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BAScHAR AL-ASSAD
Alfred Hackensberger
Vom Reformer zum Diktator

Nach seinem Machtantritt wollte er verkrustete Strukturen aufbrechen, doch der Familienclan hatte andere Pläne

Baschar al-Assad? "Ein nebulöses, in Blut getränktes Wesen, das über Leichen geht", sagt Elias Khoury, einer der führenden arabischen Autoren und Intellektuellen, über den syrischen Präsidenten. Er sei ein Herrscher mit despotischen Fantasien, der unglaublich brutal gegen das eigene Volk vorgehe. Khoury fasst das Bild eines Tyrannen in Worte, das sich im Laufe des mittlerweile fünf Jahre andauernden Bürgerkriegs im Bewusstsein der Weltöffentlichkeit festgesetzt hat.

Tatsächlich haben die syrische Armee und die vielen unterschiedlichen Geheim- und Sicherheitsdienste in seinem Namen gewütet: Diverse Massaker an Zivilisten, Folterungen und Exekution Tausender Oppositioneller sowie die systematische Bombardierung von Wohngebieten in Aleppo und vielen anderen Städten in Syrien. Seit Ende Februar ist es mit dem Beginn der Waffenruhe wesentlich ruhiger geworden. Aber trotzdem bleiben über 250.000 Todesopfer und elf Millionen Flüchtlinge.

"Möge Gott Assad auf alle Ewigkeit verdammen", haben schon so viele Syrer seit 2011 mit zum Himmel erhobenen Händen ausgerufen, deren Vater, Mutter, Schwester oder der neugeborene Sohn in den Trümmern bombardierter Wohnhäuser gestorben sind. Aber die Gebete wurden nicht erhört. Assad scheint heute wieder einmal so fest im Sattel zu sitzen, wie selten zuvor. Trotz der Friedensverhandlungen in Genf scheint es keinerlei Anzeichen dafür zu geben, dass die Herrschaft des 50-Jährigen bald zu Ende gehen würde. Assad, der seinen Vater Hafis al-Assad nach dessen Tod im Jahr 2000 als Staatsoberhaupt beerbte, zeigt sich nach wie vor kampfeswillig. Die Zukunft des Präsidenten sei momentan kein Thema, betonte der stellvertretende russische Außenminister Sergei Ryabkov vergangene Woche bei einem Besuch in den USA. Und Washington soll dem zugestimmt haben - sehr zum Unwohl der Opposition. "Was sonst sollen wir in Genf diskutieren, als das Schicksal Assads?", fragte Riad Nassan Agha, ein Oppostions- mitglied.

Gnadenloser Herrscher Mit dem neuen großen Sieg in Palmyra über den IS ist Assad zum erfolgreichen Terrorbekämpfer avanciert, der nebenbei auch noch Weltkulturerbe bewahrt. So jedenfalls dürfte er sich fühlen. Der russische Präsident Wladimir Putin hat ihm persönlich zur Rückeroberung der Ruinenstadt gratuliert. Aber das hilft wenig. Das Image des blutrünstigen Diktators wird Assad nicht mehr los. Nur, wie konnte es dazu kommen, dass aus dem gelernten Augenarzt, der einst der Hoffnungsträger Syriens war, ein gnadenloser Herrscher wurde? Bei seinem Machtantritt vor 16 Jahren hatte Assad Reformen durchgesetzt, die unter der knallharten Regentschaft seines Vaters Hafis undenkbar gewesen wären. Der Sohn ließ als Präsident politische Häftlinge frei, förderte private Diskussionszirkel, in denen die Bevölkerung über Politik und neue Ideen sprechen sollte. Man ließ sogar ein kritisches Satiremagazin erscheinen.

Die Liberalität hatte jedoch bald ein Ende. Im Januar 2001 forderten Intellektuelle und Aktivisten die Aufhebung des Ausnahmezustands, die Freilassung aller politischer Häftlinge sowie freie Wahlen in einem demokratischen Mehrparteiensystem. Das aber ging dem Regime dann doch zu weit. Unterzeichner der "Erklärung der 1.000" wurden verhaftet, die Diskussionsgruppen wieder verboten und das Satiremagazin geschlossen.

Gebundene Hände Damals mag Assad die Verfolgung kritischer Geister wenig gefallen haben. In Großbritannien hatte er während seines Zusatzstudiums der Augenmedizin den liberalen europäischen Lebensstil schätzen gelernt. Zu Hause wollte er das versteinerte System aus Korruption und Machtwillkür verändern. Aber selbst als Präsident waren ihm die Hände gebunden. Sein Vater Hafis hatte in den drei Jahrzehnten seiner Herrschaft einen stalinistischen Staat geschaffen. Militär, Geheimdienst und diverse andere Sicherheitsagenturen waren die unumstößlichen Eckpfeiler. Ohne Rücksicht auf dieses Triumvirat konnte der neue, junge Präsident nicht regieren. Er war nur ins Amt gekommen, weil sein älterer Bruder, den Vater Hafis als Nachfolger bestimmt hatte, bei einem Autounfall ums Leben kam.

Lange Zeit zog die heute mittlerweile verstorbene Ansia al-Assad, die Witwe von Hafis Assad, die Fäden. Sie wurde zur Beraterin von ihrem Sohn Baschar, aber auch ihres anderen Sprösslings Maher, der für seine Aggressivität bekannt ist. Er führt die Republikanische Garde sowie die Elitetruppe der vierten Division an, die für ihr unerbittliches Vorgehen gegen die Opposition berüchtigt ist.

Der Assad-Klan entschied alles: Wer Karriere machte, an wen Wirtschaftsverträge vergeben wurden und wer die wichtigen Positionen im Sicherheitsapparat besetzt. Es sind die alten, eingefahrenen Familienstrukturen, denen es Assad lange Zeit verdankte, in Amt und Würden zu sein. Heute ist das alles anders. Die großen Verbündeten bestimmen - Russland und der Iran. Der Präsident und seine Militärs haben letztlich nichts mehr zu sagen. Assad scheint nur noch eine Marionette zu sein, die ab und zu noch den starken Mann markieren darf.

Der Autor berichtet als freier Korrespondent aus dem Nahen Osten.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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