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SYRISCHE OPPOSITION
Petra Ramsauer
Von Helfern zu Hoffnungsträgern

Ärzte, Bürgerjournalisten und lokale Protestgruppen als Fundament einer neuen Ordnung

Anfangs waren es nur ein paar Aktivisten, die dem so genannten "Islamischen Staat" (IS) den Medienkrieg erklärten. Heute ist die Initiative "Raqqah is Being Slaughtered Silently" ("Rakka wird stillschweigend geschlachtet") weltweit bekannt. 17 Syrer schlossen sich 2014 unter diesem Namen zusammen, um Augenzeugenberichte, Videos und Fotos aus der syrischen Stadt Rakka zu schmuggeln, die zur Hochburg der Terrormiliz geworden war.

Fünf der Aktivisten wurden bereits vom IS ermordet, doch die Initiatoren hält das nicht ab. "Ich spreche im Namen von Millionen von Syrern, die sich ein freies, demokratische und vereintes Heimatland wünschen", sagte ein Aktivist im November 2015 in New York, wo er - zum Schutz seiner Familie anonym - den "International Press Freedom Award" entgegennahm, einen der renommiertesten Publizistik-Preise der Welt. In seiner Rede machte der Aktivist deutlich, dass Leute wie er sich im Schatten von zähen Verhandlungen und immer chaotischeren Kämpfen als Hoffnungsträger Syriens etablieren.

In Syrien engagieren sich heute tausende Bürgerjournalisten, als Einzelkämpfer oder in Plattformen vereint. Yusuf Eissa, ein 25-jähriger Journalist, meint, dass so eine neue, moderne politische Elite entsteht: "Zu den größten Hürden zählt nicht bloß, dass sich Syriens Konfliktparteien irgendwann auf Wahlen und ein neues politisches System eignen", meint er. "Viel schwieriger wird es sein, Persönlichkeiten zu finden, die als Integrationsfiguren akzeptiert werden." Er beobachtet, dass viele Menschen nur noch den Personen vertrauen, die sich vor Ort für ihre Belange einsetzen - und damit nicht der bewaffneten oder politischen Opposition, die sich viel zu lange völlig uneinig war.

Dabei gab es zuletzt ein zartes Signal in Richtung Einigung: Beim weiteren Anlauf der Genfer Friedensgespräche formierte sich eine Verhandlungsdelegation der Opposition, das "High Negotiation Committee" (HNC). Darin schlossen sich fast zwei Dutzend Gruppen zusammen. Auch Vertreter der "Freien Syrischen Armee" sind maßgeblich vertreten. Die Entwicklung gilt international als Fortschritt, wird in Syrien jedoch kritisch gesehen, vor allem wegen der Benennung Mohammed Alluschs als HNC-Chefverhandler. Allusch hat in Saudi-Arabien Rechtswissenschaften studiert und ist Anführer einer der einflussreichsten Milizen, der "Jaisch al-Islam" ("Armee des Islams"), die eine salafistische Ideologie verfolgt. Dass der Zusammenschluss des HNC erst auf Druck Saudi-Arabiens gelang und ausgerechnet Allusch die Führungsrolle übernahm, werten viele Syrer als Indiz für den starken Einfluss des Auslands auf die Opposition. Die Mitsprachemöglichkeiten der Syrer selbst sind gering. Zudem stehen sie radikalen Islamisten meist sehr skeptisch gegenüber - egal auf welcher Seite in diesen Konflikt sie stehen.

"Die Kluft zwischen der Exil-Opposition und den Leuten, die im Kriegsgebiet leben, wird immer größer", betont Maya Hautefeuille, Sprecherin der Gruppe "Independent Doctors Association" (IDA). Auch sie gewinnt rasant an Bedeutung. Als medizinische Hilfsorganisation 2013 im umkämpften Teil Aleppos gegründet, hat die Basisbewegung heute weit über die Krankenzimmer hinaus große Bedeutung in Syrien. "Zwei Drittel des medizinischen Personals war geflohen, wir brauchten dringend eine Notversorgung", erklärt der Gründer, der Augenarzt Mahmoud Mustafa, seine Motivation. Heute arbeiten fast 400 Personen für die Gruppe. Mittlerweile kümmert sich die IDA, die zu 90 Prozent aus Hilfsgeldern der deutschen Regierung finanziert wird, auch um die Versorgung chronisch unterernährter Kinder und intern Vertriebener. "Immer öfter diskutieren wir aber auch, welche langfristigen Folgen unser Engagement hat", sagt Sprecherin Hautefeuille. Sie ist sich sicher: "Gruppen wie wir, können den politischen Grundstein für ein neues Syrien legen."

Tausende Freiwillige Die Metamorphose von Helfern zu Hoffnungsträgern illustriert auch der Erfolg der "Weißen Helme". Die 2014 entstandene Zivilschutzgruppe, für die Bäcker, Bankangestellte und Pianisten arbeiten, wird von der internationalen "Syrien Support Group" finanziert. Fast 3.000 Freiwillige sind an 114 Orten im Einsatz, um in den von der Opposition gehaltenen Gebieten Menschen nach Luftangriffen zu bergen und in Krankenhäuser zu bringen. Schätzungsweise 40.000 Menschen verdanken ihr Überleben dieser Gruppe.

"Derzeit retten wir Menschen aus den Trümmern", sagt eine Mitarbeiterin der "Weißen Helme". "Aber das ist nur eine Übergangsphase. Wir hoffen, dass die Zivilschützer irgendwann einmal auch die Trümmer dieser Gesellschaft wieder aufbauen. Wir kümmern uns um die Anliegen der ganz normalen Menschen."

Wie fast alle Aktivisten der Gruppe, will sie anonym bleiben. Eine Ausnahme ist der Direktor der Weißen Helme, Raed al Saleh. Anfang März meldete er sich bei einem Auftritt in London selbstbewusst zu Wort: "Wir bekommen mehr Mitgliedsanträge von Menschen, die noch in Syrien leben, als wir aufnehmen können. Denn wir sind das nette Gesicht Syriens geworden."

Und noch ein weiteres, lange verloren geglaubtes "Gesicht" des Widerstandes ist mit dem Inkrafttreten der Waffenstillstandsvereinbarung im Februar wieder in Syrien zu sehen: friedliche Demonstranten, die mit Transparenten für einen Wandel in ihrem Land kämpfen. "Wir haben nicht aufgegeben. Wir sind immer noch da", war auf ihnen zu lesen. Oder: "Die Revolution geht weiter."

Fast 200.000 politische Widersacher des Regimes wurden seit 2011 verhaftet, laut Angaben von Menschenrechtsgruppen dürften bis zu 70.000 in den Gefängnissen umgekommen sein. Doch mehr als erwartet haben offenbar überlebt, physisch wie politisch. Am fünften Jahrestag der Aufstände im Land fluteten viele Syrer die sozialen Medien regelrecht mit Bildern aus tausenden Städten und Dörfern Syriens, aus Aleppo, Homs und aus Dara'a. In diesem Ort, gelegen im äußersten Süden des Landes, begannen im März 2011 die Massenkundgebungen gegen das Regime von Bashar al-Assad. Im Zuge der Entwicklungen gewinnen auch die schon im Januar 2011 in der Hauptstadt Damaskus sowie in deren Vororten entstandenen "Lokalen Organisationskomitees" wieder an Bedeutung.

"Mit Politik will ich nichts zu tun haben. Ich helfe nur beim Organisieren der Proteste gegen das Regime", erklärt Hisham Asaad, einer der Aktivisten, die sich wieder mit Transparenten auf die Straße wagen, sein Engagement; zweifellos ein ungewöhnliches Verständnis von Politik, das der 20-Jährige hier formuliert.

Erste Schritte "Wir müssen erst lernen, wie eine Demokratie wirklich ablaufen kann, was Politik ist", sagt dazu Mohammed Bakkour. Der 56-Jährige ist Mitglied eines Komitees in der nordsyrischen Stadt Azaz. "Wir haben hier sogar schon so etwas wie eine lokale Stadtverwaltung gewählt. Doch das sind erste Schritte. Wir haben ja null Erfahrung mit demokratischen Prozessen und hätten schon 2011 viel mehr Unterstützung beim Aufbau neuer Fundamente gebraucht. Dann wäre in dieser Revolution vieles anders gelaufen", ist er überzeugt. Bakkour ist dennoch optimistisch: "Wir, die Aktivisten am Boden, werden uns durchsetzen. Weil man uns zu vertrauen beginnt. Und dieses Vertrauen verleiht uns langfristig die größte Macht im Land."

Aus Politik und Zeitgeschichte

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