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Ortstermin: Übergabe von Tacita Deans »Die Regimentstochter«
Eva Bräth
Leerstellen gegen das Vergessen

Am Anfang stand das, was Tacita Dean einen "objektiven Zufall" nennt. Im Jahr 2000 entdeckte die britische Künstlerin auf einem Berliner Flohmarkt 36 Opernprogrammhefte aus den Jahren 1934 bis 1942. Was auf den ersten Blick als einfache Sammlung eines Opernliebhabers erscheint, erkannte sie als Zeugnis für die Ambivalenz deutscher Erinnerungskultur und verarbeitete es zu einem modernen Kunstobjekt. "Die Regimentstochter" ist derzeit als Leihgabe aus dem Bonner Haus der Geschichte im Deutschen Bundestag zu sehen. Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) nahm die Installation im Namen des Kunstbeirates des Deutschen Bundestags vergangene Woche in Empfang.

In einem Flur des Jakob-Kaiser-Hauses ist das 36-teilige Werk nun angebracht. Wer sich - mit Muße oder auch nur im Vorbeieilen - die aneinandergereihten und gerahmten Opernprogrammhefte ansieht, dem fällt sofort etwas auf: Auf den Titelseiten hat ein früherer Besitzer jeweils ein rechteckiges Stück entfernt. Warum? "Innerhalb von Sekunden ist mir bewusst geworden, dass jemand das Hakenkreuz herausgeschnitten hatte", erzählte Dean dazu einmal in einem Interview. Das Werk benannte sie nach der komischen Oper von Gaetano Donizetti, die in der Sammlung enthalten ist.

",Die Regimentstochter' ist ein Kunstwerk, das die verborgenen Spuren deutscher Vergangenheit im Alltäglichen sichtbar machen möchte und gleichzeitig vom Wunsch spricht, diese Spuren zu tilgen", sagte die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien, Monika Grütters (CDU), bei der Übergabe. Die "beklemmende Collage des Verschweigens, Verdrängens und auch des Vergessens" dränge dem Betrachter viele Fragen auf, die aber unbeantwortet blieben. So ist unbekannt, wer die Hefte sammelte, wann er oder sie die Hakenkreuze entfernte und welches Motiv dazu bewegte. Geschah es aus Opportunismus oder vorauseilendem Gehorsam in einem neuen politischen Machtgefüge? Zeugt das Herauslösen nationalsozialistischer Symbolik von Scham, Trauer oder einem Akt des Widerstands? ";Die Regimentstochter' schweigt dazu. Doch es ist, glaube ich, ein beredtes Schweigen, in dem Grundtöne falsch verstandener Vergangenheitsbewältigung anklingen sollen", führte die Kulturstaatsministerin aus. Denn durch Verdrängen würden dunkle Teile der Identität nicht verschwinden.

Tatsächlich sind es die Leerstellen, die dem Betrachter sofort ins Auge springen und dazu anregen, sich mit den Objekten und ihrem zeithistorischen Kontext zu befassen. Das Erinnern an die Vergangenheit sei eine fortwährende Aufgabe, sagte Hans Walter Hütter, Präsident der Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland. "Es ist wirklich ein Tagesgeschäft. Wir müssen jeden Tag aufs Neue an die nationalsozialistischen Verbrechen erinnern", bekräftigte er. "Die Regimentstochter", die ab 1. September 2015 im Bonner Haus der Geschichte ausgestellt war, bringe den Betrachter auf eine ungewöhnliche Weise dazu, sich mit dem Nationalsozialismus auseinanderzusetzen. Die Stärke des Werks sieht er darin, dass es viele Beschäftigungsmöglichkeiten aus dem Alltag und den Lebenssituationen des einzelnen Betrachters heraus ermögliche.Eva Bräth

Aus Politik und Zeitgeschichte

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