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Internet
Dirk Neubauer
Auf die Überholspur

Beim Zugang zum Netz hinkt Deutschland anderen Nationen hinterher. Die »Digitale Agenda« soll das ändern

Im Jahr 2052 lebt jeder Mensch in seiner eigenen digitalen Wolke. Davon ist Professor Mohsen Rezagholi überzeugt. Zum 40-jährigen Jubiläum der Informatik an der Hochschule Furtwangen wagte der Dekan einen Blick 40 Jahre voraus. In seiner Vision tragen die Menschen der Zukunft ein Stück Hardware mit sich herum, das nicht bloß Dateien speichert, sondern ganze Persönlichkeiten. So können Kinder mit früh verstorbenen Elternteilen reden als seien diese körperlich anwesend. Und auch das eigene Selbstbewusstsein wird so gespeichert, dass es jederzeit abgerufen werden kann.

Bis es mit der digitalen Unsterblichkeit soweit ist, muss Deutschland gegenüber anderen Staaten allerdings noch einiges aufholen. Um Rezagholis Phantasie Wirklichkeit werden zu lassen, braucht es ein flächendeckendes, hoch leistungsfähiges Breitbandnetz aus Glasfaserleitungen. Ausgerechnet bei diesem, bereits heute für Bildung, Gesundheitsvorsorge, Start-Ups und Industrie so unerlässlichen Rückgrat mangelt es im Land der Dichter und der Schwerindustrie. Das soll sich ändern. Das Bundeskabinett hat Deutschland eine "Digitale Agenda" verschrieben, die aus den vier Handlungsfeldern Infrastruktur, Wirtschaft, Staat und Sicherheit besteht: So sollen bis 2018 sollen alle Haushalte über einen Internetanschluss mit einer Downloadgeschwindigkeit von mindestens 50 Megabit pro Sekunde verfügen. Wo sich ein Breitbandausbau für Unternehmen nicht lohnt, will die Bundesregierung mit Steuermitteln unterstützen.

Deutschland soll zudem in den kommenden vier Jahren digitales Wachstumsland Nummer eins in Europa werden. Das "Internet der Dinge", in dem jede Glühbirne eine eigene IP-Adresse besitzt, soll die Industrie 4.0 befeuern, Cloud Computing und Big Data ganz neue Unternehmen entstehen lassen. Auf der anderen Seite soll die Verwaltung des Bundes unabhängig werden von IT-Konzernen - und über eigene Netzwerke mit den Bürgern kommunizieren. Und nicht zuletzt gewinnen Datenschutz und die Abwehr von Cyberangriffen an Bedeutung. So soll das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik nach den Plänen der Bundesregierung mehr Personal und eine bessere Technik erhalten.

Vier Milliarden Euro Insgesamt stellt die Große Koalition vier Milliarden Euro bereit. Davon kommen 1,33 Milliarden Euro aus der Versteigerung von Mobilfunkfrequenzen Mitte 2015 (die Gesamteinnahmen daraus lagen bei mehr als fünf Milliarden Euro). Die übrigen 2,7 Milliarden Euro dotieren das Breitbandförderprogramm des Bundes. Der "Breitbandgipfel 2016" - während der CeBit in Hannover - sah darin eine "positive Dynamik für den Ausbau". Aufmerksamkeit und Geld vom Bund hätten für einen Schub gesorgt. Die Parlamentarische Staatssekretärin im Verkehrsministerium, Dorothee Bär (CSU), definierte die Bandbreite von 50 Megabit pro Sekunde für jeden Haushalt als "ersten und bedeutenden Zwischenschritt zu noch höheren Bandbreiten, die in Zukunft erforderlich sein werden". Aus der Sicht einer Projektmanagerin gibt sie dem Breitbandausbau in Deutschland ein "grünes Ampellicht". Soll heißen: Es läuft. Schriftlich teilte die Bundesregierung mit, dass es 2015 einen Zuwachs an Breitbandanschlüssen von insgesamt elf Prozent gegeben gebe.

Bär bekam sofort Widerspruch. Hannes Schwaderer, Präsident der Netzwerkinitiative D21, mahnte gleichwertige Lebensbedingungen in den Großstädten und Ballungsräumen Deutschlands und auf dem Land an: "Investitionen in eine flächendeckende digitale Infrastruktur sind sowohl aus wirtschaftlicher als auch gesellschaftlicher Perspektive ein unumgänglicher Imperativ. Sonst fehlt die Grundlage für moderne Gesundheitsdienste, Bildungsangebote, aber auch innovative, neue Geschäftsmodelle." Das sieht der Internetverband "Eco", mit mehr als 900 Mitgliedsunternehmen immerhin der größte seiner Art in Europa, genauso. Bei der Netzinfrastruktur brauche es einen viel größeren Sprung als den in der "Digitalen Agenda" skizzierten. Ein wirklich schnelles Internet in Deutschland würde 20 bis 80 Milliarden Euro kosten - beziffert das für Infrastruktur und Netze zuständige Vorstandsmitglied Klaus Landefeld den aus seiner Sicht eigentlich notwendigen Aufwand. Und setzt diese Investition in Relation zur Wertschöpfung der Informations- und Kommunikationstechnologiebranche, die in der "Digitalen Agenda" mit 85 Milliarden Euro jährlich angegeben wird. Gefordert wird mehr Chancengleichheit beim Geschäft mit den Nullen und Einsen. Momentan blieben die meisten Gewinne bei einigen wenigen Unternehmen hängen. Immer wieder wird in diesem Zusammenhang das ehemalige Staatsunternehmen Telekom kritisiert. Deren Kabel-Angebote bleiben hinter denen vergleichbarer internationaler Kommunikationsunternehmen zurück. Das Funknetz LTE gilt als viel zu langsam - vor allem für das mobile Internet. Und auch das Vectoring - eine Technik zur Beschleunigung althergebrachter Telefonleitungen aus Kupferdraht - ist fest in der Hand der Telekom.

Bremse Ihre Interessenvertreter stehen nach Meinung von Kritikern wie dem Gründer von "netzpolitik.org", Markus Beckedahl, seit Jahrzehnten auf der Breitband-Ausbau-Bremse in Deutschland. Für Deutschland habe sich daraus ein massiver Wettbewerbsnachteil gegenüber anderen Wirtschaftsnationen ergeben. Statt flächendeckend moderne Glasfaserkabel zu verlegen, klammere sich das ehemalige Staatsunternehmen an die längst veralteten Kupferdrähte. Selbst in bestens erschlossenen Ballungsräumen und Großstädten würden sämtliche Vorteile des schnellen Glasfaserkabels auf den letzten Metern wieder aufgegeben.

Bei dem so wichtigen Glasfaserausbau ist das Industrieland Tabellenletzter der Europaliga. Gerade mal jeder 20. Bundesbürger surfe mit mehr als 30 Mbit pro Sekunde durch den Cyberspace. In anderen Ländern liegen die Steigerungsraten bei der Nutzung von High-Speed-Internet längst im zweistelligen Bereich.

Der idealtypische Vertreter dieser 5,5 Prozent der schnellsten Deutschen im Netz ist 19 Jahre alt, Schüler, männlich und wohnt in Berlin oder Hamburg. Schon in den benachbarten Bundesländern Brandenburg oder Schleswig-Holstein tröpfelt das Internet nur noch in homöopathischen Dosen aus der Leitung. Von einem schnellen Upload im Sinne einer in beide Richtungen vernetzten Gesellschaft ganz zu schweigen. Während in Schweden, den Niederlanden oder der Schweiz selbst kleinste Dörfer mit einer Glasfaserleitung an das Word Wide Web angeschlossen sind, funktioniert in manchen Regionen von Brandenburg nicht einmal You Tube - wegen der mehr als mageren Leitungsquerschnitte.

Der Präsident der Bundesnetzagentur, Jochen Homann, beklagte gegenüber dem "Handelsblatt", Deutschlands Internetanbieter pickten sich die lukrativen Regionen und Städte heraus. Immerhin kostet der Breitbandausbau nach Angaben von Experten zwischen 60.000 und 70.000 Euro pro Kilometer. In dünn besiedelten Regionen sei dies kaum zu refinanzieren, entschuldigen sich die Industrievertreter. Und ließen weite Teile des Landes in den vergangenen Jahren im digitalen Halbschatten dahindämmern. Meist brauche es regionale Initiative, um große Anbieter wachzurütteln. Homanns Behörden liegen entsprechende Beschwerden von Landräten und Bundestagsabgeordneten vor. Eindringlich befragt, verwiesen die großen Unternehmen der Netzbranche darauf, dass sich der Aufwand eines Hochgeschwindigkeitsnetzes vor allem in ländlichen Regionen mit geringer Bevölkerungsdichte nicht lohne.

Träge Industrie Dass dies so nicht als das letzte Wort hingenommen werden muss, bewies der ebenso trägen wie milliardenschweren Telekommunikationsindustrie ausgerechnet der Chaos Computer Club. Der lud im vergangenen August zum Chaos Communication Camp nach Finowfurt in Brandenburg ein. Mitten in der digitalen Diaspora hatte das CCC-Netzwerkteam nur eine Aufgabe: Allen Gästen für ihre Endgeräte ein schnelles und stabiles WLAN zur Verfügung zu stellen. An einer 2,4 Kilometer vom Camp entfernten Hochspannungsleitung machten die Aktivisten ein Glasfaserkommunikationskabel aus, das einem Berliner Rechenzentrum gehörte. Dies möchte nicht genannt werden, aber erlaubte die zeitweise Nutzung seiner Leitung durch das Club Camp. Dann wurde mit den Bauern gesprochen, über deren Grundstücke der Abzweig gelegt werden sollte. Vom Hochspannungsmast aus strippten die CCC-Experten eine Glasfaserleitung entlang von Wegen, Feldern und durch einen Bach bis zum Camp - wo das Netz bis in den letzten Winkel verteilt wurde. Entweder als 10 Mbit/s-WLAN-Signal oder über 34 sogenannte Datenklos, die sternförmig aufgestellt und mittels Kabel verbunden wurden. An diesen Punkten standen über Kabelverbindungen sogar 52 Megabit pro Sekunde im Download und 64 Megabit im Upload zur Verfügung. Mehr als 3000 Geräte waren zu Spitzenzeiten pfeilschnell miteinander verbunden - und zwar untereinander auf dem Camp-Gelände als auch mit der übrigen Welt. Nur einmal funktionierte das Breitbandnetz nicht: Als ein Marder das Kabel an einer Stelle als kleinen Happen zwischendurch durchgenagt hatte. Aber auch dieser Schaden konnte rasch repariert werden.

Der Autor ist freier Politik- und Wirtschaftsjournalist in Düsseldorf.

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