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Claus Peter Kosfeld
Sammeln und sortieren

Die Stasi hätte gerne Facebook genutzt

Geheimdienste sammeln Informationen. Das haben sie früher schon getan. Jedoch haben sich die Methoden verändert. Bei der DDR-Staatssicherheit war quasi alles noch Handarbeit, heute laufen Suchprozesse vollautomatisch ab. Aus der analogen Zettelwirtschaft der Stasi ist ein digitales High-End-Produkt geworden mit unbegrenzten Filtermöglichkeiten nach Stichworten und Personen. Ein früherer Stasi-Offizier merkte einmal zu den von Whistleblower Edward Snowden aufgedeckten Schnüffelmethoden des US-Geheimdienstes NSA an: "Hätten wir solche Möglichkeiten gehabt, wäre unser Traum in Erfüllung gegangen."

Datenmissbrauch Der Vergleich zwischen Stasi (rund 90.000 hauptamtliche Mitarbeiter) und NSA (rund 40.000 Mitarbeiter), sagt der Chef der Stasiunterlagenbehörde, Roland Jahn, in einem Video-Blog für die Bundeszentrale für politische Bildung, liege zwar auf der Hand. Er hinke aber deswegen, weil der eine Dienst einer Diktatur diente, der andere letztlich für die Freiheitsrechte einer Demokratie stehe. In der DDR habe die Stasi im Interesse der Einheitspartei gelauscht, in der Demokratie sei das Abhören rechtsstaatlich geregelt. Datenmengen allein seien wenig aussagekräftig, entscheidend sei die Frage, wo Daten missbraucht und Menschen in ihrem Selbstbestimmungsrecht übergangen würden, meint Jahn.

Die Aktivisten der Organisation OpenDataCity (ODC) haben, unabhängig von der politischen Einordnung, gleichwohl die Datenmengen von Stasi und NSA visualisiert (http://bit.ly/1GmV3Ij), um den Unterschied zwischen damals und heute zu verdeutlichen. Die Datenaufbereitungsspezialisten von ODC nahmen dabei als Basis eine Zahl, die von einem ehemaligen NSA-Technikdirektor stammt und vom National Public Radio (NPR) in den USA veröffentlicht wurde. Demnach kann das neue Datenzentrum der NSA in Utah fünf Zettabyte (21 Nullen) an Speicherkapazität verarbeiten. Die Aktivisten rechnen sodann vor: "Unter der Annahme, dass ein Aktenschrank 0,4 Quadratmeter Platz benötigt und 60 Aktenordner (30.000 Seiten Papier), also etwa 120 Megabite Daten fassen kann, würde das Utah-Rechenzentrum ausgedruckt etwa 17 Millionen Quadratkilometer Platz verbrauchen. Damit kann die NSA fast eine Milliarde Mal mehr Daten erfassen als die Stasi!"

Inzwischen werden auch andere Vergleiche gezogen, weil sich die Ausgangslage ideell drastisch verändert hat. So verweisen Netzaktivisten auf das größte soziale Netzwerk Facebook, dem rund 1,5 Milliarden Menschen ihre persönlichen Daten überlassen. Zum Vergleich: Die Stasi hatte vor allem die eigene Bevölkerung fest im Blick, das waren rund 16 Millionen Einwohner.

Der Facebook-Konzern betreibt nach einem Bericht der "Frankfurter Rundschau" über seine elektronische Gesichtserkennung die international größte Datenbank mit biometrischen Merkmalen. Auf den Serverfarmen der Firma liegen demnach mehr als 75 Milliarden Fotos, davon mindestens 450 Millionen, die mit Personennamen (getaggt) sind. Und das alles ganz freiwillig.

Jahn stellte dazu in einem Gespräch fest: "Wenn ich in Schulen über die Stasi erzähle, kommt die Diskussion sofort auf Facebook und die Bundestrojaner. Das finde ich klasse." Seiner Ansicht nach hätte die Staatssicherheit ein Instrument wie Facebook "brutal genutzt". Die Stasi mit ihrer opulenten Zettelsammlung, den Tonbändern, Wanzen und Videos, die einst den zweifelhaften Ruf des "besten Geheimdienstes der Welt" genoss, wirkt heute technisch natürlich total antiquiert. In einem Punkt hat die Stasi aber bis heute zumindest skurrile Maßstäbe gesetzt: mit ihrem ominösen Geruchsprobenarchiv.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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