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SOZIALE MEDIEN
Alexander Weinlein
Der gläserne Neuländer

Anbieter wie Facebook und WhatsApp sammeln die Daten ihrer Nutzer im großen Stil

Dieser Post gehört bereits zu den Klassikern: "Aufgrund der neuen Allgemeinen Geschäftsbedingungen in Facebook widerspreche ich hiermit der kommerziellen Nutzung meiner persönlichen Daten gemäß Bundesdatenschutzgesetz. Das Copyright meiner Profilbilder liegt ausschließlich bei mir. Die kommerzielle Nutzung bedarf ausdrücklich meiner schriftlichen Zustimmung." Mit schöner Regelmäßigkeit veröffentlichen Facebook-Nutzer diese Zeilen auf den eigenen Profilseiten - unabhängig davon, ob der Internet-Konzern nun wirklich gerade seine Nutzungsbedingungen geändert hat oder auch nicht. Vor allem aber outen sie sich damit als weitgehend ahnungslose Nutzer jener digitaler Welten, die Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) im Sommer 2013 während einer Pressekonferenz von US-Präsident Barack Obama als "Neuland" bezeichnete und sich damit eine Menge Spott und Hohn einhandelte.

Bei näherer Betrachtung erweist sich der Spott für die deutsche Kanzlerin jedoch als unangebracht. Denn auch wenn das Internet seinen weltweiten Siegeszug bereits vor 25 Jahren antrat, so präsentieren sich die Bürger von "Neuland" mitunter als erschreckend unaufgeklärt über ihre Rechte beziehungsweise deren Abtretung an Internet-Giganten wie Facebook, Google und Co. Bestes Beispiel ist eben jene Widerspruchserklärung bei Facebook, die man zwar als eine Art symbolischen Protest werten mag, die jedoch keinerlei rechtliche Relevanz hat.

Marktführer Von der eigentlich naheliegenden Reaktion eines Kunden, der das Geschäftsgebaren einer Firma nicht akzeptiert, sich nämlich schlicht und ergreifend aus dem sozialen Netzwerk abzumelden, machen nur die wenigsten Facebook-Nutzer Gebrauch. Im Gegenteil: Obwohl das von den vier Havard-Studenten Dustin Moskovitz, Chris Hughes, Eduardo Saverin und Mark Zuckerberg 2004 veröffentlichte Netzwerk immer wieder wegen seiner Datenschutzpraktiken in der Kritik steht, steigen die Nutzerzahlen beständig an. Verfügte Facebook laut eigenen Angaben im ersten Quartal des Jahres 2009 über weltweit rund 197 Millionen Nutzer, so stieg deren Zahl bis zum dritten Quartal 2015 auf 1,54 Milliarden an. In Deutschland waren es Ende 2014 rund 22 Millionen Nutzer. Weltweit liegt Facebook auf Platz zwei der meistbesuchten Internetseiten.

Doch warum stellen so viele Menschen trotz ständiger Warnungen von Daten- und verbraucherschützern ihre Daten so freimütig einer Privatfirma zur Verfügung? Ist es ein prinzipiell verändertes Verhältnis zur Privatsphäre, wie gerne behauptet wird, oder geschieht dies doch eher aus Unwissenheit? Während die Vorratsdatenspeicherung in Deutschland noch immer als politisches Reizwort gilt und die Abhör- und Ausspäh-Aktionen der Geheimdienste viele Bürger noch immer erzürnt, servieren ebenso viele ihre Privatleben in den sogenannten Sozialen Medien auf einem Silbertablett zum freien Zugriff.

Nutzungsbedingungen Das Problem, wenn man es denn als ein solches begreifen will, beginnt bereits bei der erstmaligen Anmeldung bei Facebook. Wer sich dort registriert, akzeptiert zugleich die Nutzungsbedingungen. Annähernd fünf Seiten eng bedrucktes Papier, wenn man sie denn ausdrucken würde. Hinzu bestätigt der Nutzer, dass er die Datenrichtlinie und die Richtlinie über den Einsatzes von Cookies gelesen hat. Zusammen nochmal gut zehn Seiten Papier.

Die Kernaussage der Richtlinien ist denkbar einfach: Gesammelt und gespeichert werden alle Arten von Daten - etwa Bilder, Videos oder Textbeiträge - die Nutzer entweder aktiv im Netzwerk posten, oder die Facebook anderweitig automatisiert erheben kann. Zum Beispiel darüber, mit welchen anderen Nutzern sie kommunizieren, welche Inhalte abgerufen werden, aber auch welche anderen Internetseiten die Nutzer ansteuern. Vor allem dürfen diese Daten von Facebook kommerziell genutzt werden - und zwar weltweit. Auch wenn Facebook als besonders gierige Datenkrake gilt, verfügen auch andere Anbieter über ähnliche Nutzungsbedingungen.

Es ist ein simples Tauschgeschäft, das die extrem erfolgreiche Geschäftsidee von Netzwerken wie Facebook, Twitter und Google+ oder Messenger-Diensten wie WhatsApp und Snapchat bildet. Der angebotene Dienst ist vermeintlich "kostenfrei", der Kunde zahlt mit seinen persönlichen Daten, aus denen sich für die Werbewirtschaft individuelle Kundenprofile erstellen lassen.

Herausfiltern aus dem Surfverhalten der Nutzer im Internet und aus selbst veröffentlichten Daten lässt sich so gut wie alles: Alter, Geschlecht, Wohnort, Beruf, politische oder sexuelle Präferenzen, gesundheitliche Gebrechen, bevorzugte Kleidungs- oder Schuhmarken, Urlaubsziele und Hobbys, kulinarische, literarische oder sportliche Vorlieben. Unnütze Daten gibt es nicht, denn Daten sind pures Gold in der Welt der Werbung. Und viele Menschen werfen mit diesem Gold höchst freigiebig um sich. So konnte Facebook seinen Umsatz mit Werbung von 1,9 Milliarden Dollar im Jahr 2010 auf mehr als elf Milliarden Dollar im Jahr 2014 steigern.

Welchen Nutzen die Werbewirtschaft aus den gesammelten Daten ziehen kann, zeigen die Facebook-Nutzungsbedingungen, die zum 30. Januar 2015 in Kraft traten. Sie ermöglichen es beispielsweise, den durch die GPS-Funktion eines Smartphones übertragenen Standort eines Nutzers mit Werbeanzeigen zu koppeln. Hat Facebook aus dem Surfverhalten eines Nutzers ermittelt, dass dieser sich für ein bestimmtes Produkt interessiert, so können ihm entsprechende Angebote von Geschäften in seiner Nähe angezeigt werden. Ob man solche Werbepraktiken als störende Manipulation des eigenen Konsumverhaltens interpretiert oder als praktischen Einkaufstipp, ist letztlich Geschmackssache.

Umstrittenes Cookie Immerhin regt sich in Europa zunehmend Widerstand gegen den Umgang mit persönlichen Daten durch Facebook. Erst Anfang November 2015 untersagte ein Gericht in Belgien dem Konzern, das Surfverhalten von Internetnutzern aufzuzeichnen, die nicht Mitglied des sozialen Netzwerkes sind. Facebook habe 48 Stunden Zeit, diese Praxis zu beenden. Ansonsten drohe eine Strafe von 250.000 Euro täglich. Geklagt hatte Belgiens oberster Datenschützer. Bei der gerichtlichen Auseinandersetzung ging es um das sogenannte Identitäts-Cookie "datr". Diese kleine Datei wird von Facebook im Web-Browser eines Internet-Nutzers gespeichert, wenn dieser eine Facebook-Seite ansteuert ohne selbst Mitglied des Netzwerkes zu sein. Dies ist bei Facebook-Seiten von Firmen oder Institutionen oftmals möglich. Facebook kündigte zwar an, die Auflage des belgischen Gerichts zunächst einzuhalten, will das Urteil jedoch anfechten. Der Internet-Konzern argumentiert, das umstrittene Cookie helfe, falsche Profile herauszufiltern und verhindere Cyber-Attacken.

Safe-Harbor-Urteil Bereits Anfang Oktober hatte der Europäische Gerichtshof das sogenannte Safe-Harbor-Abkommen gekippt. Dies hatte es amerikanischen Internet-Konzernen ermöglicht, die Daten ihrer europäischen Nutzer in die USA zu übermitteln. Der österreichische Datenschutzaktivist Maximilian Schrems hatte gegen dieses Abkommen der EU mit den Vereinigten Staaten geklagt, weil er nicht akzeptieren wollte, dass Facebook seine Daten auf Servern in den USA speichert. Seine Begründung: Seine Daten seien dort nicht ausreichend vor dem Zugriff der amerikanischen Geheimdienste gesichert.

Die Deutschen sind sich der Datensammelleidenschaft von Facebook und Co. durchaus bewusst. In einer aktuellen Emnid-Umfrage geben 84 Prozent der Befragten an, die sozialen Netzwerke und Kommunikationsdienste im Internet würden zu viele Daten der Verbraucher erheben. Umgekehrt kann aber auch ein naiv-leichtfertiger Umgang mit den eigenen Daten beobachtet werden, vor allem bei Kindern und Jugendlichen.

Stephan Finke weiß davon ein Lied zu singen. Der 45-jährige Social-Media-Manager aus dem rheinland-pfälzischen Frankenthal hält regelmäßig Vorträge an Schulen seiner Heimatstadt, in denen er den Schülern aber auch Lehrern und Eltern die Möglichkeiten und Gefahren der sozialen Medien näher bringen will. "Wer liest denn heute noch die Allgemeinen Geschäftsbedingungen?", fragt er spöttisch. Finke ist immer wieder überrascht, wie leichtfertig Eltern ihre Sprösslinge in die digitale Welt entlassen. Diese würden ihrem Nachwuchs zwar beibringen, wie er sicher eine Straße zu überqueren hat, beim Umgang mit Computern oder Smartphones beließen sie es all zu oft bei einem wenig hilfreichen "Pass halt auf". Der Grund dafür ist jedoch denkbar simpel: Viele Eltern verfügen schlicht und ergreifend selbst nicht über die nötigen Kenntnisse, um ihre Kinder anzuleiten.

Sexting Kinder und Jugendliche sind sich oftmals nicht bewusst, wie schnell sich die von ihnen gesendeten Bilder in den sozialen Medien unwiderruflich verbreiten können. Im schlimmsten Fall mit katastrophalen Folgen - etwa beim sogenannten "Sexting", dem Versenden von erotischen und pornografischen Inhalten. "Stellen Sie sich folgenden Fall vor: Ein junges Mädchen schickt ihrem Freund über WhatsApp ein Nacktfoto von sich, womöglich sogar in einer eindeutig pornografischen Pose. Zwei Wochen später macht sie aber mit ihrem Freund Schluss. Der will sich rächen und verbreitet das Foto unter den Klassenkameraden", erzählt Finke. Dies führe schnell zu einem massiven Mobbing gegenüber dem Mädchen. "In extremen Fällen endete das bereits im Selbstmord", warnt Finke.

Immer wieder erreichen Finke die Hilferufe von Eltern, deren minderjährige Kinder ein unvorteilhaftes Foto in einem der sozialen Netzwerke veröffentlicht haben. Doch wenn das Foto erst einmal von einem anderen Nutzer "geliked" oder auf dessen Profilseite geteilt wurde, besteht kaum Aussicht darauf, es wieder aus dem Netz zu bekommen.

Solche Fotos können den Betreffenden ein Leben lang begleiten. Schon längst durchforsten die Personalabteilungen von Firmen die Netzwerke nach den Profilseiten von Bewerbern. Kein Wunder: Welcher Firmenchef möchte schon, dass sein Außendienstmitarbeiter bei Facebook betrunken unter dem Tisch liegend oder in anderen unvorteilhaften Momenten "bewundert" werden kann? In seinen Vorträgen versucht Finke den Jugendlichen deshalb einen verantwortungsvollen Umgang mit den neuen Medien zu vermitteln. Und lässt dabei auch solch drastischen Beispiele nicht aus, um ihnen die Konsequenzen ihres Handelns zu verdeutlichen.

Sinkende Altersgrenze Dies ist um so notwendiger, da die Altersgrenze in den vergangenen Jahren ständig gesunken ist. Hielt Stephan Finke seine Vorträge in den vergangenen Jahren vor Schülern der siebten Klasse und getrennt davon für deren Eltern und Lehrer, so wird er dies auf Bitten eines Schulleiters zukünftig bereits in der fünften Jahrgangsstufe tun. Viele Schüler besäßen inzwischen bereits ab dem neunten oder zehnten Lebensjahr ein internetfähiges Smartphone. Und damit auch Zugang zu den sozialen Netzwerken und Kommunikationsplattformen, wenn die Eltern dies nicht unterbinden. Gerade bei den jüngeren Jugendlichen stünden Dienste wie Whats-App oder Snapchat inzwischen höher im Kurs als etwa Facebook, erläutert Finke.

Die Nutzung von Facebook ist zwar laut eigener Geschäftsbedingungen erst ab 13 Jahren und die von WhatsApp sogar erst ab 16 Jahren erlaubt. Allerdings kann jeder Nutzer sein Alter selbst angeben bei der Anmeldung. Überprüft werden die gemachten Angaben bislang nicht. Benötigt wird lediglich eine gültige E-Mail-Adresse oder Telefonnummer. Die Anbieter selbst sichern sich rechtlich mit entsprechenden Klauseln gegen Falschangaben ihrer Nutzer ab. Dies könnte sich allerdings ändern, wenn die neue EU-Datenschutzverordnung 2018 in Kraft tritt.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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