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GESUNDHEITSDATEN
Katrin Neubauer
Auf Schritt und Tritt von der App begleitet

Krankenkassen nutzen den digitalen Fitnesstrend und bieten den Versicherten Boni an

Wenn Christian joggen geht, ist seine Running App immer dabei. Sie erfasst Strecke, Geschwindigkeit, Zeit und Kalorienverbrauch. Damit liegt der junge Mann voll im Trend. Laut einer Studie des Universitätsklinikums Freiburg haben mehr als die Hälfte der Verbraucher Gesundheits-Apps auf ihren Smartphones installiert. Jeder Fünfte nutzt diese häufig. Nach einer Befragung der Universität Bielefeld unter Studenten kontrollieren mehr als 70 Prozent der App-Nutzer ihr tägliches Bewegungspensum oder ihr Schlafverhalten nachts.

Befeuert wird der Trend durch eine riesige Auswahl an Apps und sogenannten Wearables wie Fitnessarmbändern, Sensorkleidung, Datenbrillen und Smartwatches. Laut der Freiburger Studie gibt es mindestens 380.000 Gesundheits-Apps. Allein in den Kategorien "Gesundheit & Fitness" und "Medizin" der großen Stores für die Betriebssysteme, Android und iOS (Apple), stehen mehr als 100.000 Apps bereit. Monatlich kommen rund 1.000 hinzu.

Der Bundesverband der Digitalen Wirtschaft beziffert den Umsatz mit E-Health-Produkten allein in Deutschland auf rund 6,5 Milliarden Euro. Der globale Umsatz mit digitalen Gesundheitsprodukten und -dienstleistungen soll Schätzungen zufolge 2020 bei mehr als 200 Milliarden US-Dollar liegen. Großunternehmen wie Google, Apple, IBM, SAP oder Sanofi sind in das Geschäft mit Gesundheitsdaten schon eingestiegen, andere werden folgen.

Was mit den massenhaft aufgezeichneten Daten passiert, ist für die meisten Verbraucher zweitrangig. "Steht ein junger Erwachsener vor der Wahl, eine Gesundheits-App zu installieren, sind die Bedenken hinsichtlich des Datenschutzes nicht ausschlaggebend. Entscheidender ist, wie groß der Gesundheitsgewinn eingeschätzt wird und wie andere die App bewerten", erläutert der Gesundheitswissenschaftler Christoph Dockweiler die Bielefelder Umfrage. Dass Gesundheitsdaten von Nutzern nicht unbedingt als "sensibel" eingestuft werden, zeigt eine Studie zur "digitalen Sicherheitslage in Deutschland". Demnach halten Menschen Onlinebanking und Onlineshopping für weitaus riskanter als vernetzte Gesundheits- und Vitaldienste. Tatsächlich könnte sich laut einer YouGov-Studie sogar fast jeder dritte Deutsche (32 Prozent) vorstellen, seine Gesundheitsdaten an eine Krankenversicherung weiterzugeben, wenn er davon Vorteile hat. Unter den 14- bis 34-Jährigen hätten sogar zwei von drei kein Problem damit, wie eine Umfrage der Schwenninger Krankenkasse ergab.

Die gesetzlichen Krankenkassen haben das Potenzial bereits erkannt und erwägen, ihre Bonusprogramme für gesundheitsbewusstes Verhalten zu ergänzen. So plant die AOK Nordost für 2016 ein Bonusprogramm, "das digital und mobil mit einer neu entwickelten App genutzt werden kann", wie eine Sprecherin sagt. Wearables bezuschusst die Kasse bereits seit 2015 mit 50 Euro. Auch die DAK passt ihre Programme an. "Voraussetzung für den Zuschuss ist, dass die Geräte mit einer entsprechenden App ausgestattet sind und der Kunde die Dokumentation seiner Gesundheitswerte belegen kann", sagt ein DAK-Sprecher. Eine elektronische Übermittlung von Trainingsdaten sei aus datenschutzrechtlichen Gründen nicht geplant. "Möglich wäre als Beleg ein Screenshot oder Ausdrucken der Aufzeichnungen." Die Versicherungsgruppe Generali will mit dem "Vitality"-Programm ab 2016 gesundheitsbewusstes Verhalten mit einer Fitness-App dokumentieren und belohnen. Als Anreize seien Vergünstigungen beim Sportartikelkauf denkbar. "Eine Senkung der Krankenversicherungsbeiträge für "Vitality"-Teilnehmer ist im ersten Schritt nicht angedacht", sagt Sprecher Björn Collman.

Verbraucherschützer mahnen, möglichst nicht so viele Daten preiszugeben. "Für Fitness-Training oder Therapien können die digitalen Geräte nützlich sein", meint Kai Vogel vom Verbraucherzentrale Bundesverband. Gesundheitsdaten könnten aber nicht nur für die gezielte Produktwerbung, sondern von Versicherungen auch zur Tarifgestaltung herangezogen werden. Eine Benachteiligung beginne dann im Prinzip schon damit, dass derjenige, der seine Daten nicht weiterleite, den Bonus nicht bekomme.

Dessen ungeachtet sind die Gesundheits-Apps von wachsender Bedeutung. Die Motivation der Nutzer ist dabei höchst unterschiedlich. Einige wollen schlicht ihre Fitness verbessern und fühlen sich von elektronischen Mahnern und durch das Teilen ihrer Daten mit Gleichgesinnten stärker angespornt. Andere nutzen die digitalen Helfer, um Therapien, zum Beispiel bei Diabetes, Herzkreislauferkrankungen oder Raucherentwöhnung zu optimieren.

Christian möchte seine App beim Joggen jedenfalls nicht mehr missen. "Die macht das Training angenehmer. Ich habe meinen elektronischen Coach, der mich anleitet", sagt der Freizeitalpinist. Dass seine Daten auf irgendeinem Cloud-Server in den USA gespeichert sind und auch von einem Sportartikelhersteller für Produktwerbung via Mail oder SMS genutzt werden können, stört ihn nicht. "Die klicke ich ungelesen weg."

Die Autorin ist freie Journalistin.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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