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Michael Wojtek
Gut geölte Geschäfte

Der Handel mit dem arabischen Raum steigt seit Jahren. Die deutsche Industrie hofft vor allem auf Iran

Deutschland bricht einen Exportrekord nach dem anderen. Im vergangenen Jahr wurden Waren im Wert von 1,2 Billionen Euro ausgeführt, mit enormen Zuwächsen in allen Regionen. Gefragt sind vor allem Autos, Maschinen und chemische Erzeugnisse. Dies gilt auch für den Nahen Osten und den gesamten arabischen Raum. Die deutschen Lieferungen in die wichtigsten Exportländer dieser Region verzeichneten ein deutliches Plus - einzige Ausnahme war der Handel mit dem Iran, der wegen der Sanktionen gegen das Land noch ein Minus verbuchte.

Erfolgsbilanz Auch auf lange Sicht zeigt sich eine Erfolgsbilanz: Das Handelsvolumen zwischen Deutschland und den Ländern der Region hat sich innerhalb von zwölf Jahren mehr als verdoppelt. 2015 markierte der Warenaustausch mit 52,1 Milliarden Euro einen neuen Rekord. Die deutschen Einfuhren aus der arabischen Welt werden traditionell von Öl und Gas dominiert.

Besonders gut laufen die Geschäfte mit den Vereinigten Arabischen Emiraten. Die deutschen Exporte dorthin stiegen 2015 auf Jahressicht um 3,2 Milliarden Euro auf 14,6 Milliarden Euro, womit das Land in der Rangfolge der Außenhandelspartner auf den 20. Platz kletterte. Zweitwichtigste Exportnation in der arabischen Welt ist Saudi-Arabien, das mit einem Plus von 1,1 Milliarden Euro auf 10,0 Milliarden Euro den 24. Platz belegt. Weitere große Importeure in der Region sind Israel (4,1 Milliarden Euro), Ägypten (3,6 Milliarden Euro), Algerien (2,5 Milliarden Euro), Katar (2,2 Milliarden Euro) und natürlich der Iran (2,1 Milliarden Euro). Im Einzelnen stiegen beispielsweise die Ausfuhren der deutschen Maschinenbauer nach Saudi-Arabien und die Emirate dem Branchenverband VDMA zufolge jeweils um 7,2 Prozent.

Und die Signale für einen weiteren Anstieg stehen auf Grün, trotz einer Reihe von Unwägbarkeiten auf politischer und wirtschaftlicher Ebene. Der Internationale Währungsfonds (IWF) sagt den arabischen Ländern für die kommenden Jahre einen wirtschaftlichen Aufschwung mit beachtlichen Wachstumsraten voraus. Der Außenhandelsverband BGA rechnet für 2016 mit einem weiteren Anstieg der Exporte, setzt dabei aber voraus, dass Rohstoffpreise sowie der Euro-Kurs weiter niedrig bleiben.

Die deutsche Wirtschaft und ihre Partner in Nahen Osten und im gesamten arabischen Raum sind daher guter Dinge. Aber niemand weiß, wie sich die Region in den nächsten Jahren entwickeln wird, die Entwicklung des Ölpreises, auch im Zusammenhang mit dem Streben um die Vorherrschaft in der Region, erschweren seriöse Prognosen.

Wichtiges Forum Dabei betonen die Protagonisten nicht in erster Linie die wirtschaftlichen Aspekte des Handels mit der arabischen Welt. Als viel wichtiger werten sie die Unterstützung bei der Bewältigung der gesellschaftlichen Herausforderungen in diesen Ländern. So erklärte der Vorsitzende der Nordafrika Mittelost Initiative der Deutschen Wirtschaft (NMI), Siemens-Vorstand Siegfried Russwurm, mit dem rapiden Wachstum der Wirtschaftsleistung als auch der Bevölkerung steige deren Bedarf an Lösungen und Produkten, insbesondere in den Bereichen Energie, Mobilität, Wohnen, Kommunikation und Gesundheit.

Eine wichtige Rolle spielt dabei das von der arabisch-deutschen Industrie- und Handelskammer Ghorfa alljährlich veranstaltete Arabisch-Deutsche Wirtschaftsforum. Es fungiert als die wichtigste Wirtschaftsplattform zwischen Deutschland und der arabischen Welt. Aus Sicht der Ghorfa ist die arabische Welt mit über 360 Millionen Einwohnern ein attraktiver Standort für Geschäftsmöglichkeiten und Investitionen. Vor allem die Golfstaaten mit ihren stabilen Volkswirtschaften verfolgten ehrgeizige wirtschaftspolitische Ziele, um ihre Infrastruktur und ihre logistischen Zentren auszubauen, die Wirtschaft zu diversifizieren und die Industrialisierung voranzubringen. Aber auch die Wirtschaft der nordafrikanischen Länder befinde sich auf einem Wachstumspfad. In diesem Jahr werden zum Arabisch-Deutschen Wirtschaftsforum erneut mehr als 600 Teilnehmer erwartet.

Große Hoffnungen setzt die deutsche Wirtschaft in den Iran. Nach der Aufhebung der Wirtschaftssanktionen im Zuge des Atomabkommens ist das Land nach den Worten des Präsidenten des Außenhandelsverbandes BGA, Anton F. Börner, "ein Lichtblick im Nahen und Mittleren Osten", der sich "hoffentlich zu einem Stabilitätsanker entwickelt". Auch der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) bescheinigt dem Iran "enormes Potenzial" für deutsche Unternehmen. DIHK-Außenwirtschaftschef Volker Treier verweist auf die guten Perspektiven für die Wiederbelebung der traditionell engen Handelsbeziehungen beider Länder. In den 1970er Jahren war das Land der zweitwichtigste Handelspartner für die deutsche Wirtschaft außerhalb Europas. Für die deutsche Wirtschaft bestehe die Chance auf Aufträge in Milliardenhöhe, sagte Treier. "Mit den gewaltigen iranischen Rohstoffvorkommen als Trumpf könnten sich die deutschen Exporte in den Iran innerhalb weniger Jahre auf rund zehn Milliarden Euro verfünffachen - und in Deutschland rund 80.000 neue Arbeitsplätze entstehen."

Ökonomen sehen dies ähnlich. Auch Christian Dreger vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) hebt hervor, dass Deutschland im Iran traditionell gut aufgestellt ist. Ein erheblicher Teil der iranischen Infrastruktur komme aus deutscher Produktion. "Infolge der Sanktionen besteht ein hoher Nachhol- und Modernisierungsbedarf, von dem insbesondere der Maschinenbau profitieren sollte", konstatiert Dreger.

Eine wichtige Rolle spielt dabei das Erdöl. DIW-Abteilungsleiterin Claudia Kemfert verweist darauf, dass der Iran nach Saudi-Arabien das Land mit den zweitgrößten Ölreserven ist und die Fördermengen ausweiten wolle. Das hänge aber entscheidend von den Investitionen ab. Wegen des derzeitigen Überschussangebots seien die Ölpreise stark gesunken. "Der Iran hat vergleichsweise niedrige Förderkosten, dennoch sind die Investitionen bei derart niedrigen Ölpreisen weniger rentabel als zuvor", sagt Kemfert.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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