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CHRISTEN
Petra Ramsauer
Kampf oder Flucht

Die Kriege in Syrien und im Irak bedrohen die Glaubensgemeinschaft in ihrem historischen Kernland. Zehntausende sind geflohen. Die Gebliebenen beginnen, sich zu bewaffnen

Er wird möglicherweise zu der Weiche des Konflikts in Syrien und dem Irak: der anstehende Kampf um die Millionenstadt Mossul, die seit Juni 2014 von der Terrormiliz des "Islamischen Staates" (IS) kontrolliert wird. Besonders für Safaa Khamro wird dieser Moment zur Zeitenwende: "Wir werden Geschichte schreiben. Es ist das erste Mal, dass wir Christen des Iraks eigene Milizen haben und kämpfen. Zehntausende Christen haben in Mossul gelebt, wir werden die Ansprüche in der Stadt nicht aufgeben. Wir waren lange genug Statisten. Jetzt nehmen wir eine sprechende Rolle in Iraks Geschichte ein."

Im Laufe des vergangenen Jahres haben sich fünf solcher christlichen Milizen formiert. Eine steht unter Khamros Kommando: die "Niniveh Plain Forces" (NPF, "Streitkräfte der Ebene Ninives"). Bei Tageslicht betrachtet, ist die nur 500 Mann starke Truppe bloß eine Einheit von vielen der kurdischen Peschmerga, der Armee der kurdischen Autonomiebehörde, deren Territorium auch dieses christliche Kernland umfasst. Die Gründung der Miliz sei trotzdem mehr als Symbolik. "Langfristig wollen wir zur Schutztruppe der Christen in diesem Land werden. Sonst gehen hier alle von uns weg", sagt Khamro.

In der Stadt Telskuf, wo Safaa Khamro sich samt der NPF für diesen Krieg rüstet, war es noch gespenstisch ruhig, als im März dieses Jahres die ersten Gefechte um das knapp 30 Kilometer entfernte Mossul begannen. "Wir stehen 1.500 Meter vor den Stellungen des IS. Wir sind bereit." Früher war Khamro Bürgermeister der Stadt, die wie Dutzende weiterer christlicher Städte im Irak vom Daesh (arabisches Akronym für "Islamischer Staat im Irak und der Levante") erobert worden war. Telskuf hat er vor einem knappen Jahr Seite an Seite mit den Peschmerga zurückerobert. Den Tarnanzug hat Khamro anbehalten. Die automatische Waffe bliebt unter dem Jesus-Bild in seinem Büro gelehnt, das zur Kommandozentrale der NPF-Miliz umfunktioniert wurde. Trauen, meint Khamro, könne er niemanden mehr, außer sich selbst. "Als diese Fanatiker uns überfallen haben, Hunderttausende fliehen mussten, Zehntausende verschleppt und massakriert wurden, standen wir ohne Hilfe und Waffen da. Also müssen wir unsere Sicherheit selbst in die Hand nehmen. Dazu sind es nicht nur Unbekannte gewesen, die uns überfallen haben. Viele unsere Nachbarn sind zum Daesh übergelaufen."

Flucht nach Europa Vor zwei Jahren lebten noch etwa 10.000 Menschen in Telskuf, jetzt ist nur noch Christina Jibbo da. Stur bleibt sie, wo sie immer lebte: "Ich rühre mich von hier nicht weg, gleich was geschieht." So wurde die 91-Jährige zum letzten Lebenszeichen der Stadt. Im Inneren der Sankt Jakob Kirche säumen Trümmer einer vom IS zerstörten Messias-Statue den Altar, die Bänke haben längst dicke Staubschichten angesetzt. Von den 1.800 Familien, die in der Region lebten, sind bereits 40 Prozent nach Europa ausgewandert und haben das triste Lagerleben um die Großstädte des Iraks aufgeben.

2003 lebten noch 1,5 Millionen Christen im Irak, zirka fünf Prozent der Bevölkerung. Ihre Zahl könnte sich nun auf lediglich 400.000 bis hin zu 200.000 verringert haben. Begonnen hat ihr Exodus aber schon lange vor dem Wüten des IS. 1942 waren noch zwölf Prozent der Iraker Christen. Dutzende Bombenanschläge gegen Kirchen und Mordanschläge gegen Priester erzeugten ein Klima allgegenwärtiger Gewalt.

Die meisten empfinden sich als ethnische Minderheit, als jene der Assyrer, Ureinwohner Mesopotamiens sozusagen. Schon im ersten Jahrhundert wurden sie missioniert, im Laufe der Zeit zersplitterte sich die Gemeinschaft. Die größte Gruppe stellen die katholischen Chaldäer, zudem gibt es Katholiken des armenischen, lateinischen, byzantinischen und syrischen Ritus, Altorientalen, orthodoxe Christen sowie Protestanten. Ihre Diversität spiegelt die historische Tiefe der Religion in dem Land, ist ein quasi lebendes Relief der Geschichte des Christentums. Und auch jetzt ist die Lage im Kernland der ersten Stunden ein Bild für die Entwicklung hin zu den letzten Stunden des Christentums in der Region.

Dramatischer Schwund Von 14 auf vier Prozent schrumpfte der Anteil der Christen im Nahen Osten während des vergangenen Jahrhunderts. Selbst um die Hauptschauplätze der Bibel, in Israel und Palästina, schwindet ihre Zahl dramatisch: Von 13 Prozent noch im Jahr 1894 auf knapp zwei Prozent heute. Im Libanon, dem einzigen Land, wo Christen (Maroniten) signifikant politische Macht hatten und haben, ging ihr Anteil von 78 Prozent auf ein Drittel zurück.

Schwer messbar ist die demographische Entwicklung der Kopten in Ägypten; dafür sprechen die Berichte über die massiven Ausschreitungen gegen die zehn Prozent Christen im Land am Nil eine besonders deutliche Sprache. Dramatisch ist der Schwund der Christen besonders im Bürgerkriegsland Syrien: 600.000 Christen sind seit Beginn der Unruhen geflohen.

Gerade auf dem Gebiet des heutigen Syriens war die Religion in ihrer frühen Phase aufgeblüht. Nachdem der römische Kaiser Konstantin 313 das Christentum legalisiert hatte, entstanden in der Levante Hunderte von Kirchen und Klöstern. Der Niedergang setzte - ironischerweise - nicht mit der sprunghaften Expansion des Islams ein, sondern just mit dem Beginn der Kreuzzüge: Arabische Christen gerieten mehr und mehr zwischen die Fronten. Doch noch im 19. Jahrhundert machten sie in Städten wie Istanbul, im Irak oder in Syrien 30 oder mehr Prozent der Bevölkerung aus; die Region um Bethlehem war mehrheitlich christlich geprägt.

Die christliche Bevölkerung jener Regionen, aus denen die Staaten Syrien, Jordanien, der Irak, der Libanon und Israel hervorgingen, galt als Brückenpfeiler des europäischen Imperialismus. Sie entfremdete sich von anderen Gruppen, beziehungsweise wurde zunehmend isoliert und bekämpft. 1860 kam es infolge dieser Spannungen im heutigen Syrien zu Pogromen gegen Christen; ein Bruch, der nie mehr heilen sollte. Im Zuge des Ersten Weltkriegs verschärfte sich die Lage massiv: Der Völkermord an den Armeniern und an der aramäischen "Kirche des Ostens" kostete Hunderttausenden, womöglich über einer Million Christen das Leben.

Hoffnung auf die Zukunft Die brutalen Übergriffe der Terrormiliz IS gegen Christen im Irak und in Syrien werden oft mit dieser katastrophalen Ära verglichen. Ähnlich sind die Konsequenzen in jedem Fall. Damals wie heute setzte eine massive Emigration ein. Entsprechend besorgt zeigen sich die offiziellen Vertreter der Glaubensgemeinschaft: "Die europäischen Regierungen vollenden gerade, was der IS begonnen hat, wenn sie Christen förmlich dazu auffordern, zu kommen", sagt Archimandrit Emanuel Youkhana. Er ist Erzdiakon der assyrischen Kirche des Iraks und Vorsitzender von Christian Aid (CAPNI). Er lebt in Dohuk und in Wiesbaden, wohin er 1993 nach einem Attentat gegen ihn flüchtete. Nun versucht er mit aller Kraft, die Wurzeln der Christen in seiner Heimat zu stärken: "Was wir brauchen, sind nicht hundert Visa für unsere Leute, sondern Unterstützung, um hundert Schulen und Kindergärten hier aufzubauen."

Aus Youkhanas Sicht ist die Bedeutung der Christen im Irak wie auch im ganzen Nahen Osten nicht nur in Zahlen und Bevölkerungsanteilen zu messen: "Wir sind vielleicht nur drei Prozent der Menschen hier, aber wir haben einmal 20 Prozent der Bildungseinrichtungen und Spitäler betrieben. Wir Christen haben, hatten und vor allem werden eine wichtige Rolle dabei spielen, damit diese Länder nach dem Krieg wieder auf die Beine kommen." Einen ähnlichen Appell formulierte bereits im September vergangenen Jahres der syrische Patriarch Gregor III. in einem offenen Brief an seine syrischen Glaubensbrüder und -schwestern: "Bleibt trotz all dem Leid. Emigriert nicht, sondern baut unsere Heimat wieder mit uns auf."

Die Autorin berichtet als freie Journalistin aus dem Nahen Osten.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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