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Flüchtlinge
Gil Yaron
Die letzten beißen die Hunde

Millionen Palästinenser vegetieren in tristen Lagern. Syriens Bürgerkrieg verschärft jetzt die Lage

In einem Land wie Jordanien, wo ein Drittel der Bevölkerung Flüchtlinge sind, gibt es viele trostlose Orte. Die viertgrößte Stadt im Land - das Flüchtlingslager Zaatari für 80.000 Syrer - ist berühmt. Aber bei der Trostlosigkeit kann Zaatari nicht mit Dscharasch konkurrieren. Seine 40.000 Bewohner verdeutlichen die Probleme palästinensischer Flüchtlinge. Die sind nicht nur ärmer als andere Palästinaflüchtlinge, sondern gleich doppelt gestraft: Ihre Vorfahren flohen zwar vor Jahrzehnten aus ihrer Heimat, doch sie kamen nie in einer neuen Heimat an. Als ehemalige Bewohner des Gazastreifens, der bis zum Sechs-Tage Krieg 1967 Ägypten gehörte, gewährt Jordanien ihnen keine Staatsbürgerschaft. Außer niederen Tätigkeiten dürfen sie weder im öffentlichen Sektor noch im Finanzsektor oder der Tourismusbranche arbeiten, keiner Gewerkschaft beitreten und keine Praxen eröffnen. Dennoch müssen selbst sie sich im Vergleich zu palästinensischen Flüchtlingen in anderen Ländern noch glücklich schätzen.

Als Israel 1948 gegründet wurde und fünf arabische Armeen einmarschierten, um den Judenstaat auszulöschen, entstanden zwei große Flüchtlingsprobleme: Das bekanntere sind die "Palästinaflüchtlinge". Die UN definierten sie als all jene, deren "normaler Wohnort sich zwischen Juni 1946 und Mai 1948 im Mandatsgebiet Palästinas befand, die infolge des Krieges von 1948 zugleich Heim und Lebensgrundlage verloren." Dieser Definition entsprachen 10.000 vertriebene Juden und 700.000 Araber - die Schätzungen gehen auseinander. Die Juden wurden schnell in Israel absorbiert, die Araber in den umliegenden Staaten kamen in Lagern unter. Kurz darauf schufen die Vereinten Nationen die UNRWA, das Flüchtlingshilfswerk für die Palästinenser, und somit zwei Besonderheiten: Palästinenser sind die einzige Flüchtlingsgruppe mit eigenem Hilfswerk. Und sie sind die einzigen, die ihren Status an Nachkommen väterlicherseits vererben. Deswegen zählt UNRWA heute 5,2 Millionen palästinensische Flüchtlinge, davon aber nur 30.000 Überlebende der Ereignisse von 1948. 1,5 Millionen von ihnen leben 59 Flüchtlingslagern der UNRWA.

Misstrauisch überwacht Die meisten Flüchtlinge - 2,4 Millionen - leben in Jordanien, meist unter besseren Bedingungen als die Bewohner Dscharaschs. 95 Prozent sind jordanische Staatsbürger. Dennoch werden sie misstrauisch von Sicherheitsorganen überwacht, nur 17 Prozent der Palästinenser heiraten "echte" Jordanier. Die zweitgrößte Flüchtlingsgemeinde - 2.050.000 Menschen - lebt im Gazastreifen und dem besetzten Westjordanland. Im Gazastreifen leben 43 Prozent der Flüchtlinge in acht UNRWA Lagern, im Westjordanland sind es knapp 30 Prozent in 19 Flüchtlingslagern. Sie haben Rechte wie die anderen Palästinenser in ihrer Umgebung. Dennoch wohnt in den Lagern der ärmste und radikalste Teil der Bevölkerung. Oft sind sie rechtlose Enklaven, über die die radikal-islamische Hamas oder die Palästinensische Autonomiebehörde kaum Kontrolle haben.

Ähnlich verhält es sich mit 500.000 palästinensischen Flüchtlingen, die bei der UNRWA im Libanon registriert sind. Wie viele Palästinenser tatsächlich dort leben, ist unbekannt, da Hunderttausende das Land verlassen haben. Aus innenpolitischen Gründen weigerte sich Libanon, muslimische Palästinenser im Land zu integrieren. Bis heute dürfen sie 36 Berufe nicht ausüben. Der Zugang zu staatlichen Dienstleistungen bleibt ihnen verwehrt. Sie dürfen außerhalb der zwölf streng bewachten, übervölkerten Flüchtlingslager keine Immobilien besitzen. Und so leben zwei Drittel von ihnen in extremer Armut.

Syriens Bürgerkrieg hat diese Lage verschärft. Bis zu einer Million syrische Flüchtlinge kamen ins Land, unter ihnen 50.000 Palästinaflüchtlinge. Von einst 500.000 Palästinensern in Syrien sollen 300.000 vor den Kriegswirren geflohen sein - auch nach Europa. Die neue Flüchtlingswelle hat die Spannungen im Libanon verschärft, was auch die Sicherheit der Palästinenser bedroht. Palästinensische Flüchtlinge leben auch in anderen arabischen Staaten. In Saudi-Arabien sind es 240.000 - als einzige Volksgruppe haben sie kein Recht auf Einbürgerung. 50.000 leben in Ägypten, wo sie weder offiziell ansässig werden noch sich als Flüchtlinge eintragen lassen können.

Knapp 70 Jahre nach der Vertreibung oder Flucht ihrer Vorfahren sind die Palästinenser Paradebeispiel dafür, wie ein Flüchtlingsproblem nicht angegangen werden darf. In ihren arabischen Gastländern diskriminiert und als politisches Instrument missbraucht, gesetzlich von der UNRWA als Flüchtlinge verewigt, wächst ihr Problem mit jeder Generation. Als Gegenbeispiel können die 800.000 Juden dienen, die zur selben Zeit aus arabischen Ländern vertrieben und von Israel aufgenommen wurden. Diese "Palästinaflüchtlinge" sind heute vollwertige, vollkommen integrierte Bürger ihres Staates geworden.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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