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KULTUR
Alexander Weinlein
Im Land der Weltwunder

Der Nahe Osten zeichnet sich durch eine hohe Dichte an Welterbestätten aus. Doch viele sind bedroht

Archäologen und Historiker atmeten hörbar auf, als nach Ostern die ersten Bilder aus Palmyra um die Welt gingen, nachdem syrische Regierungstruppen die antike Oasenstadt zurückerobert hatten. Ganz so katastrophal wie befürchtet, hatten sich die Gefechte und die Zerstörungswut der Terrormiliz des "Islamischen Staates" nicht auf die Ausgrabungen ausgewirkt. Der Schaden ist dennoch gewaltig. Der Baal-Tempel wie auch der Tempel des Baalschmin wurden vom IS gesprengt, ebenso wie der römische Triumphbogen des Hadrian. Inwieweit die zerstörten Kulturdenkmäler wieder aufgebaut werden können, lässt sich bislang noch nicht abschätzen.

Palmyra ist eine der insgesamt sechs Weltkulturerbestätten in Syrien, die im Bürgerkrieg und wegen der Zerstörungen durch den IS mitunter erheblich gelitten

Von den weltweit 802 kulturellen Welterbestätten liegen 85 in den Länden des Nahen Ostens. 15 von ihnen werden vom Welterbe-Komitee der Unesco als bedroht eingestuft oder sind zerstört. Besonders dramatisch ist die Situation in Syrien, Irak und Jemen. Von den 13 Weltkulturerbestätten in den drei Bürgerkriegsländern gilt lediglich eins als nicht bedroht - die Zitadelle von Erbil im Nordirak, der als der älteste kontinuierlich von Menschen bewohnte Ort gilt. Erst im Juni 2014 hatte ihn die Unesco auf die Welterbeliste gesetzt.

Der Grund für die vergleichsweise hohe Dichte an Welterbestätten im Nahen Osten findet sich in seiner Geschichte, die sich wie eine Abfolge vom Aufstieg und Fall der Großreiche liest: Hethiter, Assyrer, Babylonier, Ägypter und Perser, Alexander der Große und seine Diadochen, Römer und Byzantiner, die Kalifenreiche der Umayyaden und Abbasiden und schließlich das Osmanische Reich. All diese Reiche und Imperien haben der Region ihren kulturellen Stempel aufgedrückt.

Zudem spielt die Region eine zentrale und prägende Rolle in der Region. Mit dem Judentum, dem Christentum und dem Islam hat allein die arabische Halbinsel gleich drei der fünf großen Weltregionen hervorgebracht. Auch wenn dieser Umstand immer wieder Ursache, Auslöser oder Vehikel für kriegerische Konflikte war und ist. So gilt Jerusalem bis heute als der religiöse Zankapfel zwischen Juden, Muslimen und Christen - auch wenn letztere nach dem Ende der Kreuzzüge keinen ernsthaften Versuch mehr unternommen haben, das "Heilige Land" unter ihre Kontrolle zu bringen.

Bereits in der Antike lagen fünf der Sieben Weltwunder in den Ländern des Nahen Ostens: Die hängenden Gärten der Semiramis zu Babylon (heutiger Irak), das Grab des Königs Mausolos II. zu Halikarnassos und der Tempel der Artemis in Ephesos (beide heutige Türkei), der Leuchtturm auf der Insel Pharos vor Alexandria und die Pyramiden von Gizeh (heutiges Ägypten). Erhalten geblieben sind bis heute jedoch lediglich die monumentalen Pyramiden. Bleibt zu hoffe, dass dem Weltkulturerbe in der Region eine bessere Zukunft beschieden ist.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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