasheed-Straße zur Geisterstraße verkommen. Bis heute hat sich die Straße nicht von den Blutbädern erholt, die hier im Namen Allahs stattfanden. Doch Qasims Haus ist verschont geblieben. Sunnitische wie schiitische Iraker respektieren ihn, obwohl der Brigadegeneral immer diktatorischere Züge annahm und Irak schließlich zu einem Militärregime umformte.

Aus dem Militärregime Qasims erwuchs das Staatsterrorregime Saddam Husseins. 1979 übernahm der Diktator die Macht. Vorangegangen war ein Jahrzehnt der Prosperität. Durch seinen Ölreichtum wurde das Land zwischen Euphrat und Tigris zu einem der reichsten Länder weltweit und Bagdad zur Perle des Orients. Gleichwohl waren die 1960er Jahre aber auch geprägt vom Ringen der Baath-Partei, die Macht im Staate an sich zu reißen, was ihr nach mehreren Niederlagen 1968 gelang. Bis zum Sturz Saddam Husseins im April 2003 blieb sie die unangefochtene Einheitspartei des Präsidenten. Millionen von Mitgliedern - Sunniten wie Schiiten - bestimmten 35 Jahre lang über die Geschicke Iraks und seiner Bürger. Sie belohnte diejenigen, die loyal zu ihr standen und bestrafte die, die gegen sie waren. Massenhinrichtungen von Kurden und Schiiten waren die Folge, Giftgasangriffe der Armee gegen die eigene Bevölkerung. Diskriminierungen, Haft und Folter von Regimegegnern wurden zum Alltag. Ein Krieg jagte den anderen: acht Jahre gegen Iran, zwei Jahre gegen Kuwait, der dritte Golfkrieg und acht Jahre Besatzung. Der Kriegsgrund für den Einmarsch der Briten und Amerikaner 2003 wurde nie gefunden. Es gab keine Massenvernichtungswaffen mehr im Irak. "Unsere Massenvernichtungswaffe war das UN-Embargo", reflektiert Mahmoud die Stimmung im Irak zwischen 1992 und 2003. "Wir hatten nichts zu essen, Tausende Kinder starben an Unterernährung." Für viele sei das Embargo schlimmer gewesen als die Kriege, weiß die Schriftstellerin.

»Al-Quaida-Plus« Vorläufig letzte Etappe der Chronologie der Gewalt: Aus dem Machtvakuum nach dem Abzug der US-Truppen Ende 2011 erwuchs die Terrormiliz IS oder "Al-Qaida Plus", wie die Iraker sie auch nennen. Viele der Dschihadisten sind den Menschen aus den Zeiten des Widerstands gegen die US-Besatzer bekannt. Ihre Ziele sind heute allerdings andere. Al-Qaida wollte Chaos schaffen, um die Amerikaner daran zu hindern, einen Staat nach ihrem Gutdünken aufzubauen. Der IS will sich dauerhaft auf einem Teil Iraks niederlassen und einen eigenen Staat jenseits der Grenzen, die die Briten vor hundert Jahren gezogen haben, errichten. Durch die vielen ausländischen Kämpfer, die ihm beigetreten sind, entstand ein weltweites, riesiges Netzwerk. Damit ist der IS mächtiger, als es Al-Qaida je war.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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