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Arbeit
Claudia Heine
Mit dem Laptop ins Homeoffice

Grüne fordern flexiblere szeitmodelle. Union betont, die gibt es schon. Die Linke findet die Vorschläge elitär

5,6 Milliarden Stunden Arbeitszeit blieben im Jahr 2014 ungenutzt. Diese beeindruckende Zahl präsentierte das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung in Nürnberg (IAB) Ende April in einer Studie. Das Institut hatte Arbeitslose und Erwerbstätige nach ihren Arbeitszeitwünschen gefragt und dabei unter anderem herausgefunden, dass mehr als eine Milliarde dieser Stunden durch Verlängerungs- und Kürzungswünsche von Erwerbstätigen entstehen. "Was für eine Verschwendung von Potenzial! Heben Sie zunächst einmal dieses Potenzial, bevor Sie die Rente mit 70 fordern." Die arbeitsmarktpolitische Sprecherin von Bündnis 90/Die Grünen, Brigitte Pothmer hatte, an die Koalition gewandt, aber noch einige andere Hinweise parat.

Beraten wurde vom Bundestag in der vergangenen Woche ein Antrag (18/8241) der Grünen zur Flexibilisierung der Arbeitszeiten. Die Fraktion fordert, Beschäftigten mehr Zeitsouveränität zu ermöglichen und sie gleichzeitig vor entgrenzter Arbeit zu schützen. So soll es unter anderem einen Vollzeit-Korridor mit Wahlarbeitszeiten im Teilzeit- und Befristungsgesetz geben. Im Bereich von 30 bis 40 Stunden pro Woche sollen Arbeitnehmer dadurch ihren Arbeitszeitumfang nach oben oder unten anpassen können. Der bestehende Rechtsanspruch auf Teilzeit soll um ein Rückkehrrecht auf den früheren Stundenumfang ergänzt werden. Die Nutzung von Homeoffice soll erleichtert werden. Die Fraktion fordert außerdem, dass Zeitsouveränität nicht zu Überforderung und unbezahlter Mehrarbeit führen darf. Deshalb sollen Betriebsräte ein Mitbestimmungsrecht über die Menge der Arbeit beziehungsweise über Zielvorgaben erhalten.

Falsche Erwartungen Brigitte Pothmer kritisierte, dass zu viele Frauen in der "Teilzeitfalle" stecken und Männer die Teilzeit aus Angst vor Mobbing und Karriereknick scheuen. "Wir brauchen neue Modelle, um die Grenze zwischen Vollzeit und Teilzeit fließender zu machen", forderte sie. Es müsse nicht sein, dass rund die Hälfte der Arbeitnehmer unzufrieden mit ihrer Arbeitszeit sind, so Pothmer.

Uwe Lagowski (CDU) kritisierte, dass der Grünen-Antrag falsche Erwartungen wecke. Es gebe Manteltarifverträge, die Teilzeitmodelle, Arbeitszeitkonten und Gleitzeit schon jetzt festschreiben. "Die Sozialpartner schaffen längst mehr Zeitsouveränität für die Beschäftigten", sagte er. Nötig sei keine neue Verordnung, sondern verantwortungsvolle Akteure und eine neue Kultur der Prävention in den Betrieben, um Überlastungen der Beschäftigten vorzubeugen. "Eine volle Zeitsouveränität würde die Arbeitsabläufe in den Betrieben völlig auf den Kopf stellen", warnte Lagowski.

Jutta Krellmann (Die Linke) betonte, dass die Betriebsräte ein sehr starkes Mitbestimmungsrecht bei der Verteilung von Arbeit haben. Problematisch werde es aber bei den Ausnahmeregeln im Arbeitszeitgesetz, wie zum Beispiel verlängerten Öffnungszeiten im Einzelhandel. "Wenn wir über mehr Zeitsouveränität reden, können wir direkt damit beginnen, dass wir diese ganzen Ausnahmeregeln streichen. Millionen Menschen, insbesondere im Einzelhandel, würde man damit sofort helfen", sagte Krellmann. Sie warf den Grünen vor, dass deren Vorschläge zur Wahlfreiheit über Arbeitszeit und Arbeitsort nur für einige privilegierte Gruppen interessant seien.

Bernd Rützel (SPD) konnte in dem Antrag der Grünen gute Vorschläge erkennen. Aber eine volle Flexibilisierung der Arbeitszeit berge auch Risiken und eine reine Ergebnisorientierung sei für die meisten normalen Beschäftigten kein passendes Modell, sie würden eben nach Zeit entlohnt, so Rützel. Er plädierte dafür, das Rückkehrrecht auf Vollzeit endlich umzusetzen. Dass ein entsprechender Gesetzentwurf noch nicht umgesetzt sei, liege jedoch nicht am Bundesministerium für Arbeit und Soziales, sagte er mit Blick auf die Unionsfraktion. "Aber wir kriegen das hin", zeigte sich Rützel überzeugt.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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