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TÜRKEI
Susanne Güsten
Ehrgeizige Ziele, alte Ängste

Der Regionalmachtsaspirant steht vor vielen Herausforderungen. Große Sorge vor einem unabhängigen Kurdenstaat

Auch fast 100 Jahre nach 1918 ist der Erste Weltkrieg in der Türkei in gewisser Weise noch nicht zu Ende. Nach wie vor sehen türkische Politiker den Nahen Osten durch die Brille der damaligen Machtverhältnisse.

Auch in anderen Ländern, die im Verlauf ihrer Geschichte viel an Macht, Einfluss und Herrschaftsgebieten eingebüßt haben, gibt es Großreich-Phantomschmerzen. Selten sind die Folgen dieser unbewältigten Vergangenheit aber so wichtig für die moderne Politik wie die daraus resultierende Haltung der Türkei zum Nahen Osten. Die Erinnerung an die jahrhundertelange osmanische Herrschaft über die Region, die Niederlage im Ersten Weltkrieg und der anschließend gescheiterte Versuch der Siegermächte, die heutige Türkei aufzuteilen, formen die Positionen der Erdogan-Regierung in Syrien und anderswo.

Als sich Präsident Recep Tayyip Erdogan kürzlich darüber aufregte, dass westliche Diplomaten an der Eröffnung eines Strafprozesses gegen prominente regierungskritische Journalisten teilnahmen, sekundierte sein ehemaliger Redenschreiber Aydin Ünal mit dem Vorwurf, der Westen wolle die Türkei knechten. Wie damals bei der Aufteilung des Nahen Ostens durch Franzosen und Briten vor 100 Jahren seien auch heute wieder die Feinde der Türken am Werk, schrieb Ünal in der regierungsnahen Zeitung "Yeni Safak". Erdogan wehre sich gegen diese "Kolonial-Mentalität".

Entscheidenden Anteil an der Positionierung der Türkei hat Ministerpräsident Ahmet Davutoglu, der als Professor der Politikwissenschaften im Jahr 2003 außenpolitischer Berater Erdogans wurde und von 2009 bis zu seiner Ernennung zum Premier vor zwei Jahren Außenminister der Türkei war. Davutoglu veränderte die Selbstsicht der Türkei grundlegend: Seit seiner Amtszeit im Außenministerium betrachtet sich das Land nicht mehr als Vorposten des Westens im Nahen Osten, sondern als eigenes Machtzentrum und regionale Führungsnation. In der Region könne sich ohne die Türkei kein Blatt regen, prahlte Davutoglu einmal.

Im Arabischen Frühling glaubten Erdogan und Davutoglu, diese Vision umsetzen zu können. Sunnitische Gruppen wie die Muslimbrüder in Ägypten waren im Aufwind, die islamisch-konservative Regierungspartei AKP mit ihrer Mischung aus religiösen Grundwerten und weltoffener Marktwirtschaft wurde als Vorbild präsentiert. Die Türkei stehe nicht auf der Seite von Diktatoren wie Muammar al-Gaddafi in Libyen oder Hosni Mubarak in Ägypten, sondern auf der Seite der nach Demokratie dürstenden Bevölkerungen, sagte Davutoglu. Zeitweise machte die Vorstellung einer Art "Nahost-EU" mit der Türkei als Führungsmacht die Runde.

Behlül Özkan, ein ehemaliger Student Davutoglus und heutiger Politologe an der Istanbuler Marmara-Universität, erkennt beim Ministerpräsidenten ein fast messianisches Sendungsbewusstsein. Davutoglu sei ein "Pan-Islamist", der die islamische Welt unter türkischer Führung einen wolle, sagt Özkan.

Als vor fast genau fünf Jahren beim südlichen Nachbarn Syrien der Aufstand gegen Präsident Baschar al-Assad ausbrach, setzte Ankara auch rasch auf einen Machtwechsel in Damaskus. Davutoglu sagte den baldigen Sturz des Staatsschefs voraus. Doch daraus wurde nichts, auch wenn die Türkei nichts unversucht ließ. Bei der Unterstützung der Assad-Gegner arbeitete das Land nach Angaben westlicher Diplomaten in den ersten Jahren des Syrien-Krieges auch mit radikal-islamischen Gruppen zusammen, weil sich die Türkei davon eine schnellere Entmachtung Assads versprach. Die Regierung sei überzeugt gewesen, diese Milizen kontrollieren zu können, sagte ein Diplomat in der Hauptstadt.

Inzwischen distanziert sich die Regierung von den Radikalen, auch wenn westliche Politiker kritisieren, dass Ankara immer noch zu wenig unternehme, um die Grenze zu Syrien für Kämpfer des "Islamischen Staats" (IS) und andere Gruppen undurchlässig zu machen. Seit dem vergangenen Sommer beteiligt sich das Land aktiv an der internationalen Anti-IS-Koalition, die von türkischen Stützpunkten aus Stellungen der Dschihadisten in Syrien angreift. IS-Anhänger haben in der Türkei mehrere schwere Selbstmordanschläge verübt.

Doch der Syrien-Konflikt ist für die Türkei nicht nur eine Angelegenheit des Kampfes gegen Assad und gegen den IS. Seit sich die schiitische Regionalmacht Iran hinter den syrischen Präsidenten gestellt hat, macht sich die alte türkisch-iranische Rivalität wieder verstärkt bemerkbar. Das Verhältnis Ankaras zur Großmacht Russland ist wegen des Syrien-Krieges ebenfalls in eine schwere Krise gestürzt.

Hinzu kommt die alte Angst der Türken vor einem eigenen Kurdenstaat. Die Demokratische Unionspartei (PYD), die größte Kurdenpartei Syriens, hat sich mit ihrer Miliz YPG im Machtvakuum des Bürgerkrieges ein Autonomiegebiet entlang der türkischen Grenze gesichert und versucht, dieses weiter auszubauen. Ankara befürchtet, dass die Kurden einen Gebietsriegel entlang der ganzen Länge der türkisch-syrischen Grenze erobern und dort einen eigenen Staat errichten könnten.

Das allein wäre für die Türkei schon schlimm genug. Noch ernster wird die Lage aus türkischer Sicht dadurch, dass die PYD der syrische Ableger der Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) ist - also jener Rebellen, die seit mehr als 30 Jahren gegen Ankara kämpfen. Ermuntert durch die Erfolge der PYD auf der syrischen Seite der Grenze hat die PKK im Kurdengebiet der Türkei ebenfalls sogenannte Autonomiezonen ausgerufen, was den Konflikt mit der türkischen Staatsmacht neu angeheizt hat. Mehrere hundert Menschen sind in den vergangenen Monaten bei heftigen Gefechten im türkischen Südosten getötet worden.

Rote Linie Eine weitere Ausbreitung der kurdischen Einflusszone jenseits der Grenze in Syrien wäre für die türkische Regierung ein Kriegsgrund - eine "rote Linie", wie sie mehrmals öffentlich gewarnt hat. In den vergangenen Wochen hat die türkische Artillerie bereits Stellungen der YPG in Syrien von der Türkei aus unter Beschuss genommen. Die Rolle der Kurden im Syrien-Konflikt hat zudem Streit zwischen der Türkei und den USA ausgelöst. Die Amerikaner sehen die PYD als wichtigen Verbündeten im Kampf gegen die IS-Dschihadisten, während die Türkei die syrische Kurdenpartei als Terrorgruppe verdammt.

Krach mit den USA, Krise mit Russland, Spannungen mit dem Iran, offene Feindseligkeit gegenüber Syrien - fünf Jahre nach Ausbruch des Syrien-Konflikts ist von den türkischen Regionalmachts-Träumen in Nahost nicht viel übrig. Von einem Kurswechsel wollen Erdogan und Davutoglu dennoch nichts wissen. Ihre Anhänger wie der Ex-Redenschreiber Ünal sehen hinter dem Problem lediglich die angeblichen Versuche von Türkei-Feinden in der internationalen Arena, den Aufstieg Ankaras zu hintertreiben. Andere Beobachter sind besorgt. "Die meisten Türken sind vernünftig genug, um die zunehmend gefährliche Sackgasse zu erkennen, in der sich ihr Land befindet", schrieb der Kolumnist Semih Idiz vor kurzem in der Zeitung "Hürriyet Daily News." Die Opposition sieht in dem bedingungslosen "Assad muss weg" der Regierung ohnehin einen schweren Fehler, der das Land zur Kriegspartei in einem anderen Land gemacht habe. Noch ist offen, wie das Abenteuer Syrien für die Türkei enden wird - und ob Erdogans Regionalmachtsansprüche am Konflikt beim südlichen Nachbarn zerbrechen werden.

Die Autorin ist freie

Korrespondentin in der Türkei.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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