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Gastkommentare - Contra
Daniel Bouhs, freier Journalist
Preis der Freiheit

Anonymität im Netz einschränken?

Machen wir uns nichts vor: Natürlich ist Freiheit auch stets ein Einfallstor für Missbrauch. Anonym ins Digitale schreiben - super ist das für alle, die anonym hetzen wollen, die kein Gesicht zeigen, aber Andersdenkende mit Hass überziehen oder ihnen gar Gewalt androhen wollen. Allein: Diese Freiheit stärkt auch die Demokratie. Sie sichert den demokratischen Zugang zum Diskurs und zum Widerstand - im Guten wie im Schlechten.

Man stelle sich vor: Bei den ursprünglichen Montagsdemonstrationen hätte jeder ein Namensschild tragen müssen. Hätten sich abertausende DDR-Bürger getraut, auf die Straßen zu gehen und sich gegen das totalitäre System aufzulehnen? Wohl kaum! Die Anonymität hat den Einzelnen geschützt. Er konnte im Kollektiv der Demonstranten aufgehen und es damit stärken.

Demonstrationen leben seit jeher davon, dass jeder Präsenz zeigen und seine Meinung äußern kann, ohne seine Identität vor sich her zu tragen. Im Digitalen schützt Anonymität auch vor analogen Attacken - wer traut sich schon, Rechtsextremisten unter Klarnamen die Meinung zu sagen?

Diesen Schutz gibt es nicht ohne den Preis, dass sich in der Anonymität auch der Hass seinen Weg bahnt. Gegen diese Seuche helfen gleich zwei Rezepte: die Gegenmeinung, die dann auch jeder aus der Anonymität heraus äußern kann. Und Spielregeln gegen Extremisten samt Vollzug.

Wer wie Facebook populäre Diskussionsflächen anbietet, muss Menschenverachtung konsequent Grenzen aufzeigen und Einträge löschen, die darüber hinausgehen. Das ist stets eine Gratwanderung und damit der deutlich kompliziertere Weg. Allerdings schützt nur er auch die Freiheit.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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