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BERUFSBILDUNG
Alexander Weinlein
Verwaiste Werkbänke und überfüllte Hörsäle

Im europäischen Vergleich hat Deutschland die Nase vorne. Probleme gibt es dennoch

Grundsätzlich ist die Situation auf dem deutschen Arbeits- und Ausbildungsmarkt gut - vor allem wenn man die Zahlen mit anderen europäischen Ländern vergleicht. In Griechenland liegt die Jugendarbeitslosigkeit bei 51,4 Prozent, in Spanien bei 45 Prozent, in Deutschland hingegen bei nur sieben Prozent. Dennoch bewerten die Bundestagsfraktionen die Ergebnisse des Berufsbildungsberichtes 2016 (18/8300) sehr unterschiedlich. In der Debatte über den Bericht und zwei Anträge von Linksfraktion (18/8421) und Bündnis 90/Die Grünen (18/8259) am vergangenen Donnerstag lobten die Bundesregierung sowie CDU/CSU und SPD die Lage auf dem Ausbildungsmarkt. Hingegen sprachen Rosemarie Hein (Linke) von "Stagnation" und Beate Walter-Rosenheimer (Grüne) von "geplatzten Träumen".

In ihrem Bericht betont die Bundesregierung, dass das deutsche Berufsbildungssystem mit seinen vielfältigen Ausbildungs- und Aufstiegsmöglichkeiten und seinem Qualifikationsniveaus breite Karriereperspektiven biete. Und auch der Abgeordnete Thomas Feist (CDU) lobte den Ausbildungsmarkt insgesamt. Zugleich mahnte er, dass die akademische und die berufliche Bildung stärker ins Gleichgewicht gebracht werden müssten. Er wies darauf hin, dass die Zahl derjenigen, die eine berufliche Bildung absolvieren, nahezu gleich geblieben sei, hingegen die Zahl derjenigen, die eine akademische Ausbildung zumindest beginnen, stark gestiegen sei. "Da scheint etwas aus dem Lot zu geraten."

Rosemarie Hein kritisierte, dass die Zahl der abgeschlossenen Ausbildungsverträge leicht zurückgehe, wie auch die Zahl der Betriebe die ausbildet. Die Linke warnt in ihrem Antrag, dass es im deutschen Bildungssystem erhebliche Exklusionsrisiken gäbe - also Fallstricke, warum ein junger Mensch nicht erfolgreich eine Ausbildung absolviere. Neben der Weiterbildung bestehe in der beruflichen Bildung der größte Nachholbedarf für die Umsetzung inklusiver Bildung.

Positiv bewertete Rainer Spiering (SPD) die Situation auf dem Ausbildungsmarkt: "Bei aller Kritik: Die Berufsausbildung in Deutschland ist das beste Berufsausbildungssystem der Welt." Das System sei beweglich, es sei zeitangepasst und ein atmendes System. Es tue dem Wirtschafts- und Sozialsystem Deutschlands gut.

Ebenfalls kritisch bewertete Beate Walter-Rosenheimer (Grüne) das Ergebnis des Berufsbildungsberichts. Schließlich seien 21.000 Jugendliche bei ihrer Suche komplett leer ausgegangen, 271.000 seien statt an der Werkbank im System des Übergangs gelandet. "Für alle diese jungen Männer und Frauen ist der Traum von einer Berufsausbildung geplatzt." In ihrem Antrag weisen die Grünen darauf hin, dass theoretisch zwar auf 100 Ausbildungsplatzsuchende fast 104 Angebote kämen. Doch verliere diese Zahl immer mehr an Aussagekraft, da die Berufswünsche der jungen Menschen und die Ausbildungsangebote und gestellten Anforderungen der Betriebe immer seltener zusammenpassen würden.

Leere Stellen Bundesbildungsministerin Johanna Wanka (CDU) betonte, dass das Thema Berufsbildung und Ausbildung natürlich volkswirtschaftlich wichtig sei, dass es aber vor allem um die jungen Menschen gehe. "Es ist für jeden einzelnen Jugendlichen die Riesenchance, es ist für sein Lebensglück entscheidend, dass er eine Ausbildung macht." Wanka führte aus, dass 41.000 Ausbildungsplätze unbesetzt geblieben seien. Seit 2005 sei die Zahl der jungen Menschen, die nicht die formalen Voraussetzungen für ein Studium mitbrachten, um 22 Prozent gesunken sei. Im gleichen Zeitraum sei die Zahl der Ausbildungsplätze nur um neun Prozent gesunken. Das bedeute, dass die Wirtschaft weit über das normale Maß Ausbildungsplätze zur Verfügung stelle.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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