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Aufgekehrt
Johanna Metz
Nie gewippt, schon gekippt

Es schien eine so umwerfende Idee: Eine Art Riesen-Wippe sollte vor dem neuen Berliner Schloss an die deutsche Wiedervereinigung erinnern. Wenn sich genügend Besucher auf einer Seite zusammenfänden, würde sie sich in Bewegung setzen, ganz nach dem Motto: "Wir sind das Volk". So hatten es die Planer erdacht, nachdem der Bundestag 2007 den Bau eines Freiheits- und Einheitsdenkmals beschlossen hatte - Machmal statt Mahnmal also. Doch noch vor dem ersten Spatenstich ist die Wippe - von den Berlinern etwas despektierlich "Salatschüssel" getauft - gekippt. In der vergangenen Woche zog der Haushaltsausschuss des Bundestages wegen der massiv gestiegenen Kosten die Reißleine. Damit endet ein jahrelanges Auf und Ab, in dessen Verlauf Wasserfledermäuse und kaiserliche Mosaike umquartiert wurden und sich viele vor allem eines, nämlich verschaukelt, fühlten.

Nun heißt es also: Niemand hat die Absicht, eine Wippe zu errichten! Aber was, wenn jemand ein neues Einheitsdenkmal bauen will? Gar nicht nötig, finden wir. Das dafür am besten geeignete Objekt steht schließlich schon fix und fertig vor den Toren Berlins: der Flughafen BER. Dass der zu den größten Geldvernichtern dieses Landes gehört, darüber besteht in Ost wie West so viel Einigkeit wie selten seit der friedlichen Revolution 1989. Man könnte das Einheitsfest am 3. Oktober dort ausrichten, Platz genug ist drinnen wie draußen. Der Betreiber könnte sogar ein kleines Eintrittsgeld verlangen, um die verplemperten Milliarden peu à peu wieder reinzuholen. Dann müssten die Politessen vor dem leeren Flughafengebäude auch nicht mehr ständig Knöllchen an Falschparker verteilen.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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