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Partnersuche
Jochen Reinecke
Das perfekte Profil fürs Zusammensein

Das Internet hat die Suche nach dem richtigen Lebensgefährten enorm verändert. Es gibt viele neue Möglichkeiten - und neue Probleme

Die Partnersuche im Internet boomt. Nach einer Studie von Fittkau und Maaß geben mehr als die Hälfte der 5.254 Befragten an, dass sie sich vorstellen können, online den Partner für Ihr Leben zu finden. Der Grund dafür liegt auf der Hand: Die unbegrenzte Reichweite des Internets schafft eine größtmögliche Auswahl; ein Faktum, das wir gerne auch in anderen Lebenslagen nutzen: beim Kauf eines Fahrzeugs, bei der Suche nach einer Mietwohnung oder Immobilie - oder auf der Schnäppchen-Jagd.

Fragebögen Die Internet-Partnerbörsen haben in den vergangenen 20 Jahren eine regelrechte Revolution durchlaufen. Zu Beginn boten sie wenig mehr als ein nach Volltext oder bestimmten Parametern durchsuchbares Datenkonvolut. Nutzer registrierten sich und gaben bestimmte Basisdaten wie Wohnort, Größe, Augenfarbe, Schulabschluss oder Hobbies an - andere Nutzer wiederum konnten gezielt nach solchen und anderen Kriterien suchen. Das Problem hierbei: Ein Partner ist kein Gebrauchtwagen. Selbst, wenn die äußerlichen Parameter stimmen mögen, muss sich beim ersten Date nicht unbedingt Sympathie einstellen. Denn zu komplex und unvorhersehbar ist das Spiel aus Wunsch und Wirklichkeit - es kann der schönste Mensch nicht attraktiv wirken, wenn sich unterschiedliche Lebensauffassungen oder Konzepte für eine dauerhafte Partnerschaft zeigen. Und vielleicht verlieben wir uns auch gar nicht in das Äußere eines Menschen, sondern in seinen Humor und seine Warmherzigkeit.

Aus diesem Grund arbeiten moderne Partnerbörsen wie Parship, Elitepartner oder OKCupid nach einem völlig anderen Modell. Mithilfe eines aufwändigen Fragebogens werden ganz grundlegende Werte erfasst: Wie wichtig ist einer Person Ehrlichkeit und Offenheit? Wie viel Freiraum braucht sie in einer Partnerschaft? Darf es etwas leidenschaftlicher sein oder soll es sich um eine platonische Beziehung handeln? Möchte man in der Beziehung ungehemmt dem Hedonismus frönen oder lieber die Welt verbessern? Hinter den psychologisch ausgearbeiteten Fragen steckt letztlich ein Datenmodell. Alle wichtigen charakterliche Eigenschaften eines Menschen werden in einer Matrix aus Eigenschaft und ihrer jeweiligen Ausprägung hinterlegt - und nicht immer muss Übereinstimmung das beste "Match" bieten: Eine dominante Persönlichkeit wird sich beispielsweise tendenziell besser mit einer duldsamen verstehen anstatt mit ihresgleichen.

Im Unterschied zu den Datenfriedhöfen der Partnerbörsen aus der ersten Generation sind zeitgemäße Datingplattformen proaktiv. Jede neu angemeldete Person, jeder neue Datensatz, wird umgehend mit den gespeicherten abgeglichen. Wer eine solche Partnerbörse nutzt, erhält regelmäßig neue Partnervorschläge. Aus dem Kontaktverhalten nach der Zustellung solcher Vorschläge lassen sich Verfeinerungen der Profile generieren, der Algorithmus lernt gewissermaßen hinzu. Je mehr Daten vorliegen, desto besser zugeschnitten sind die Vorschläge.

Nun ist das seitenlange Ausfüllen von Fragebögen nicht Jedermanns Sache. Aus diesem Grund wird auch hier der Ansatz der so genannten Gamification gewählt: Machen wir ein Spiel draus! So bei OKcupid, einer der erfolgreichsten Singlebörsen, können Nutzer selbst Fragen entwerfen und dem Kanon hinzufügen. Somit ist sichergestellt, dass sich für jedes Interessensgebiet - und sei es noch so abwegig - ein potenzieller Partner findet. Nicht zuletzt gerät das Blättern durch die Fragebögen zuweilen zum unterhaltsamen Selbstzweck.

Doppelte Übereinstimmung Ähnlich, wenn auch psychologisch wesentlich weniger ausgefeilt, verhält es sich mit mobilen Apps wie Tinder oder Lovoo: Partnervorschläge erscheinen hier direkt als Foto auf dem Touchscreen des Smartphones: Per Wisch nach links oder rechts wird aussortiert - die guten ins Töpfchen, die schlechten ins Kröpfchen. Zusätzlich gilt bei vielen dieser Apps das Prinzip des "Double opt-in": Wenn Person A Gefallen an Person B gefunden hat, muss letztere ebenfalls eine Übereinstimmung vermelden - nur dann kommt ein Kontakt zustande. Auch hier lernt der zu Grunde liegende Algorithmus wieder aus den Ja-Nein-Entscheidungen beider Parteien: Je länger man die App nutzt, desto geringer ist die Chance, eine Person vorgeschlagen zu kommen, die nicht dem eigenen Attraktivitätsschema entspricht.

Ein großes Thema bei allen zeitgemäßen Singlebörsen ist der Datenschutz. In unseren Profilen sind sensible, höchst vertrauliche Daten gespeichert, und nicht jede Partnerbörse oder App macht transparent, welche Daten erhoben werden, wie sie gespeichert und gesichert werden - und was sonst noch so mit diesen Daten geschieht. Besonders riskant sind Applikationen, bei denen Facebook als Registrations- und Freischaltungsplattform genutzt wird: Im Feuereifer der Partnersuche, in der Vorfreude auf mögliche "Matches", werden allzu häufig schnell die Allgemeinen Geschäftsbedingungen ignoriert - mit wenigen Klicks können die Betreiber der App persönliche Vorlieben oder pikante, über die App geführte, Konversationen mit realen Personenstammdaten verknüpfen. Bei einem Hackerangriff sind die Folgen zuweilen fatal: Im Juli 2015 hackten Aktivisten die Fremdgeh-Partnerbörse Ashley Madison und machten nicht nur die Tatsache publik, dass ein großer Anteil der Profile lediglich Fakes waren - sie veröffentlichten unter anderem auch die Nutzernamen und E-Mail-Adressen aller registrierten Nutzer im Darknet. Weing später beging ein Priester, der bei Ashley Madison registriert war, Selbstmord.

Es lohnt sich also, eine Partnerbörse nicht nur nach ihren Features zu beurteilen, sondern auch danach, wie ernst sie die Datensicherheit ihrer Nutzer nimmt. Ansonsten gilt schnell die Gleichung: "Big Data" = "Big Problems".

Aus Politik und Zeitgeschichte

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