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Reiseverkehr
Winfried Dolderer
Islamisten bomben Touristenziele weg

Dramatische Einbrüche bei Buchungen

Es war die Plötzlichkeit, der jähe Umschlag, den Manfred Schreiber am nachhaltigsten in Erinnerung hat: "Das Ganze kippte aus einer absoluten Boomlage heraus." Das Boomjahr im Syrien-Geschäft war 2010. Schreibers Arbeitgeber beförderte damals rund 4.000 Deutsche ins Reich Baschar al Assads. Zumal als Kombi-Angebot in Verbindung mit Libanon oder Jordanien war Syrien ein Kundenmagnet. Schreiber ist Gebietsleiter Naher Osten, zuständig für Ägypten und die Arabische Halbinsel, beim Reiseveranstalter Studiosus. Er bedient das kleine, aber feine Segment der Kulturbeflissenen und landeskundlich Interessierten. Ein Publikum, dem die Umayyaden-Moschee von Damaskus mit dem Grab Johannes des Täufers, die Altstadt von Aleppo, die antike Oasenmetropole Palmyra vertraute Bildungsbegriffe sind. Seit 2011 ist der Boom dahin. Aleppo wurde von Assads Fassbomben in Trümmer gelegt, antike Stätten in Palmyra wurden von IS-Terroristen in die Luft gesprengt. "Es gibt in naher Zukunft keine Hoffnung, dass wir jemals wieder Syrien-Reisen anbieten", sagt Schreiber.

Tunesien am Boden Schlechte Nachrichten auch aus anderen Gegenden im arabischen Raum: Tunesien war 2015 Schauplatz eines Massakers am Strand von Sousse und eines Überfalls auf das berühmte Bardo-Museum der Hauptstadt Tunis. In Ägypten explodierte eine Bombe vor dem italienischen Generalkonsulat in Kairo, sprengten IS-Terroristen eine russische Passagiermaschine vom Himmel und wurden bei einer Messerattacke in Hurghada drei Hotelgäste verletzt. Tourismus ist der wichtigste Devisenbringer für viele Länder der Region. Urlauber ins Visier zu nehmen eine ebenso simple wie effiziente Terrorstrategie.

Zahlen scheinen zu belegen, dass zumindest kurzfristig das Kalkül der Attentäter aufgeht. Im Tourismusausschuss des Bundestages berichtete der Geschäftsführer des Deutschen Reiseverbandes (DRV), Dirk Inger, kürzlich von dramatischen Buchungseinbrüchen zu Jahresbeginn 2016. Für Ägypten belief sich im Vergleich zu Anfang 2015 das Minus auf 35 Prozent, für Tunesien auf schwindelerregende 71 Prozent. Dabei hatte Tunesien schon zwischen 2014 und 2015 eine Halbierung des Fremdenverkehrs aus Deutschland hinnehmen müssen, von 426.000 auf 218.000. (Siehe auch Interview unten)

Anfang 2015 zählte der weltweit größte Reiseveranstalter TUI 30.000 deutsche Frühbucher für Tunesien, ein Jahr später gerade mal 5.000, wie der Leiter der Berliner Konzernrepräsentanz, Frank Püttmann, dem Ausschuss mitteilte. Das sei eine tragische Entwicklung für das einzige Land der arabischen Welt, wo sich nach den Aufständen von 2011 die Hoffnung auf Demokratie und Rechtsstaatlichkeit nicht restlos zerschlagen hatte. "Wir fühlen uns in der Verantwortung", sagte Püttmann. "Aber die Sicherheit der Gäste ist letztlich für uns das höchste Gut. Es wird in keiner Weise auch nur irgendeinem Kompromiss ausgesetzt."

Im Durchschnitt der vergangenen fünf Jahre haben nach Zahlen des DRV jährlich gut 2,5 Millionen Deutsche den arabischen Raum zwischen Marokko und Oman besucht. Die Spitzendestination war mit einer knappen Million deutscher Touristen Ägypten, gefolgt von Marokko mit 540.000, den Vereinigten Arabischen Emiraten Dubai und Abu Dhabi mit 510.000, Tunesien mit 350.000 und Jordanien mit 50.000. Sollte jetzt tatsächlich das Gros dieses Urlauberstroms versiegen, hätten nicht nur die bisherigen Zielländer Verluste zu tragen. Auch die Touristen dürften sich schwer tun, anderswo angemessenen Ersatz zu finden.

Seit drei Jahrzehnten wurden zumal Ägypten und Tunesien für Deutsche zum Inbegriff von Sonne, Strand und Badespaß, obendrein zu idealen Reisezielen für den kostengünstigen Familienurlaub. Das Preis-Leistungs-Verhältnis gilt als optimal. Der TUI-Konzern misst anhand der Rückmeldungen seiner Kunden in ägyptischen Hotels am Roten Meer regelmäßig die "höchste Gästezufriedenheit" weltweit: "Die Hoteliers sind sich bewusst, dass die Qualität nicht leiden darf. Es wird ganz viel Wert auf guten Service gelegt", lobt TUI-Sprecherin Susanne Stünckel.

Vergleichbare Möglichkeiten zu vergleichbaren Preisen sind anderswo kaum zu finden. Schon die Kanarischen Inseln, die wie das spanische Festland in diesem Jahr von der Verunsicherung der Arabien-Urlauber profitieren, sind deutlich teurer.

Nachteilig auf die Reiselust der Deutschen hatte sich 2011 bereits der Arabische Frühling ausgewirkt. Tunesien verzeichnete einen ersten Einbruch auf 271.000 Buchungen, eine Zahl, die sich in den folgenden drei Jahren allerdings wieder bei über 400.000 einpendelte. Indes bleiben Marokko, die Vereinigten Arabischen Emirate, Oman, die von den Unruhen nicht betroffen, waren, auch von der Urlauberflaute verschont. Nach dem Eindruck des Studiosus-Nahostexperten Schreiber ist das jetzt anders.

Das Ägypten-Geschäft sei seit zwei, drei Jahren "nahe dem Nullpunkt" - früher 3.000 Kunden, nun "unter 100". Für die Emirate und Oman erwartet Studiosus 2016 unter 1.000 Buchungen statt 2.000. Auch in Marokko dürfte sich die gewohnte Zahl von 3.000 Reisenden halbieren. Ein verlorenes Jahr für den Arabien-Tourismus? "Wenn das Vertrauen erst einmal weg ist, ist es lange weg", sagt Jörg Meltzer von Studiosus. "Wir gehen davon aus, dass sich die Buchungslage erholen wird, je näher die Sommerferien rücken", meint dagegen TUI-Sprecherin Stüncker.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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