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Wassernot
Gil Yaron
Das kostbare Nass

Die gewaltigen Probleme zwingen Israel und seine Nachbarn zu einer umfassenden Kooperation

Selbst in Galiläa ist es zu Neujahr kalt. Und so dürfte der bewaffnete Trupp, der sich in der ersten Nacht des Jahres 1965 vom Libanon aus in Israel einschlich, gefroren haben. Vielleicht ging deswegen so viel schief: Der Sprengsatz aus sowjetischen Beständen, den die Männer wahrscheinlich voller Hast anbrachten, explodierte nicht. Auf dem Weg zurück wurden die Kämpfer von libanesischen Polizisten verhaftet. Und doch würde die Operation in die Geschichtsbücher eingehen: Es war die erste Aktion der al-Fatah, einer radikalen Organisation, die wenige Jahre später das Heft des palästinensischen Befreiungskampfs in die Hand nehmen und ihren Gründer Jassir Arafat zum bekanntesten Vertreter seines Volkes machen würde. Doch interessanter war das Ziel des Angriffs, der von Syriens Geheimdienst geplant worden war: eine schnöde Wasserpumpe, Teil der israelischen "Nationalen Wasserleitung", ein riesiger Kanal, der das kostbare Nass von Israels fruchtbarem Norden in die Negevwüste im Süden bringen sollte.

Zuflüsse umgeleitet Der Rohrkrepierer der Fatah schlug damals keine Wellen. Für Zeitgenossen war die Aktion Teil eines viel größeren Kampfes. Israelis nennen ihn bis heute den "Wasserkrieg", bei dem Libanon, Syrien, Jordanien und Israel sich von Beginn der 1950er Jahre bis 1967 fortwährend Grenzscharmützel lieferten. Dabei hatten die USA schon 1953 mit einem umfassenden Plan des Sondergesandten Eric Johnston die Grundlage für regionale Kooperation gelegt. Alle betroffenen Staaten hatten seiner gerechten Aufteilung des Wassers in der Jordansenke zugestimmt. Doch die Arabische Liga vereitelte den Plan: Sie verbot ihren Mitgliedstaaten die Teilnahme, weil er einer Anerkennung Israels gleichkäme. Sie fürchtete, ein blühender Negev könnte drei Millionen weitere jüdische Einwanderer aufnehmen und so die Hoffnung, Israel auslöschen zu können, zunichtemachen. Deswegen beschloss sie 1964, Israel zuvorzukommen und die Quellflüsse des Jordan umzuleiten, um dem Judenstaat das Wasser abzugraben. Ein "Vereintes Arabisches Oberkommando" sollte die Erdarbeiten schützen und Angriffspläne vorbereiten. Arabische Medien priesen den Gipfel als "das erste Mal in der Geschichte der arabischen Völker, in dem sich alle arabischen Führer einig sind". Die Ereignisse mündeten drei Jahre später in den Sechs-Tage--Krieg - einer der wichtigsten Kriege in Nahost, die auch um Wasser geführt wurden.

Knapp 50 Jahre später könnte Wasser wieder zu einem Kriegsgrund werden. Die Natur hat die Levante sehr knapp bedacht: Sie beherbergt fünf Prozent der Weltbevölkerung, aber nur ein Prozent der weltweiten Süßwasservorkommen. Klimawandel, Bevölkerungswachstum und die verheerende, fehlgeleitete Politik der Region lassen diese Diskrepanz weiter zunehmen. So berichtete die US-Raumfahrtbehörde Anfang 2016, dass in der Region seit 1998 "die schlimmste Dürre seit 900 Jahren" herrsche. Die meisten Klimamodelle sehen für die Region einen weiteren Rückgang der jährlichen Niederschläge voraus.

Schon heute ist die Bevölkerung des Nahen Ostens eine der jüngsten der Welt. In vielen Staaten wird denen Familienplanung weiter als "unislamisch" abgelehnt. Kein Wunder also, dass hier eine der höchsten Bevölkerungswachstumsraten der Erde zu bezeichnen ist. Die verteilt sich zudem nicht gleichmäßig auf die Region: Flüchtlingsströme haben die Langzeitplanung vieler Staaten über den Haufen geworfen. So rechnete die 2009 formulierte Nationale Wasserstrategie Jordaniens damit, dass das Land 2022 etwa 7,8 Millionen Bürger mit Wasser versorgen müsse. Doch die immensen Flüchtlingsströme aus Syrien haben die Bevölkerung des Wüstenstaats bereits im Juli 2015 auf 8,1 Millionen Menschen hochschnellen lassen. Das verschärft die Wassernot: Pro Kopf stammten 2013 nur 143 Kubikmeter Wasser aus erneuerbaren Quellen - dramatisch wenig im Vergleich zum Weltdurchschnitt von 7.700 Kubikmeter im Jahr. Selbst gute Planung täte sich angesichts dieser Umstände schwer, die langfristige und nachhaltige Trinkwasserversorgung im Land sicherzustellen.

Dabei war der Umgang mit Wasser in der Region selbst in der nahen Vergangenheit weder von Weitsicht noch von Sparsamkeit geprägt. In den maroden Leitungen Jordaniens und der Palästinensischen Autonomiebehörde versickern 40 bis 75 Prozent des Wassers. Auch Saudi-Arabien verschwendete seinen wichtigsten Bodenschatz. Unter seinen Sanddünen, im arabischen Aquifer, dümpelte so viel Wasser wie im Eriesee, dem fünftgrößten See Nordamerikas. Mit Hilfe dieses Reservoirs mutierte das Land in den 1980er Jahren kurzfristig vom Wüstenstaat zum zehntgrößten Weizenexporteur der Welt. Man schenkte Bauern das Wasser, zahlte ein Vielfaches des internationalen Preises für die Ernte und erhob keine Steuern. Im Spitzenjahr 1992 sprossen hier mehr als 4,1 Millionen Tonnen Weizen - fünf Mal mehr als man verzehrte. Den Rest verschenkte man an Kuwait, die Vereinigten Arabischen Emirate, Qatar, Bahrain, Jemen und Oman, oder es verrottete einfach.

Von den Spannungen zwischen Ägypten und Äthiopien wegen der Errichtung von Afrikas größtem Staudamm am Nil, über den Streit zwischen Israelis, Palästinensern und Jordaniern um Wasser, die Debatte über die Nutzung fossiler Wasserreservoirs wie dem arabischen Aquifer, von dem fast alle Golfstaaten und Jordanien abhängen, bis hin zur türkischen Nutzung von Eufrat und Tigris, die schwerwiegende Konsequenzen für Syrien und den Irak hat - allerorts ist das Potenzial für Konflikte groß.

Sind die Weichen wie damals auf Krieg gestellt? Das Gegenteil ist der Fall: Denn die Probleme sind inzwischen so gewaltig, dass sie die Region zum Umdenken zwingen, nämlich zu grenzüberschreitender Kooperation wie im Falle des Gazastreifens. In Jemen, Jordanien oder Ostsyrien mag die Lage bedrohlich sein, hier ist die Wasserlage verheerend. Strommangel führt zu gewaltigen Versorgungsengpässen: 70 Prozent der Haushalte Gazas verfügen nur alle zwei bis vier Tage etwa acht Stunden lang über fließend Wasser. Gaza hat nur eine einzige natürliche Wasserquelle, den Küstenaquifer, aus dem seit Jahrzehnten drei Mal mehr Wasser abgepumpt wird als jährlich nachfließt. Das senkt den Grundwasserpegel, Meerwasser tritt ein und hebt den Salzgehalt des Grundwassers. Der ist mit 1.500 mg/l acht Mal höher als der empfohlene Höchstwert. Das Wasser in 75 Prozent der Brunnen ist für den menschlichen Verzehr eigentlich zu salzig. Sollte kein radikaler Wandel eintreten, dann rechnet die Weltgesundheitsorganisation schon für das Jahr 2020 damit dass der Aquifer als Wasserquelle unwiderruflich unbrauchbar sein wird.

Grundwasser Die Versalzung ist indes nur ein Problem. Erst zwei Drittel von Gazas Bevölkerung ist an die Kanalisation angeschlossen. Und nur ein Viertel der Abwässer wird geklärt. Der Rest versickert in Senkgruben und verseucht das Grundwasser, mit falschen landwirtschaftlichen Praktiken wie dem verschwenderischen Gebrauch von Pestiziden. Und so ist der Nitratgehalt des Leitungswassers bis zu zehn Mal höher als erlaubt. Laut Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation WHO ist die stinkende Brühe in den Wasserhähnen, oder das nur unzulänglich geklärte Wasser privater Anbieter, für das manche Haushalte bis zu 30 Prozent ihres Einkommens ausgeben, für ein Viertel aller Krankheiten im Gazastreifen verantwortlich. Die Hälfte von Gazas Kindern leidet unter parasitären Infekten und Durchfall. Der hohe Salzgehalt im Wasser führt zu Nieren- und Herzversagen, neurologischen Symptomen, Lethargie und Bluthochdruck. Der hohe Fluoridgehalt verursacht Gastritis, Magengeschwüre, Knochenbrüche und Zahnschäden.

Diese Situation ruft nicht nur Vertreter palästinensischer Rechte auf den Plan. Längst haben auch Umweltschützer, Strategen und Militärs die Brisanz der Lage erkannt. In Gaza, in Jordanien, im Westjordanland oder in Jerusalem versteht man, dass die regionale Stabilität und eigene Sicherheit maßgeblich mit der Sicherstellung der Trinkwasserversorgung der Nachbarn verknüpft sind. Eine Bevölkerung ohne Trinkwasser würde selbst für die Hamas unbeherrschbar, sie könnte Jordaniens König stürzen, einen Aufstand im Westjordanland anzetteln oder die Golanhöhen bedrohen. Denn auch in der arabischen Welt weiß man: In Israel gibt es Dank voraussehender Politik reichlich gutes und sauberes Wasser.

Augenscheinlich stand das Land vor denselben Problemen wie seine Nachbarn: Dieselben Dürren, ähnliches Bevölkerungswachstum, die gleiche Knappheit natürlicher Ressourcen. Dennoch erfreut sich das Land eines Wasserüberschusses - weil es das kostbare Nass effektiv verwaltet. Nur wenig Wasser geht in der Kanalisation verloren, der reiche Industriestaat kann es sich leisten, gewaltige Mengen Meerwasser zu entsalzen, Israels Landwirtschaft nutzt Wasser höchst effizient. Mehr als 90 Prozent der Abwässer werden geklärt und wiederverwendet. Statt um Wasser zu kämpfen, könnte Israel es nutzen um sich seinen Nachbarn zu nähern. Das geschieht bereits. Im März 2015 verdoppelte es die Wassermengen, die Gaza geliefert werden, auf zehn Millionen Kubikmeter. Auch wenn dies nur ein Anfang und zu wenig ist, zeigt es doch, dass selbst zwischen Israel und der radikal-islamischen Hamas ein Modus vivendi gefunden werden kann. Im Februar 2016 unterzeichneten Jerusalem und Jordanien einen Deal für ein gemeinsames Wasserprojekt: Es beinhaltet die Errichtung einer Meerwasserentsalzungsanlage in Akaba, von der Israel 35 Millionen Kubikmeter Wasser im Jahr kaufen wird. Im Gegenzug erhält Jordanien im Norden 50 Millionen Kubikmeter von Israel zurück. Die zurückbleibende Salzlauge soll von Akaba aus 200 Kilometer gen Norden gepumpt werden, um das Tote Meer wieder aufzufüllen.

Klare Arbeitsteilung Aber es soll noch weiter gehen. So trafen sich im Februar 2016 israelische, jordanische und palästinensische Experten, um eine umfassende Kooperation zur Lösung der Wassernot ihrer Länder auszuarbeiten. Sie träumen von klarer Arbeitsteilung: Israel stellt seinen Zugang zum Mittelmeer und sein Knowhow zur Entsalzung zur Verfügung. Der Strom soll in riesigen Solaranlagen in Jordaniens unbewohnten Wüstengebieten im Überschuss hergestellt werden - kostengünstig und umweltfreundlich. Davon würde auch der Hightech-Staat Israel profitieren, der derzeit nur zwei Prozent seines Stroms aus erneuerbaren Energien gewinnt, und der im Idealfall bis zu 20 Prozent seines Bedarfs aus dem Nachbarland beziehen könnte - zu zwei Drittel der heutigen Kosten. Den Palästinensern fiele die Aufgabe zu, durch intensive Landwirtschaft eine Pufferzone für den Auffang von Wasser zu schaffen. Auch wenn das nur Zukunftsmusik ist, ist diese doch bereits in den Gängen der Regierungsgebäude aller Beteiligten hörbar. Und so scheint es nicht mehr undenkbar, dass Trupps, die in Zukunft nachts die Grenzen überqueren, nicht mehr Terroristen sind, sondern Techniker, die eine geteilte Infrastruktur instand halten.

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Aus Politik und Zeitgeschichte

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