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ROMAN
Johanna Metz
Zeit wie Pizzateig

Abbas Khider verpasst der deutschen Asylbürokratie eine knallende Ohrfeige

Ein Mann ohrfeigt und fesselt eine Frau, klebt ihr den Mund zu und zwingt sie so, ihm zuzuhören. Mit dieser grotesken Szene - letztlich nur das Hirngespinst des kiffenden Protagonisten - beginnt der neue Roman "Ohrfeige" des 1973 im Bagdad geborenen Autors Abbas Khider. Die Gefesselte ist Frau Schulz, Sachbearbeiterin in einer bayrischen Ausländerbehörde, ihr Peiniger der irakische Flüchtling Karim Mensy. Sein Motiv? Er will sich endlich mal "in aller Ruhe unterhalten" mit dieser Frau Schulz. Einen Joint im Mund, beginnt der aufgeregte junge Mann einen Monolog, der vor Wut und Galgenhumor nur so strotzt; eine einzige, knallende Ohrfeige für die deutsche Asylbürokratie.

Diese kennt Abbas Khider nur zu genau, er war vor 15 Jahren selbst Flüchtling in Deutschland. Nach seiner Freilassung aus dem Gefängnis - er hatte auf den Straßen Bagdads verbotene Bücher verkauft - floh er 1996 aus dem Irak und erhielt im Jahr 2000 in Deutschland Asyl. Deutsch ist für ihn inzwischen zweite Muttersprache. Er hat hier studiert, besitzt einen deutschen Pass, veröffentlicht erfolgreich Bücher und lebt in Berlin. Er habe, anders als viele seiner Landsleute, viel Glück gehabt, sagt er. Doch was ihm und Tausenden anderen Flüchtlingen in diesem Land widerfuhr, lässt ihn nicht los. Er verarbeitet es in diesem - seinem vierten auf Deutsch verfassten - Roman, der zwar leicht und mit viel Witz geschrieben ist, aber voller Bitterkeit steckt. Zwar spielt die Handlung im Jahr 2001 und beschreibt damit eine politisch andere Situation als heute. Und doch ist das Buch im Lichte der aktuellen Flüchtlingskrise ein Buch der Stunde, das unangenehme, aber wichtige Fragen aufwirft: Kann die Integration von Hunderttausenden Flüchtlingen funktionieren? Und: Würde die Geschichte, die Khider erzählt, heute wirklich so anders aussehen?

Karim Mensy offenbart Frau Schulz eine Geschichte des Scheiterns. Er erzählt ihr, wie er nach fünfmonatiger Flucht mehr als drei Jahre lang in deutschen Asylbewerberheimen und Obdachloseneinrichtungen zugebracht und in dieser Zeit - im Kopf den Traum von einem Studium und einem Job mit gutem Gehalt - ohnmächtig vor allem eines getan hat: Warten. Auf Papiere von Behörden und Identitätsbescheinigungen. Auf die Aufenthaltserlaubnis, ohne die er keine Arbeitserlaubnis bekommt. Auf mies bezahlte Gelegenheitsjobs und die Zulassung zu einem Deutschkurs (die er erst zwei Jahre nach seiner Ankunft bekommt). Auf die (erfolglose) Anerkennung seines Schulabschlusses, ohne den er in Deutschland nicht studieren kann. "Wir waren ein Haufen nervöser Vögel (...), die nicht wussten, was mit ihnen geschehen würde", erzählt Karim Frau Schulz. "Die Tage vergingen so langsam, als würde eine kosmische Macht die Zeit wie einen Pizzateig kneten und so dünn wie möglich ausrollen." Bevor er auch nur den Hauch einer Chance hat, sich ein normales Leben aufzubauen, steht Karim wie viele andere Iraker nach dem Sturz Saddam Husseins mit einem "gigantischen Nichts" da. Seine Aufenthaltserlaubnis wird widerrufen, er soll zurück in den Irak.

So drastisch und konsequent allein aus der Sicht eines Flüchtlings hat das bisher noch kein deutscher Autor aufgeschrieben. Khider lässt die Bürokraten verstummen und stattdessen Karim, den "einfachen" Asylbewerber erzählen, was große Politik im Kleinen anrichten kann. Das Ergebnis ist eine Frechheit, eine Provokation, aber eine, über die es sich nachzudenken lohnt, wenn man Fehler nicht wiederholen will.

Glücklicherweise verfällt Khider dabei nicht in Schwarzweiß-Malerei. Die Flüchtlinge in seinem Buch sind keine Helden, keine Revoluzzer, es gibt gute und weniger gute unter ihnen. Ihre ständigen Aggressionen und Schlägereien verhehlt er ebenso wenig, wie ihre Versuche, sich im Exil als Schwarzarbeiter, Diebe oder Drogendealer zu verdingen, oder sich eine Lebensgeschichte zu basteln, die in das strenge Raster der deutschen Asylgesetzgebung passt. Khider tut auch nicht so, als ob der deutsche Staat sich nicht um die Flüchtlinge kümmern würde. Das wäre auch absurd, schließlich gewährt ihnen dieses Land ein Dach über dem Kopf, Kleidung, Nahrung, Sicherheit. Nur, und darum geht es Khider: Er schafft es nicht, ihnen das Wichtigste, ein selbstbestimmtes Leben, eine Zukunft, zu geben. "Die meisten Flüchtlinge werden schnellstmöglich abgeschoben, wenn die politischen Umstände in ihrer Heimat sich verändern", sagte Khider kürzlich der Zeitschrift "Literaturen". So sei es nach den Balkankriegen gewesen, 2003 bei den Irakern und so werde es auch bei den Syrern sein. Den Politikern und ihren Rufen nach einer schnellen Integration hält er in diesem bemerkenswerten Buch seine Erfahrung entgegen: Wer ständig mit der Angst vor Abschiebung leben muss, wer nie richtig ankommen kann in der Fremde, der kann sich nicht integrieren.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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