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Literatur
Thomas Andre
Spuk der Kraken

Romane spielen auf George Orwells Spuren die allgegenwärtige Digitalisierung gedanklich durch. Es sind auch Versuche, das geschriebene Wort gegen die visuelle Kultur des Internets zu verteidigen

Der Glaube an die eigene Erwähltheit und der Glaube daran, dass die Welt eine bessere werden kann: Das gehört in der Enthüllungsorganisation des fiktiven Whistleblowers Andreas Wolf zusammen. Dessen auf der digitalen Technik fußendes "Sunlight Project" ist eine literarische Nachbildung des neuen Machtfaktors im Nachrichten- und Gerechtigkeitsgeschäft - Wikileaks und Snowden sind ein guter Erzählstoff, das hat das Kino schon bewiesen. Und es ist kein Wunder, dass ausgerechnet Jonathan Franzen, der von Kritik wie Publikum gleichermaßen geschätzte Bestsellerautor aus New York, mit dem hinter dem Eisernen Vorhang aufgewachsenen Andreas Wolf einen an Julian Assange erinnernden Charakter in die Welt der Romane einführt. Anhand der sektenartigen Gemeinschaft der Hacker und Polit-Aktivisten, an deren Spitze der suspekte Hamlet-Charakter steht, treibt Franzen seine mehrfach geäußerte digitale Skepsis auf die Spitze. "Ersetzte man Sozialismus durch Netzwerke, hatte man das Internet", heißt es einmal in seinem gewaltigem neuen Gegenwartspanorama "Unschuld".

Schuld und Unschuld Der Vergleich von DDR und Facebook, die Behauptung des totalitären Systems "Internet" - die digitale Sphäre mit ihren durchaus fragwürdigen Transparenz- und Reinheitsbestrebungen wird von Franzen auf provozierende Weise kompromittiert. Der Klappentext spricht von einer "tiefschwarzen Komödie", dabei ist "Unschuld", dieser mehrere Jahrzehnte umfassende Roman, doch viel eher eine überaus ernste Studie über Schuld und Unschuld, Manipulation und Kontrollverlust. Es geht um Deutschland, ausgerechnet, und um die grundsätzliche Schuld, die jedes menschliche Wesen mit sich herum trägt. Die Sehnsucht nach dem ultimativ Guten, der persönlichen Exkulpation? Wird gestillt, indem man sich auf die Seite der neuen Supermoralisten gesellt. Sie brauchen lediglich einen Internetanschluss. Und im Falle des international gesuchten Andreas Wolf ein Camp in Südamerika, das vor dem Zugriff der Behörden geschützt ist.

In seiner Kritik folgt Franzen einem anderen amerikanischen Romancier, der die Zurschaustellung der negativen Implikationen der digitalen Revolution noch um einiges krasser betreibt. Dave Eggers, ein mit teilweise journalistischen Mitteln zu Werke gehender Diagnostiker des Zeitgeists, beschäftigte sich in seinem literarischen Werk bereits mit Krieg und Vertreibungen in Afrika (in seinem Roman "Weit gegangen") und der Hurrikan-Katastrophe in New Orleans (in "Zeitoun"). So parteiisch wie in seiner Internet-Dystopie "The Circle" war Eggers jedoch noch nie. Wer die digitale Schattenexistenz von Internet-Nutzern, wer die Verquickung von sozialem Miteinander, Ökonomie und Technik verdächtig findet, für den könnte das plakative Anti-Internet-Fanal "The Circle" zur Bibel werden.

Aber was heißt Schattenexistenz: In "The Circle", das nicht zu Unrecht als Update von Orwells "1984" beschrieben worden ist, ist das digitale Leben das eigentliche. Wer sein Erleben nicht online "teilt", der hat gar keines. Im fiktiven und an Google oder Facebook erinnernden "Circle", dem hippen Vorzeige-Unternehmen des Internet-Zeitalters, herrscht ein radikaler Konformitätsdruck: Der Lifestyle der Mitarbeiter soll nach außen strahlen und die völlige Umwertung aller Werte befördern. Intimsphäre und Privatheit sind gestrige Konzepte, jetzt heißt es: "Teilen ist heilen" und "Alles Private ist Diebstahl".

Eggers verwebt in der verblüffend festgefügten Story um die junge Mae Holland, die neu zum "Circle" kommt und die zunächst euphorisch begrüßte "Alle-sind-mit-allen-verbunden-Philosophie" erst spät anzuzweifeln beginnt, die Internet-kritischen Motive zu einer Gegenwartsdiagnose, die frei ist von jeglicher Ambivalenz. Der Roman wirkt wie ein rot blinkendes Warnschild, das der durchdigitalisierenden Weltgesellschaft in den Weg gestellt werden soll. Die totale Transparenz, die der "Circle" anstrebt, ermöglicht zum einen den totalen Konsum. Das soziale Netzwerk als Datensammler, der Hersteller und Distributoren mit Adressen, Wünschen und Kauf-Gewohnheiten versorgt, das kennt man von Facebook. Auch die Komplett-Durchleuchtung des Individuums - mitsamt seiner Körperfunktionen -, wie Eggers sie imaginiert, klingt erschreckend realistisch. Und so stellt der Roman vor allem die Frage, wie wir leben wollen. Wollen wir wirklich eine von messianischem Furor getriebene visionäre Firma unser aller Leben kapern lassen? Wollen wir die Art von Scheinfreiheit, die diese propagiert? Oder erkennen wir die Unfreiheit, die der Überwachung und Vorführung unseres Innersten folgt?

Totale Moral "The Circle" wirkt, bei aller Wiedererkennbarkeit, in allem, was der Roman zu porträtieren sucht, wie eine maßlose Übertreibung. Sie ist so maßlos (auch in der Metaphorik), dass manch einer das Buch für eine Satire hielt. Wer Eggers' Romane kennt, der weiß, dass dem nicht so ist; sie gehören in den Bereich der engagierten Literatur und lassen stets den Humanisten erkennen, der Eggers ist. Wie in Franzens "Unschuld" machen sich die Verfechter des Digitalen im "Circle" zum Anwalt der totalen Moral. Sie herrscht dann, wenn Handlungen nicht mehr unbeobachtet vollzogen werden können. Die Überwachung von Politikern ist ein Kernziel, noch besser aber ist direkte Demokratie via Mausklick. Dass dies zum Beispiel eine Entkoppelung von Vernunft und Entscheidungsfindung zur Folge haben könnte, muss so genau gar nicht thematisiert werden. In der schonungslosen Roman-Draufsicht auf die neue Zeit reicht der Blick auf sagenhaft naive und unselbständige Figuren, um zu dem Schluss zu kommen: So kann kein Gemeinwesen der Welt sein Zusammenleben organisieren. Oder?

"The Circle" spielt im Silicon Valley, aber es ist die große Gegenschrift zum dort gängigen Fortschritts-Enthusiasmus. Auf "Unschuld", das in ästhetischer Hinsicht wenig überraschend wesentlich höher einzuschätzen ist (man beachte die Tiefe der Figurenzeichnung), trifft dies ebenfalls zu. Wo in der von Franzen beschriebenen "Sunlight"-Welt ein europäisch grundierter Wille zum Drama zu finden ist, der mit der ödipal gestörten Anlage des Heilsbringers Wolf zu tun hat, ist in "The Circle" jedes Konfliktpotenzial auf maximal deutliche Weise angelegt, so dass einem die Story doch recht schnell fad erscheint. Dass ein soziales Netzwerk als "I like"-Korrektiv und exhibitionistisches "Schaut alle her"-Kollektiv keine Form von Individualismus mehr zulässt und deswegen gefährlich ist, ist als Aussage doch zu offensichtlich und erwartbar. "The Circle" funktioniert zwar als Zusammenfassung aller kursierenden Problemstellungen über das, was digitale Umwälzungen mit uns machen oder machen könnten. Der Impuls zur gedanklichen Dialektik, die Vor- und Nachteile abwägt und das Verhalten eines aufgeklärten Bürgers angesichts der Fülle an Möglichkeiten auszuloten versucht, geht jedoch kaum von dem Roman aus.

Alarmismus Er unterschlägt in seinem grellen Alarmismus die nachgerade altmodische Vorstellung, dass man sich dem Terror des Teilens entziehen kann, indem man auch mal einfach nur analoge Dinge tut, wie zum Beispiel ein Buch zu lesen. Gibt es eine ähnlich unsoziale und den Netzwerken entzogene Tätigkeit? In der Romanwelt von "The Circle" müsste man sich beim Lesen freilich filmen lassen oder mindestens den "Gefällt mir"-Button zücken.

Vielleicht müssen es unbedingt Schriftsteller sein, jene Schöpfer einer Form, die selbst dem Druck des Digitalen ausgesetzt ist, die den Spuk der Krake aufs Tapet bringen. Die Internet-Kultur ist eine visuelle Kultur. Wer ihr mit einem Pamphlet gegen die Macht der Großkonzerne und der Transparenz-Ideen zu Leibe rückt, der versucht sich auch an der Rettung des geschriebenen Worts.

Der Autor ist Redakteur beim "Hamburger Abendblatt".

Aus Politik und Zeitgeschichte

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