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Interview
Winfried Dolderer
»Die Reiseströme verlagern sich von Ost nach West«

Heike Brehmer (CDU) zu den Folgen des Terrors für den Tourismus in der arabischen Welt. Viele Urlauber buchen ihre Ziele nun kurzfristiger

Frau Brehmer, Sie hatten kürzlich im Tourismusausschuss eine Anhörung über die Auswirkungen des Terrorismus auf den Fremdenverkehr. Wie lautet der Befund?

Der Terror verändert die Reisewelt. Terroristen zielen auf die Wirtschaft in den betroffenen Ländern. Die Anschläge der vergangenen Monate haben die Menschen verunsichert. Reiseströme verlagern sich, grob gesagt, von Ost nach West. Urlauber beobachten inzwischen viel genauer, wie sich die Situation im Urlaubsland entwickelt, und buchen relativ kurzfristig. Insgesamt lehrt aber die Erfahrung, dass die Menschen sich die Lust am Reisen nicht nehmen lassen.

Würden Sie nach den Anschlägen des vergangenen Jahres von Reisen in arabische Länder generell abraten?

Die arabischen Länder lassen sich nicht in einen Topf werfen. Der arabische Raum erstreckt sich von Marokko im Westen bis nach Oman im Osten, Länder, in die man meines Erachtens gefahrlos reisen kann. Dazwischen gibt es allerdings Länder oder Regionen, für die das Auswärtige Amt Reisewarnungen ausgesprochen hat. Libyen zum Beisipiel, die Sinai-Halbinsel oder - was niemanden verwundert - Syrien und den Irak.

Wie ist im Vergleich mit den 2015 von Anschlägen betroffenen Ländern die Lage in Marokko, den Emiraten, Oman zu beurteilen?

In der Tat sind die genannten Länder bislang verschont geblieben. Zur Zeit lässt sich die Lage hier sicherlich als ruhig bezeichnen. In allen Ländern hat der Tourismus gute Wachstumschancen, die Besucherzahlen sind stabil. Marokko setzt außer auf Strandtourismus zunehmend auf Kultur- und ökologisch nachhaltigen Tourismus. Der Reiseverkehr in die Emirate ist ja nicht nur Urlaubs-, sondern auch Geschäfts- und Umsteigetourismus. Wenn die im Bau befindlichen Flughäfen dort erst einmal fertig sind, wird sich das Aufkommen sicherlich noch erhöhen. Oman besticht durch Authentizität und Gastfreundschaft.

Kann die Politik einen Beitrag leisten, um der Verunsicherung entgegenzuwirken?

Es ist sinnvoll, sich bei der Reiseentscheidung die Sicherheitshinweise des Auswärtigen Amtes anzuschauen. Diese werden ständig der aktuellen Lage angepasst. Ebenso wie die Berichterstattung in den Medien geben sie eine gute Orientierung. Die Entscheidung über das Reiseziel kann die Politik niemandem abnehmen. Wie in vielen Lebensbereichen gilt auch hier das Leitbild des mündigen Bürgers.

Was erwarten Sie in dieser Hinsicht von den Reiseveranstaltern?

Für die Veranstalter ist die Lagebeurteilung des Auswärtigen Amtes eine entscheidende Messlatte. Darüber hinaus verfügen sie über große Netzwerke vor Ort, etwa Reiseleiter, die in den Zielgebieten leben, oder örtliche Partnerunternehmen. Die Branche arbeitet über den Deutschen Reiseverband eng mit dem Auswärtigen Amt zusammen. Es gibt einen ständigen Informationsaustausch. Ich bin überzeugt, dass die deutschen Reiseveranstalter absolut verantwortungsbewusst handeln.

Wäre eine europäische Harmonisierung von Reisewarnungen möglich und wünschenswert?

Das Auswärtige Amt steht in engem Kontakt mit den anderen EU-Mitgliedstaaten. Informationen werden ausgetauscht, Änderungen von Reisehinweisen oder Bewertungen sofort mitgeteilt. Eine Harmonisierung halte ich aus zwei Gründen für schwierig: Das Auswärtige Amt muss auf aktuelle Ereignisse schnell reagieren können. Ein vorgeschalteter europäischer Abgleich kann zu Verzögerungen und damit eventuell zu einem erhöhten Risiko führen. Zudem gibt es in europäischen Nationen durchaus unterschiedliche Einschätzungen der Lage in anderen Ländern, aber auch ein unterschiedliches Risikobewusstsein der Bevölkerung. Es ist schwer, hier immer auf einen Nenner zu kommen. Letztlich ist jede Regierung für die Sicherheit der eigenen Bevölkerung verantwortlich.

Prozentual zweistellige Buchungseinbrüche im Vergleich zum Jahresbeginn 2015 - was sind die Folgen für die betroffenen Länder?

Tourismus ist in vielen Ländern ein wichtiger Wirtschaftsfaktor, der Menschen Beschäftigung und Einkommen bietet. Zu einer guten Lebensqualität gehört Freiheit, ebenso aber auch Sicherheit, Versorgung und wirtschaftlicher Aufschwung. Deshalb sind Investitionen in Infrastruktur gleichbedeutend mit Investitionen in demokratische Entwicklung. Umgekehrt gilt: Arbeitslosigkeit und das Fehlen positiver Zukunftsperspektiven können Menschen in die Fänge von Radikalen treiben. Umso wichtiger ist es, dass wir uns von Terroristen nicht einschüchtern lassen und weiter in die betroffenen Zielländer reisen, soweit es die Sicherheitslage zulässt, oder dass wir auf andere Art helfen.

Tunesien ist das einzige Land der arabischen Welt, wo nach dem Umsturz 2011 die Hoffnung auf einen nachhaltigen demokratischen Wandel nicht völlig enttäuscht wurde. Jetzt liegt der Tourismussektor am Boden - was ist zu tun?

Tuensiens Regierung investiert nach den Terroranschlägen verstärkt in die Sicherheit des Landes. Die Zahl der deutschen Urlauber hat sich wegen der Ereignisse 2015 gegenüber dem Vorjahr fast halbiert. Aber nicht nur die Deutschen bleiben weg. Tunesien möchte und muss das Vertrauen der Urlauber zurückgewinnen, wenn die Tourismusbranche wieder zum ökonomischen Erfolgsmodell werden soll.

Kann Deutschland zur Stabilisierung beitragen?

Auf deutsche Initiative hin haben die G7-Staaten Tunesien 2015 Unterstützung zugesichert. Unter anderem wurden gemeinsame Arbeitsgruppen gebildet, die sich in Tunis mit Fragen der Sicherheit befasst und etwa die Koordinierung von Maßnahmen in Tunesien verbessert haben. Zudem unterstützt Deutschland das Land sowohl mit Ausrüstung wie Geländefahrzeugen oder Nachtsichtgeräten als auch mit Ausbildern, die die tunesischen Sicherheitskräfte trainieren. Es gibt aber auch privatwirtschaftliche Hilfe. Auf der Internationalen Tourismus-Börse in Berlin hat der Deutsche Reiseverband mit dem Dachverband der tunesischen Tourismuswirtschaft eine engere Zusammenarbeit vereinbart. Beide Organisationen wollen Wissen austauschen, Strategien zur Entwicklung des Tourismus gemeinsam erarbeiten und Presse- sowie Informationsreisen für Touristiker organisiseren.

Das Interview führte Winfried Dolderer.

Heike Brehmer (CDU) ist seit 2009 Mitglied des Bundestages und Vorsitzende des Tourismusausschusses.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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