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Drogen in der Politik
Ernst Elitz
Am Ende der Sackgasse knallt es

Mit Suchtmitteln soll der harte Alltag bewältigt werden. Der Mut zur Ehrlichkeit kann befreiend wirken

Komm setz Dich, trink ein Gläschen mit", lud der KPD-Abgeordnete Heinz Renner - eine Flasche Sekt auf dem Tisch - den Bonner Bürgermeister zum Anstoßen ein. Der war kein Spielverderber: "Auf den Kapitalismus!", prostete er dem Genossen zu, der wortgewaltig im Parlamentarischen Rat und im Bundestag bis zum Verbot der KPD die rote Fahne schwang. So gesellig ging es im Rheinischen zu; nicht im Plenarsaal, aber nach der Sitzung, denn was sollten die Abgeordneten im verträumten Bonn anders tun, als abends gemeinsam ein Schlückchen zu nehmen. Genosse Alkohol war immer dabei.

Wenn Verteidigungsminister Franz Josef Strauss (CSU) der Legende nach auf den Bonner Rheinwiesen seinen Rausch ausschlief oder der notorische FDP-Abgeordnete Detlef Kleinert sich von der Bar des Bundestagsrestaurants schwankenden Schrittes auf das Rednerpult zu bewegte, galt das als bayrisches Brauchtum oder als private Marotte. Und weder der zeitkritische "Spiegel" noch das gleichgesinnte Fernsehmagazin "Panorama" kamen auf die Idee, solche Ausfälle psychologisch zu hinterfragen. Zum einen hatte in Deutschland die Stunde der Seelenforschung noch nicht geschlagen. Zum anderen wurden auch Journalisten sturzbetrunken unter ihren Schreibtischen aufgelesen. Es ging bei der Droge Alkohol weniger ums Aufputschen, eher um das Abtauchen aus dem Alltag.

Wenn heute Drogen-Verfehlungen von Bundestagsabgeordneten wie im Fall Volker Beck (Grüne) oder Michael Hartmann (SPD) in den Medien ausführlich behandelt werden und die Journalisten, bevor sie ihre Urteile fällen, erst einmal Ursachenforschung betreiben, dann ist das die Folge eines kulturellen Wandels im Umgang mit der Politik. In einer transparenten Gesellschaft ist das Fehlverhalten des Führungspersonal kein Tabu. Aber auf den Skandal folgt - anders als in der Frühzeit die Republik - die ernsthafte Frage: Warum?

Daueranspannung Der Alkohol, der in der Bonner Bundestagskantine reichlich genossen wurde, ist der Klassiker. Er wird Abgeordneten auch heute noch zum Verhängnis. Crystal Meth dagegen ist die Versuchung einer neuen Generation, die sich - wie die Suchttherapeutin Annegret Sievert sagt - unter Druck sieht, "immer mehr Arbeit in immer weniger Zeit zu erledigen", was nicht nur in Start-up-Unternehmen gilt, sondern auch in klassischen Branchen. Und es gilt allemal im sechzehnstündigen Arbeitsalltag von Bundestagsabgeordneten mit der endlosen Abfolge von Ausschuss- und Fraktionssitzungen samt Aktenstudium, begleitet vom Zwang ständiger Erreichbarkeit, unterbrochen von Hahnenkämpfen, Reden und Sprechstunden im Wahlkreisbüro, bierseligen Vereinsjubiläen, Interviews geben und in sozialen Netzwerken up to date sein.

Der Abgeordnete Hartmann, der sich seine Crystal-Meth-Droge in einer Berliner Laubenkolonie besorgte, hat diese Daueranspannung drastisch beschrieben: "Morgens war ich meist der Erste, in Wirklichkeit war ich tot." Dieses Burnout-Gefühl hat er wohl mit allen Crystal-Meth-Konsumenten gemein, die sich eine kurzfristige Leistungssteigerung mit der Droge erkaufen wollen. Sie soll ein Ausweg sein aus der ständigen Überlastung und ist doch nur eine Sackgasse, an deren Ende es kracht.

Drogen dienen dazu, die "Flucht vor der immer unangenehmer werdenden Realität aus Selbstzweifeln, Furcht vor dem Scheitern und quälenden Fragen nach dem persönlichen Preis für die Karriere" zu überdecken. Was der Politik-Journalist Jürgen Leinemann 2004 in seinem Bestseller "Höhenrausch" über die Motive der politischen Klasse beim Griff nach Hochprozentigem sagte, gilt für jede Droge, ob sozial akzeptiert oder mit Verboten belegt. Leinemann beschrieb eine doppelte Sucht. Denn auch das zwanghafte Streben, ganz oben mitzumischen, bewundert zu werden, die eigene Bedeutung zu überschätzen und sich an der eigenen - oft nur eingebildeten - Macht zu berauschen, ist eine Sucht, die zu jenem "Höhenrausch" führt, dessen Pegel sich bei den Anfälligen oft nur mit Drogenkonsum halten lässt.

Die Diagnose "Höhenrausch" trifft nicht nur Politiker. Anfällig sind alle, die im Licht der Öffentlichkeit und damit unter Dauerbeobachtung stehen: Schauspieler, Firmenchefs, Fernsehmoderatoren und die C-Prominenz, der die öffentliche Entblößung jedweder Art als Geschäftsmodell dient. Wer gesichtsbekannt ist, kann dem Scheinwerfer nicht entgehen - und ist auf ihn angewiesen. Ein Politiker ohne mediale Aufmerksamkeit hat keine öffentliche Resonanz. Allein mit dem Klingeln an der Wohnungstür kann niemand seine Wähler von sich überzeugen.

Journalisten sind vertraut mit diesem Politikbetrieb. Sie fühlen sich selbst als Angehörige der politischen Klasse und kennen die Gefahren, die in dieser Umgebung drohen. Die Nahsicht schärft ihren Blick. Und so wie die Politiker ihrem Kollegen Volker Beck nach dessen Verzicht auf seine Ämter ihren "Respekt für die schnelle und klare Reaktion" (Peter Altmaier) und ihr "Mitgefühl" (Julia Klöckner, beide CDU) versicherten, stellten die Medien auch Becks politische Leistung heraus: Sein Engagement für die Gleichstellung von Schwulen und Lesben, sein mutiger Auftritt bei einer Schwulen-Demonstration in Moskau, seinen Einsatz für die Entschädigung von NS-Zwangsarbeitern und für das jüdische Leben in Deutschland, die Würdigung seiner Arbeit mit dem Leo-Baeck-Preis des Zentralrats der Juden. All das tat der scharfen Verurteilung seines Drogendelikts, bei dem die Staatsanwaltschaft die Ermittlungen wegen geringer Schuld gegen eine Geldbuße inzwischen eingestellt hat, in den Kommentarspalten jedoch keinen Abbruch.

Offen benannten die Kommentatoren die Risiken des Betriebs, dem Beck sich bedingungslos auslieferte, seinen Drang, als "Hochleistungspolitiker" ständig aktiv zu sein, sein selbst gewähltes Leben als "politischer Rockstar, samt den Lastern dieses Genres". Privates, dessen Erwähnung häufig kritisch gesehen wird, rundeten das Persönlichkeitsprofil des Politikers ab: Der Tod seines Mannes vor einigen Jahren hätte ihn schwer getroffen - vielleicht aus der Bahn geworfen. Das klang fast schon wie eine Entschuldigung für Becks Griff zum Gift. Auf jeden Fall blieb die Häme aus, die die "Süddeutsche Zeitung" befürchtet hatte und die bei der Alkoholfahrt von Margot Käßmann nicht nur tröpfchenweise über die Ertappte ausgeschüttet wurde. Nur der rechte Rand, die "Junge Freiheit", triumphierte über den "tiefen Fall des Moralapostels", eines Mannes, "der seine ganze Existenz darauf aufgebaut hat, auf Kosten anderer zu leben". Das war Politikverachtung pur. Beck war da nur Nebensache.

Bleibt die Frage nach der moralischen Verwerflichkeit des Handels, denn politische Verdienste und Verweise auf einen belastenden Arbeitsalltag können nicht strafmildernd sein und zum Freispruch führen. Seine moralische Schuld hat Beck mit dem Hinweis beiseite gewischt, er habe sich schon immer für eine liberale Drogenpolitik eingesetzt. Mit dieser Aussage desavouierte er die eigene Fraktion, die zwar für eine liberale Handhabung des Cannabis-Konsums eintritt, aber zugleich die klare Grenze zu harten Drogen betont. Becks Rechtfertigungsversuch hat die grüne Drogenpolitik ins Zwielicht gerückt.

Moralische Fragen Der Griff zur harten Droge ist mehr als eine Verstoß gegen die Straßenverkehrsordnung. Dauerhafter Drogenkonsum verändert die Persönlichkeit. Er lässt sich nicht aufrechnen gegen Alkohol und Nikotin und gegen die Doppelmoral der Gesellschaft, die harte Drogen zwar ächtet, aber den Drogenmix bei Rockstars als eine Art Kreativitätsdoping hinnimmt. Doch Relativierungen sind Ausflüchte. In der Politik dagegen kommt es auf klare Standpunkte auch in moralischen Fragen an. Wer die nicht hat, ist unglaubwürdig. Und Glaubwürdigkeit ist das höchste Gut der Politik.

Abgeordnete haben Entscheidungen von höchster Tragweite zu treffen - über Krieg und Frieden, über das Wohl künftiger Generationen, über ein immer komplizierter werdendes Zusammenleben in einer von Brüchen gezeichneten Welt. "Wer solche Entscheidungen trifft, braucht alle Sinne und einen klaren Kopf", sagt ein Bundestagsabgeordneter. Physiologisch gebe es bei Crystal Meth zwar keine Unterschiede zwischen den Konsumenten: "Es werden dieselben Hormone ausgeschüttet, dieselben Emotionen hervorgerufen. Die großen Unterschiede aber liegen in der Tragweite der Fehlentscheidungen, die in Folge von Stress getroffen werden könnten." Aber wenn "Politiker Fehler machen, haben die natürlich meist größere Auswirkungen als am Fließband", stellt der Arbeitspsychologe Oliver Sträter klar. Politik ist kein Beruf, in dem sich Fehlentscheidungen schnell mal korrigieren lassen.

Zuwendung Ja, merkt denn keiner, wenn der Kollege auf Crystal ist? Sieht keiner in der Fraktion, dass der Nachbar sich nicht mehr im Griff hat? Muss er seinen Kummer, wie Michael Hartman, am Bartresen auskotzen, bis ihm dort jemand die Telefonnummer einer Dealerin rüber schiebt, oder muss er sich, wie Volker Beck, statt Hilfe in der Fraktion weißes Pulver auf dem einschlägigen Kiez besorgen? Die Fraktionen sind nicht gerade Kompetenzzentren für frühe Gefahrenerkennung und Einfühlsamkeit. Wenn persönliche Probleme im Anmarsch sind, sieht man lieber weg und bedauert später, dass "irgendwas" schief gelaufen ist. Aber der Mensch auch in Gestalt eines Politiker ist nicht ein "irgendwas". Als Michael Hartmann nach seiner Auszeit wieder in der Fraktion auftauchte, wurde er mit den Worten begrüßt: "Pass nächstes Mal besser auf, Michael." Ein Hochgefährdeter aber ist meist nicht in der Lage, auf sich selbst aufzupassen, deshalb muss es in jeder sozial kompetenten Gemeinschaft Sensibilität für die Probleme des anderen geben. Das ist noch wichtiger als das Abhaken des nächsten Kapitels im Koalitionsvertrag.

Ob ein Politiker nach dem Absturz wieder zurückkehren kann, hängt auch von seinem eigenen Verhalten ab. Hartmann hatte sich zu seinem Fehler und seiner Schuld bekannt: "Ich bin kein Opfer der Justiz, ich bin ein Opfer von Michael Hartmann." Bei ihm folgte der zweite Absturz, als er in der Edathy-Affäre als Informant seines der Pädophilie verdächtigten Kollegen gehandelt wurde. Entschuldigungen sind eine Frage des Anstands. Doch wer bei Volker Beck eine Entschuldigung erwartet hatte, landete für Wochen in der Warteschleife. Anders beim CDU-Abgeordneten Schockenhoff. Er informierte die Öffentlichkeit über seine Alkoholsucht, entschuldigte sich und buchte einen Platz für Entzug. Mut zur Ehrlichkeit wirkt befreiend. Jeder Skandalfall im Bundestag ist ein Lernfall. Abgeordnete sind keine gutgeölten Marionetten im Machtapparat, sie brauchen emotionale Zuwendung und Beratung. Und sie müssen Abschied nehmen vom "Höhenrausch", in dem sie sich selbst überschätzen. Wer Bodenhaftung hat, hebt nicht ab und meidet die Gefahrenzone. Das sind die Gewählten ihren Wählern schuldig.

Der Autor ist Journalist in Berlin und war Redakteur beim "Spiegel", ZDF, TV-Chefredakteur des "Süddeutschen Rundfunks" und Gründungsintendant des Deutschlandradios.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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