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SAUDI-ARABIEN
Felicitas von Twickel
Reise in das Land der roten Linien

Wie Künstler, Frauenrechtlerinnen und Menschenrechtsaktivisten die engen Grenzen der Meinungsfreiheit austesten

Schwarz-Weiß. So erlebt der Fremde Saudi-Arabien auf den ersten Blick. Frauen müssen die knöchellange schwarze Abaya und dazu ein Kopftuch tragen, Männer sind in weiße Kutten gehüllt. Ebenso streng reglementiert erscheint das konservative wahhabitische Weltbild: Dazu gehören öffentliche Hinrichtungen, inhaftierte Menschenrechtsaktivisten, Frauen, die nicht Auto fahren dürfen, das Verbot von Kinos und Theatern. Als westliche Journalisten dürfen wir uns im Land nicht ohne Begleiter bewegen. Einen Tag, nachdem wir gegenüber Spaziergängern am Strand das Wort ,,Menschenrechte" erwähnen, bekommen wir Arbeitsverbot. Doch es gibt auch Menschen, die quer denken und dem Land Farben geben: Künstler, Unternehmer und Menschenrechtler. Einwohner Saudi-Arabiens, die zeigen, dass die Grenzen der Meinungsfreiheit durchaus dehnbar sind. Wenn man Glück hat.

Strenge Regeln Rot ist heute verboten. Am Valentinstag dürfen die Saudis keine rote Kleidung tragen und keine roten Geschenke machen. Alles Teufelszeug, sagt ein Imam in Riad. "Eines war ihm dabei durchgerutscht", feixt der Unternehmer Khalid Al-Khudair. "Was sollen wir nur mit der Schimak machen?" Das Tuch, das die Saudis in traditioneller Weise auf dem Kopf tragen, ist rot-weiß. Gleich am Morgen verkünden staatstreue Zeitungen eilig, das Tuch sei selbstverständlich von der Regel ausgenommen.

Al-Khudair ist der Chef von glowork, einer privaten Arbeitsagentur für Frauen in der Hauptstadt Riad. 90 Prozent der Mitarbeiter sind hier weiblich - so etwas gibt es mittlerweile in Saudi Arabien. Der Arbeitsmarkt für Frauen boomt, in den vergangenen fünf Jahren ist die Zahl der arbeitenden Frauen von 40.000 auf aktuell eine halbe Million gestiegen. "Wir unterziehen uns im Königreich gerade einem sozialen Experiment", sagt Al-Khudair. "Das Verhalten Frauen gegenüber hat sich in den vergangenen Jahren verändert."

Seine Agentur gleicht amerikanischen Start-up-Unternehmen: helle große Räume, modern eingerichtet, die Mitarbeiter kaum älter als 30. Wie von der Religionspolizei verlangt, gibt es einen extra Frauenraum, in dem ohne Schleier gearbeitet wird. Als ein männlicher Mitarbeiter Wasserflaschen bringt, greift niemand zum Kopftuch. Doch kaum nehmen wir die Kamera in die Hand, verschleiern sich alle - es geht um das Bild, das man nach außen abgibt.

Mit kleinem Nasenschmuck und großer Brille berät die 26-jährige Ifrah eine Jobsuchende. "Wir jungen Leute wollen heute mehr", sagt sie. "Die neue Generation hat sich verändert, denkt anders." Ifrah sprüht vor Energie und hat ihr Ziel klar vor Augen: "Ich will eine bedeutende Frau in Saudi-Arabien werden. Wir Frauen bilden doch 50 Prozent der Gesellschaft, wir werden etwas bewegen. Bald schon."

Wahlrecht für Frauen Im vergangenen Dezember durften saudische Frauen zum ersten Mal seit der Gründung des Königreichs vor 84 Jahren an der Wahl der Gemeinderäte teilnehmen. Sie sind die einzige politische Vertretung im Königreich, über deren Zusammensetzung die Bürger mitbestimmen können, ihr Einfluss ist jedoch begrenzt. "Wir haben eine große Kampagne gestartet und den Frauen ihre Rechte erklärt", sagt die 33-jährige Shaika al Sudairy vom Verein al-Nahda, der arme, meist allein erziehende Frauen unterstützt. Doch allen Bemühungen zum Trotz gingen am Ende von rund fünf Millionen wahlberechtigten Frauen nur 130.000 zur Wahl. Vielleicht, weil sie noch nicht an ihre eigene Stimme glaubten, vielleicht aber auch, weil männliche Familienmitglieder sie davon abhielten. Dass von den 2.100 Abgeordneten in den Stadt- und Gemeinderäten jetzt immerhin 20 Frauen sind, ist mutigen Vorkämpferinnen wie Samar Badawi zu verdanken. Die Schwester des inhaftierten Bloggers Raif Badawi klagte 2011 als erste Frau in Saudi-Arabien ihr Wahlrecht bei den damaligen Wahlen ein. "Mein Mann durfte sich registrieren. Mir haben sie gesagt, dass Frauen sich nicht eintragen dürfen. Ich war schockiert. Gleich am nächsten Tag habe ich Beschwerde eingelegt", erklärte Badawi uns damals in ihrem kleinen Apartment in der Hafenstadt Dschidda. Ihr Bruder Raif brachte Tee, ihr Ehemann Waleed Abu Al Khair übersetzte und stellte klar: "Die Regierung behauptet, dass die Frauen zu Hause am Herd bleiben möchten, aber das ist einfach nicht wahr. Samar und viele andere Frauen wollen dringend den Wandel."

Vor fünf Jahren war die Klägerin zuversichtlich: "Ich hoffe, dass wir Frauen bald wählen dürfen und vertraue jetzt auf unsere Rechtsprechung, die ich für fair und gerecht halte." Das würde die 34-Jährige heute wohl nicht mehr so sagen. Bruder und Ehemann, ein renommierter Menschenrechtsanwalt, sitzen für zehn und 15 Jahre im Gefängnis. Die Menschenrechtsorganisation, die ihr Mann mitgegründet hatte, wurde verboten, acht der elf Gründungsmitglieder sitzen hinter Gittern. Samar Badawi lebt heute allein mit ihrer kleinen Tochter, die zwei Monate nach der Inhaftierung ihres Vaters zur Welt kam. Bei der Polizei musste Samar unterschreiben, dass sie nicht mehr mit der Presse spricht.

Zu einer solchen Selbstverpflichtung wurde auch die Frauenrechtlerin Aziza Al Yousef gedrängt. Mit dem Auto war sie wiederholt durch die ruhige Straße in der Nähe ihres Hauses in Riad gefahren. "Bis vor zwei Jahren bin ich regelmäßig gefahren, es war sicher, nichts ist passiert", berichtet sie. Ein Video von ihrem Ausflug stellte sie auf das Videoportal YouTube, das bei Saudis extrem beliebt ist; es bekam 400.000 Klicks und stieß auf viele positive Reaktionen. Vor zwei Jahren wurde Al Yousef dann beim Autofahren verhaftet. Um freizukommen, musste ihr Mann sie auslösen und unterschreiben, dass sie nie mehr fahren wird. Nun wartet Al Yousef auf einen Erlass des Königs, der Frauen das Autofahren erlaubt. "Wir leben von der Hoffnung", sagt sie.

Auf YouTube machen sich saudische Comedians über das Fahrverbot lustig. Bob Marleys Song haben sie umgedichtet zu: "No woman, no drive". Ironisch wiederholen sie die wilde Behauptung eines Imams, dass Frauen ihre Eierstöcke durch eigenes Fahren gefährden - Humor als Mittel, um Missstände aufzuzeigen. Doch die Truppe repräsentiert nur eine kleine, liberale Minderheit in Saudi-Arabien. "Die meisten sind dagegen, dass Frauen fahren, mindestens die Hälfte", schätzt der Unternehmer Alla Yoosef vom Internetkanal Telefaz 11, der das Video online gestellt hat.

Viel Druck Mit ein paar Freunden sitzt Yoosef rauchend auf der Couch in einem Künstlerstudio, in dem sich Querdenker, Künstler, Galeristen treffen. Gegründet hat es Abdulnassar Gharem, der 23 Jahre lang in der saudischen Armee gedient hat. Seit zwei Jahren widmet er sich ausschließlich Kunst. "Es gibt eine Menge Druck von der Gesellschaft, der Familie, der Schule", sagt er. "Niemand sagt hier freiwillig, was er wirklich denkt."

Gharems Kunst ist meist im Ausland zu sehen, doch über die sozialen Netzwerke, die im Land äußerst populär sind, findet sie den Weg zurück ins Land. Er arbeitet an großformatigen Bildern, deren Basis kleine Stempel sind - eine Anspielung auf die saudische Bürokratie, die Vieles zu verhindern weiß. "Ich schaffe mir lieber meine eigenen Stempel", sagt Gharem. Eines seiner ersten Werke ist das Foto einer Brücke, die im Nichts endet. Behörden hatten sie bauen lassen, nur zwei Jahre später stürzte sie ein. Es gab Tote. "Mit Freunden habe ich nächtelang nur ein Wort auf diese Brücke gesprüht: der "Weg".

Er nimmt damit Bezug auf die Predigten der Muezzins, in denen die Gläubigen immer wieder aufgefordert werden, den richtigen Weg nicht zu verlassen. Was aber ist der richtige Weg? Diese Frage treibt Gharem um. "Geht es darum, blindlings zu folgen, oder kannst Du selber einen Weg vorgeben, anderen ein Beispiel sein?"

Künstler wie Gharem setzen sich in Saudi-Arabien einem hohen Risiko aus. Ungläubigkeit, Aufwiegelung und Ungehorsam gegenüber dem Königshaus werden nicht selten mit dem Tode bestraft. Gharem meint: "Ich überschreite die rote Linie nicht, ich teste sie nur aus."

Weltweite Proteste Gharems Freund, der Dichter Ashraf Fayad, ist in den Augen des Regimes zu weit gegangen. 2013 gestaltete er auf der Biennale in Venedig noch den saudischen Pavillon. Im November 2015 wurde er zum Tode verurteilt. Der Vorwurf: Apostasie - Abfall vom Glauben. In seinen Gedichten will das Gericht Gotteslästerung und Propagierung des Atheismus entdeckt haben - für viele Beobachter ein Vorwand, um den kritischen Künstler zum Schweigen zu bringen. "Das Schicksal hat Ashraf gewählt", sagt Gharem, "aber es hätte jeden von uns treffen können. Gott sei Dank haben sie die Strafe jetzt auf acht Jahre Gefängnis reduziert."

Dutzende Künstler und Intellektuelle hatten sich weltweit für den Dichter eingesetzt. Auch viele Organisationen aus Europa und den USA hätten für Ashraf gekämpft, sagt Gharem. Eine Erfahrung, die ihm Hoffnung gemacht hat: "Nun fühle ich mich als Künstler sicher - ich weiß, es gibt da ein paar Menschen, die auf uns aufpassen."

Die ZDF-Autorin reiste Anfang des Jahres für eine Reportage 14 Tage lang durch Saudi-Arabien.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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