Inhalt

kriminalität
Kai Biermann
Wenn Computer potenzielle Täter ausfindig machen

Die Polizei setzt in der Verbrechensbekämpfung auch auf Datenanalysen. Nicht immer mit Erfolg

Am Tatort sein, bevor der Täter verschwinden kann, ja vielleicht sogar, bevor er überhaupt Zeit hatte, seine Tat zu begehen - Computerprogramme versprechen der Polizei, ihr diesen Traum zu erfüllen. Mit Datensammlungen und Statistik soll es ihr möglich werden, Verbrechen vorherzusehen. Predictive Policing heißt das Konzept, voraussagende Polizeiarbeit. Weltweit arbeiten Firmen an diesem Versprechen und hoffen auf einen riesigen Markt.

IBM hat dafür "Blue Crush" programmiert, eine Weiterentwicklung der firmeneigenen Software SPSS, die in der Wissenschaft seit vielen Jahren zur statistischen Analyse eingesetzt wird. Die Polizei in der amerikanischen Großstadt Memphis setzt "Blue Crush" ein, um Kriminalität zu bekämpfen, die Tennessee Highway Patrol will mit ihr Unfallschwerpunkte erkennen. "Predpol" basiert auf Algorithmen aus der Erdbebenforschung. Polizisten in Los Angeles, in Atlanta und auch die Metropolitan Police in London nutzen das Programm.

"Precobs" ist ein deutscher Anbieter, dessen gleichnamige Software in mehreren Bundesländern getestet wird, um Einbrecher zu fangen. Bei der Stadtpolizei in Zürich ist sie bereits im Dauereinsatz. Palantir Technologies wertet für seine Vorhersagesoftware frei zugängliche Daten in sozialen Netzwerken aus und bietet die Ergebnisse unter anderem dem US-Geheimdienst CIA an. Accenture ist eigentlich eine Management-Beratungsfirma, aber auch sie hat ein Computersystem entwickelt, um Kriminelle zu erkennen. Die Guardia Civil in Spanien hat es eingesetzt und auch die Londoner Polizei. Accenture will damit nicht Orte von Kriminalität untersuchen, sondern gar einzelne Menschen aus Datensätzen filtern, die mit hoher Wahrscheinlichkeit Gewaltverbrechen begehen werden.

Daten für die Polizei zu analysieren ist eine wachsende Industrie. Die Programme machen letztlich alle dasselbe: Sie sollen auf Basis vorhandener Daten errechnen, wo wann und mit welcher Wahrscheinlichkeit ähnliche Verbrechen geschehen werden. Früher taten Beamte das gleiche mit Hilfe von Erfahrung und einer Karte ihrer Stadt. Sie steckten bunte Stecknadeln hinein, um Orte zu erkennen, an denen bestimmte Taten häufiger begangen wurden. Computer sind genauer. Vor allem aber können sie viel mehr Daten in die Analyse einbeziehen. Neben den polizeieigenen Daten über Kriminalität können das auch die Altersstruktur sein, die Einkommensverteilung, der Mietspiegel oder Standorte von Geldautomaten. Doch ist das nur der Anfang. Verkehrsmessungen und selbst der Wetterbericht spielen in mancher Kalkulation eine Rolle. Und Facebook, Twitter, YouTube oder Instagram bieten noch viel mehr Quellen für Informationen.

Klare Muster Trotz der Daten und komplexen Rechenmodelle kann Predictive Policing das gemachte Versprechen bislang nicht erfüllen. Denn längst nicht alle Taten eignen sich dafür. Mord etwa lässt sich kaum vorhersagen, zu selten kommt er vor, um eine gute Datenbasis zu haben, zu irrational und persönlich sind oft die Motive. Spontane Taten sind auf diese Art kaum zu erfassen. Die Software ist immer dann gut, wenn sich im Verhalten zumeist professioneller Täter klare Muster finden. Wer hingegen nachts mit einem riesigen Flachbildfernseher durch die Straßen schleicht, ist entweder ein Idiot, oder ein Beziehungstäter, der das Gerät seiner Ex-Freundin wegnehmen will. Beides kann kein Computer vorherberechnen.

Die Firmen, die Vorhersageprogramme anbieten, werben trotzdem damit, die Verbrechensraten um bis zu 30 Prozent senken zu können. Zum Teil wirken die Erfolge auch beeindruckend. Die Züricher Polizei ist beispielsweise überzeugt, dass sie dank "Precobs" die Zahl der Einbrüche auf den niedrigsten Stand seit Jahren senken konnte. Doch haben die Hersteller auf wichtige Fragen keine Antwort: Zum Beispiel auf die, ob die Täter durch die gezielten Streifen nicht einfach woandershin verdrängt werden. Oder ob sie auf andere Taten ausweichen und ob sie nun Handtaschen rauben, statt Wohnungen leerzuräumen.

In Deutschland werden nur zehn bis 15 Prozent aller Wohnungseinbrüche aufgeklärt - das Interesse der Polizei ist daher hoch, diese Systeme zu nutzen. Precobs, Predpol, IBM, sie alle werden auch hierzulande erprobt, zum Teil in großen und langdauernden Studien. Kritiker sehen das mit Sorge. Denn da ist auch noch der Datenschutz. In Deutschland ist es der Polizei verboten, bestimmte Datenbanken zu einer neuen zusammenzuführen. Deswegen verwendet Precobs nur wenige und anonymisierte Daten für die Analyse. Gezielt potenzielle Menschen zu identifizieren, ist damit nicht möglich und soll es auch auf keinen Fall sein.

In anderen Ländern hat man weniger Skrupel, in Großbritannien und den USA werden gezielte Gefährderanalysen eingesetzt und die so Stigmatisierten von der Polizei beobachtet und gewarnt. In Chicago heißt das Konzept "Heat List". Wen die Computer auf diese Liste setzen, weil er in einer schlechten Gegend lebt und Freunde hat, die gewalttätig waren oder sind, bekommt Besuch von der Polizei. Ob es immer die richtigen trifft? Das ist schwer zu sagen. Wenn der Mensch auf der Liste keine Tat begeht, ist nicht klar, ob er es entweder nie vorhatte, oder ob es dank der Software verhindert werden konnte.

Der Autor gehört zum Investigativ-Team bei "Zeit Online".

Aus Politik und Zeitgeschichte

© 2016 Deutscher Bundestag